Googles neue Nüchternheit

„Bitte nicht stören“

Von Roland Lindner, New York
 - 22:30

Auf den Entwicklerkonferenzen der großen amerikanischen Technologiekonzerne kehrt in diesem Jahr eine neue Nüchternheit an. Traditionell wird hier Technologiebegeisterung zelebriert, aber diesmal rücken auch die Schattenseiten des technischen Fortschritts stärker in den Vordergrund. Die „F8“-Konferenz des sozialen Netzwerks Facebook in der vergangenen Woche stand im Zeichen der Affäre um den Missbrauch von Nutzerdaten, von der das Unternehmen derzeit erschüttert wird. Am Montag sprach Satya Nadella, der Vorstandsvorsitzende des Softwarekonzerns Microsoft, auf der „Build“-Konferenz seines Unternehmens über die Verantwortung der Branche.

Am Dienstag folgte Sundar Pichai, der Vorstandsvorsitzende des Internetgiganten Google, und schlug auf der Entwicklerkonferenz „Google I/O“ am Unternehmenssitz im kalifornischen Mountain View nachdenkliche Töne an: „Es ist klar, dass Technologie eine positive Kraft sein kann. Aber es ist genauso klar, dass wir nicht naiv sein können, welche Veränderungen Technologie bewirken kann.“ Es sei daher wichtig für die Branche, bei der Entwicklung ihrer Produkte „sorgfältig und überlegt“ vorzugehen.

Google brachte sich am Dienstag in die gegenwärtige Diskussion um Suchtgefahr von Technologieprodukten mit neuen Funktionen für das „digitale Wohlbefinden“ ein. Pichai sprach über die „Angst, etwas zu verpassen“, die viele Menschen heute an ihre Smartphones kette, im Englischen ist oft von „FOMO“ die Rede, für „Fear of Missing Out“. Der Google-Chef sagte, sein Unternehmen wolle dabei helfen, dass Nutzer künftig ein gutes Gefühl haben, wenn sie abschalten, also „JOMO“ für „Joy of Missing Out“. Google-Manager Sameer Samat sagte: „Es ist uns wichtiger denn je, das digitale Wohlbefinden von Menschen zu steigern.“

Zurück zum Schwarz-Weiß-Display

Vor allem das Betriebssystem Android wurde für seine neue Version mit einer Reihe von Funktionen und Kontrollmöglichkeiten ausgestattet, die dazu gedacht sind, zu einem bewussteren Umgang mit Smartphones zu animieren. Android bekommt ein „Dashboard“, auf dem Nutzer zum Beispiel sehen können, wie oft sie ihr Gerät entsperren, wie lange sie es nutzen und wie viele Benachrichtigungen sie bekommen haben. Es gibt auch Detailinformationen zu einzelnen Diensten, also zum Beispiel wie viel Zeit Nutzer mit E-Mails oder mit dem Ansehen von Videos auf Youtube verbringen.

Künftig wird es Android-Nutzern auch möglich sein, die Nutzung spezifischer Anwendungen („Apps“) zeitlich zu begrenzen und sich darauf hinweisen zu lassen, wenn sich die festgelegte Zeit dem Ende nähert. Eine neue „Bitte nicht stören“-Funktion stoppt visuelle Benachrichtigungen, und ein „Herunterfahren“-Modus stellt Geräte zu einer festgelegten Zeit auf Schwarz-Weiß-Darstellung um. Damit soll es weniger verführerisch gemacht werden, nachts im Bett noch lange Zeit mit dem Gerät zu verbringen.

Auch bei anderen Angeboten können sich Nutzer künftig von Google animieren lassen, die damit verbrachte Zeit zu dosieren. Youtube kann sie nach einer bestimmten Zeit dazu auffordern, eine Pause zu machen. Und es soll auch möglich sein, sich Benachrichtigungen nur noch einmal am Tag in gebündelter Form zusenden zu lassen.

Familienbilder statt Katzenvideos

Ebenso wie Google spricht auch das soziale Netzwerk Facebook in jüngster Zeit viel darüber, das „Wohlbefinden“ seiner Nutzer steigern zu wollen. Das Unternehmen hat zum Beispiel angekündigt, Einträge von Freunden und Familienmitgliedern künftig ein höheres Gewicht zu geben, was zum Beispiel zu Lasten sogenannter „viraler Videos“ gehen soll, die schnell im Internet verbreitet werden und die auf Facebook eine große Rolle spielen. Vorstandschef Mark Zuckerberg begründete das mit Studien, wonach es besser für das Wohlbefinden von Menschen sei, soziale Netzwerke für die Kommunikation mit ihnen nahestehenden Personen zu schaffen anstatt sich dort passiv Videos anzusehen oder Artikel zu lesen.

Wenn es Facebook und Google mit ihren Initiativen ernst meinen, könnten sie freilich ihrem eigenen Geschäft schaden. Denn ihr Geschäftsmodell besteht darin, aus der Aufmerksamkeit von Nutzern Kapital zu schlagen. Ihre Internetdienste sind weitgehend gratis, sie verdienen ihr Geld vor allem mit Werbung.

Google hatte am Dienstag noch eine ganze Reihe anderer Neuigkeiten, und wie schon im vergangenen Jahr war künstliche Intelligenz dabei ein zentrales Thema. Beispielsweise hat künstliche Intelligenz eine neue Funktion im E-Mail-Dienst Gmail ermöglicht, die Nutzern beim Schreiben von Nachrichten Formulierungen vorschlägt. Der Fotodienst „Google Photo“ schlägt seinen Nutzern künftig selbst Befehlsoptionen vor, etwa die Helligkeit von Fotos zu verbessern, alte Schwarz-Weiß-Bilder farbig zu machen oder Dokumente, die auf Fotos zu sehen sind, automatisch in ein pdf-Format umzuwandeln.

Google wird gesprächiger

Auch das digitale Assistenzprogramm „Google Assistant“ wurde mit Hilfe künstlicher Intelligez weiterentwickelt. Künftig soll es zum Beispiel leichter werden, fortlaufende Unterhaltungen mit dem Programm zu führen, ohne jedes Mal „Hey, Google“ sagen zu müssen. Der Assistent soll auch in der Lage sein, mehrere Anweisungen gleichzeitig auszuführen. Pichai stellte außerdem eine noch im Experimentierstadium befindliche Funktion vor, die es dem Assistenten erlauben soll, echte Telefongespräche zu führen, zum Beispiel mit Restaurants, um einen Tisch zu reservieren oder mit Frisörsalons, um einen Termin zu vereinbaren.

Google stellte außerdem eine neue Version seines Nachrichtenangebots „News“ vor, die ebenfalls mit künstlicher Intelligenz arbeitet und so Nutzern künftig die bestmöglichen Inhalte liefern soll. Außerdem soll es künftig möglich sein, kostenpflichtige Online-Abonnements von Publikationen über das eigene Google-Konto abzuschließen. Die Abonnenten können dann die Inhalte sowohl über Google als auch über die Internetseiten der Publikationen abrufen. Google beschrieb dies als Initiative, Qualitätsjournalismus zu unterstützen, und teilte mit, für dieses Angebot Kooperationen mit 60 Publikationen geschlossen.

Am Montag hatte schon Microsoft-Chef Nadella gesagt, die Branche habe eine Verantwortung, Vertrauen in ihre Technologie zu schaffen. „Wir müssen uns nicht nur fragen, was Computer tun können, sondern was sie tun sollten.“ Microsoft habe ein Ethikgremium, dessen Mitglieder „regeln“, welche Produkte das Unternehmen entwickle. Nadella nannte zudem Privatsphäre ein „Menschenrecht“, ebenso wie dies auch Tim Cook, der Vorstandschef des Elektronikkonzerns Apple, zuletzt oft getan hat. Der Microsoft-Chef lobte die Datenschutzgrundverordnung, die im Mai in Europa in Kraft tritt, als „gute Regulierung“, und er sagte, bei Microsoft arbeiteten mehrere hundert Softwareentwickler daran, das Unternehmen und seine Kunden in Einklang mit den neuen Regeln zu bringen.

Quelle: FAZ.NET
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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