Ada Health

Siri, was fehlt mir?

Von Jonas Jansen
 - 14:09

Der schlaue Assistent von Ada Health steckt in einer App und soll helfen, wenn sich jemand krank fühlt. Das Programm steht also irgendwo zwischen Symptome-Googlen und der ordentlichen Konsultation eines Arztes. Der maschinell lernende Assistent fragt nach Symptomen wie Unwohlsein, Schwindel oder Kopfschmerzen, verknüpft das mit vorher eingegebenen Patientendaten wie Größe, Gewicht oder Allergien und sortiert die Antworten dann so, wie sie in früheren Fällen zu Krankheiten gepasst haben.

Das soll den Kunden der App dabei helfen, ihren Gesundheitszustand besser einzuschätzen. Wem der Bericht nicht reicht, kann den an einen Arzt weiterleiten, der sich dann telefonisch meldet. Mehr als 100 Mitarbeiter tüfteln in Berlin, München und London an der App, die seitdem sie Ende vergangenes Jahr in die App Stores von Apple und Google gekommen ist, von mehr als 1,5 Millionen Menschen genutzt wurde.

Dass hierzulande kaum noch jemand von Ada Health gehört hat, obwohl das Start-up nicht nur rasant wächst, sondern auch schon einige Preise abgeräumt hat, liegt daran, dass es in Deutschland erst seit kurzem auf dem Markt ist. Das liegt vor allem daran, dass Gesundheitsapps hierzulande viel stärker reguliert sind als etwa in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten, wo Ada vor allem genutzt wird. Da ist es schwierig, richtig bekannt zu werden.

Mehr Personal und ein Büro in Amerika

Doch das könnte sich nun ändern: Denn am Mittwoch hat das Berliner Start-up verkündet, dass es 40 Millionen Euro von Investoren erhalten hat. Der Großteil des frischen Kapitals kommt von Access Industries, der Investmentgruppe des Milliardärs Len Blavatnik, dem auch die Warner Music Group gehört, einer der größten Musikverlage der Welt. „Ada ist eines der spannendsten Unternehmen, wenn es darum geht, Gesundheit mit künstlicher Intelligenz zu verbinden“, sagt Guillaume d’Hauteville, der im Vorstand von Access Industries sitzt.

Außerdem mischt in der Finanzierungsrunde der Technologieinvestor June Fund mit, der wiederum mit Philipp Schindler zusammenarbeitet, der für Googles operatives Geschäft zuständig ist. Neben einem Berliner Technologie-Fonds gehört auch William Tunstall-Pedoe, der die Technologie hinter Amazons Alexa erfunden hat, zu den Investoren. Die App funktioniert auch mit dem Sprachassistenten Echo des amerikanischen Onlinehändlers. Das Geld will Ada vor allem dazu verwenden, ein Büro in den den Vereinigten Staaten zu eröffnen und das Team Ingenieuren, Wissenschaftlern und Medizinern zu vergrößern.

Analysten von Roland Berger haben jüngst in einer neuen Studie ein globales Wachstum des digitalen Gesundheitsmarkts von gut 20 Prozent pro Jahr prognostiziert. Bis zum Jahr 2020 soll Roland Berger zufolge der Markt für digitale Lösungen im Gesundheitswesen rund um die Welt einen Wert von mehr als 200 Milliarden Dollar erreichen. Vor zwei Jahren lag die Zahl noch bei 80 Milliarden Dollar.

Gleichzeitig gibt es noch Vorbehalte, auch wenn es zuletzt Vorstöße wie das eHealth-Gesetz gegeben hat, das von Mitte 2018 an soweit sein soll, dass Arztpraxen und Krankenhäuser flächendeckend an die Telematik-Infrastruktur angeschlossen sind. Doch noch im vergangenen Jahr hatte das Bundesgesundheitsministerium eine Studie mit dem Titel „Chancen und Risiken von Gesundheitsapps“ vorgestellt.

Darin hat eine Marktanalyse ergeben, dass es zwar viele Apps in den Kategorien „Medizin“ und „Gesundheit und Wellness“ gibt, aber Produkte mit diagnostischem oder therapeutischem Anspruch bisher eher selten sind. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) ließ sich darin so zitieren: „Bei mehr als 100.000 Gesundheits-Apps ist es für Bürger, aber auch für Ärzte nicht einfach, zwischen guten und schlechten Angeboten zu unterscheiden. Nötig sind klare Qualitäts- und Sicherheitsstandards für Patienten, medizinisches Personal und App-Hersteller.“ Gleichzeitig müsse dafür gesorgt werden, dass Produkte, die einen wirklichen Nutzen für Patienten bringen, schnell auf den Markt kämen und auch in die Versorgung der Krankenkassen einfließen.

Vorbehalte in Deutschland

Auch Ada kooperiert schon mit deutschen Institutionen: Mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung kooperiert Ada in der Erforschung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Medizinische Hochschule Hannover prüft gemeinsam mit Ada das Potential eines Systems, das seltene Erkrankungen frühzeitig diagnostizieren kann. Doch das eigentliche Produkt des Unternehmens, die App mit dem Assistenten, gibt es noch nicht in vollem Umfang mit allen angeboten Funktionen in Deutschland, obwohl das Unternehmen in Berlin sitzt.

Das soll sich aber bald ändern. „Als Start-up, das in Deutschland gegründet wurde und einen Großteil der Forschung und Entwicklung in Deutschland leistet, ist der Heimatmarkt besonders wichtig für uns“, sagt Daniel Nathrath, Mitgründer und Geschäftsführer von Ada Health, im Gespräch mit FAZ.NET. Allerdings bringe Deutschland andere Herausforderungen mit sich als andere Märkte, in denen Ada vorher gestartet sei. Erst in der vergangenen Woche hat Ada eine deutschsprachige App herausgebracht. „Entscheidend für unseren Erfolg in Deutschland wird sein, die Leistungserbringer, sprich Kassen und Versicherungen, mit an Bord zu holen. Für sie bieten wir einen erheblichen Mehrwert, indem Patienten bereits mit unseren Analyseergebnissen zum Arzt gehen – und indem Patienten direkt zum richtigen Arzt verwiesen werden. Wir sind hier in sehr guten Gesprächen mit Kassen und Versicherungen“, sagt Nathrath.

Der Gründer zeigt sich zuversichtlich, dass sich das Produkt auch in Deutschland gut entwickeln könnte, alleine die Masse an Google-Suchen zu Gesundheitsthemen zeige einen Markt. „Was sich ändern muss: Der Umgang mit Daten muss in Deutschland realistischer werden. Für die Gesundheitsforschung gilt: Ohne Fälle, sprich ohne Daten, gibt es keinen Fortschritt. Unser KI-basiertes System ist auf Daten angewiesen, um sich stetig weiter zu entwickeln“, sagt Nathrath.

Freilich steht auch den drei Gründern von Ada noch einiges an Arbeit bevor, den Forschern Claire Novorol und Martin Hirsch, die sich um die technische und gesundheitliche Komponente von Ava kümmern, genauso wie dem Manager Nathrath, der das operative Geschäft im Blick hat. Denn noch sind gerade im Markt mit Gesundheitsapps viele Fragen offen: Während sich die Fintechs im Finanzsektor schon damit auseinandersetzen, wie besonders schützenswert Finanzdaten sind, steht den Gesundheits-Start-ups eine noch größere ethische Diskussion bevor. Schließlich operieren sie mit zutiefst privaten Daten, Privatheit und Transparenz muss abgewägt werden und die Kontrolle der Daten und wem sie gehören, müssen organisiert sein. Gleichzeitig, das zeigte auch die Studie des Gesundheitsministeriums, halten Gesundheits-Apps die datenschutzrechtlichen Anforderungen häufig nicht ein. Oder wie es das Ministerium ausdrückt: „Bei der Datenschutzerklärung und der Einholung von Einwilligungen durch die Nutzer fehlt es oft an Transparenz.“

Doch betrifft das freilich nicht nur die Jungunternehmen, die unter besonderer Beobachtung stehen. Denn fairerweise muss man sagen, dass zuletzt vor allem etablierte Marktteilnehmer besonders unangenehm aufgefallen sind. Im vergangenen Jahr waren alleine durch Hackerangriffe auf die Versicherer Anthem und Premera Blue Cross die Patientendaten von gut 90 Millionen Amerikanern betroffen. Krankenhäuser waren von Ransomware-Angriffen betroffen, die ihre Daten verschlüsselt haben. Wo Patientendaten abgelegt werden und wie sie geschützt sind, muss demnach in Zusammenarbeit von Konzernen und Regulatoren besser festgelegt werden. Das nutzt dann auch den Gesundheits-Start-ups - und danach auch im besten Fall dann den Patienten.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Jansen Jonas
Jonas Jansen
Redakteur in der Wirtschaft.
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