CES in Las Vegas

Googles Großangriff auf Amazon läuft schon längst

Von Roland Lindner, Las Vegas
 - 12:55

Es fängt schon am Flughafen an. Auf einem Bildschirm am Taxistand steht „Hey Google“, der Aktivierungsspruch der Assistenzsoftware „Google Assistant“. Passend zum Ort des Geschehens folgt das Kommando: „Spiel’ dieses Elvis-Lied über Vegas“, dem mit der Antwort nachgekommen wird, nun werde es „Viva Las Vegas“ auf der Musikplattform Spotify zu hören geben.

Solche Begegnungen mit dem amerikanischen Internetkonzern sind auf der Elektronikmesse CES kaum zu vermeiden. An den Seiten der Hochbahn „Monorail“, die am Kongresszentrum vorbeiführt, steht „Hey Google“ in riesigen Buchstaben, und das Unternehmen hat einen großen und prominenten Stand draußen vor den Messehallen. Nur der für Las Vegas sehr untypische heftige Regen konnte Google in dieser Woche zwischenzeitlich stoppen. Wegen des widrigen Wetters blieb der Messestand am Dienstag geschlossen.

Google hat Rückstand auf Amazon

Dass Google sich so prominent inszeniert, ist völlig ungewohnt, denn üblicherweise hat das Unternehmen hier gar keine sichtbare Präsenz. Für den Sinneswandel gibt es aber gute Gründe: Der Messeauftritt dreht sich ganz um den mit Sprachbefehlen gesteuerten digitalen Helfer Google Assistant. Das Unternehmen kann in Las Vegas seine Entschlossenheit demonstrieren, das Programm als Plattform für die hier versammelte Elektronikindustrie zu etablieren und es ernst zu meinen mit seiner Aufholjagd in diesem Geschäft.

Google hat hier Rückstand auf den Online-Händler Amazon, der den Markt mit seinem „Echo“-Lautsprecher und der zugehörigen Software „Alexa“ zuerst besetzt hat. Im vergangenen Jahr musste Google noch zusehen, wie der Wettbewerber die Schlagzeilen auf der CES bestimmte.

Amazon war zwar nicht mit eigenem Stand vertreten, aber ein Stück weit trotzdem ein Star der Show, weil eine ganze Reihe von Partnerschaften angekündigt wurde, die darauf abzielten, Alexa in den verschiedensten Produkten zu integrieren, ob jetzt Autos oder Kühlschränke. Auf der Messe in diesem Jahr versucht Google nun, zu kontern und sich selbst als Partner zu empfehlen.

Amazon brachte seinen Echo-Lautsprecher im Jahr 2014 heraus, und er wurde zu einem Überraschungserfolg. Es half dabei, Sprachbefehle als Form der Bedienung elektronischer Geräte zu etablieren. Mittlerweile gibt es eine ganze Palette verschiedener Echo-Modelle: Klein oder groß, mit oder ohne Bildschirm.

Googles Konkurrenzprodukt „Google Home“ kam erst vor etwas mehr als einem Jahr heraus. Wie erbittert die beiden Unternehmen um Marktanteile kämpfen, ließ sich in Amerika im jüngsten Weihnachtsgeschäft beobachten, als sie die Preise für die Einstiegsversionen der Geräte auf unter 30 Dollar reduzierten. Der Branchenverband CTA, der die Messe in Las Vegas veranstaltet, schätzt, dass im vergangenen Jahr in Amerika mehr als 27 Millionen solcher digitaler Helfer verkauft wurden. Für dieses Jahr rechnet er sogar mit einem Absatz von 44 Millionen Exemplaren.

Die Unternehmen selbst geben keine konkreten Verkaufszahlen heraus. Aber nach Einschätzung von Experten dürfte Amazon in jedem Fall noch weit vor Google liegen. Auch der Elektronikkonzern Apple will in dem Geschäft mitmischen und demnächst den Lautsprecher „Homepod“ verkaufen, in den die hauseigene Assistenzsoftware Siri integriert ist. Das Apple-Gerät wird deutlich teurer sein als die Konkurrenzprodukte von Amazon und Google. Es sollte eigentlich schon zum jüngsten Weihnachtsgeschäft herauskommen, seine Einführung hat sich dann aber verzögert.

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Gerade Amazon und Google geht es indessen nicht nur darum, ihre eigene Hardware zu verkaufen. Sie wollen ihre Assistenzsoftware auch in Produkten anderer Hersteller unterbringen und damit gewissermaßen zu Plattformen machen. Das scheint auch zu funktionieren, denn auf der Messe wurden etliche Neuheiten mit integrierter Assistenzsoftware von Google oder Amazon präsentiert. In immer mehr Produkten stecken sogar beide digitale Helfer.

Nicht jeder will freilich Google oder Amazon allzu viel Raum geben. Der deutsche Daimler-Konzern stellte in Las Vegas ein neues Infotainment-System für seine Autos vor, für das er selbst eine Assistenzfunktion entwickelt hat. Dieses Programm ist zwar auch kompatibel mit den Assistenten von Google und Amazon, ist aber ein eigenes System und wird mit „Hey Mercedes“ angesprochen.

Forschungsvorstand Ola Källenius sagte auf der Messe: „Wenn man in einen Mercedes-Benz steigt, dann sollte das ganze Erlebnis von Mercedes-Benz geprägt sein.“ Und er beteuerte, der Mercedes-Assistent sei genauso hilfreich wie Alexa.

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© AP, reuters
Quelle: F.A.Z.
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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