Künstliche Intelligenz

Die Zukunft wird schlauer

Von Alexander Armbruster
 - 10:52

Wird die Künstliche Intelligenz so weit gehen, dass sie die reale des Menschen absorbiert? Ein Bericht aus der Zukunft könnte lauten, dass der Futurist, Autor und Google-Manager Ray Kurzweil lebt. Er hat nämlich sein Gehirn hochgeladen in einen Computer. Schauen wir zurück auf dieses Abenteuer: Kurzweil war der erste Mensch, dem das Hochladen gelang. Ein großes Experiment ist das gewesen – und bislang auch nicht wiederholt worden. Auch weil die Chancen nur fünfzig zu fünfzig standen, dass das fehlerfrei funktioniert. In seinem langen Leben ist das die nächste und spektakulärste Wendung, schon früher haben sich die Geister geschieden an dem, was er tat und sagte. Damals zum Beispiel, im Jahr 2017, wurde er belächelt, als er auf der Computermesse Cebit in Hannover darlegte, wieso der technische Fortschritt durch das Voranschreiten Künstlicher Intelligenz noch viel mehr Wohlstand ermöglichen werde, als die meisten Menschen zu jener Zeit ahnten.

Um einen Irrtum zu vermeiden: Künstliche Intelligenz war damals schon ein großes Thema gewesen. Unternehmen wie Google, Facebook, Microsoft, Apple, Baidu, Alibaba, Bosch, die großen Autohersteller, Banken, Versicherer und unzählige unbekannte Start-ups und Wagniskapitalgeber investierten hohe Summen, Milliardenbeträge, um in dieser Technologie voranzukommen. Ein regelrechter Wettlauf um die größten Talente war voll im Gange, international und direkt in die Universitäten hinein. Es gebe „keine Institution auf dem Planeten“, keine Behörde, kein Unternehmen, das nicht durch Künstliche Intelligenz verbessert werden könne, postulierte der Amazon-Gründer Jeff Bezos. Die Hoffnungen waren insgesamt groß und teils sehr konkret: schlaue Computerprogramme, die genau verstehen, was wir sagen, Autos, die auch in schwierigen Verkehrssituationen allein fahren können, komplizierte Krankheiten kurieren, Kapital erfolgreicher anlegen, den Energieverbrauch verringern und schließlich irgendwie alle Menschen reicher machen.

Beinahe jeder studiert nun

Natürlich waren auch Arbeitsplätze ein Thema. Und eines, das ängstigte. Denn klar war nicht nur den KI-Vordenkern gewesen, dass während dieser „Automatisierung auf Steroiden“, wie der renommierte Informatiker Andrew Ng das nannte, viele Arbeitsplätze verlorengehen und ganze Berufsbilder verschwinden würden. „Technischer Fortschritt hatte immer die Effekte, erstens den Wohlstand insgesamt zu vergrößern, zweitens neue Arbeitsplätze zu schaffen, drittens einige Berufe überflüssig zu machen. Der Aufstieg der Künstlichen Intelligenz wird dieselben Effekte haben“, sagte Yann LeCun, KI-Forschungschef von Facebook und einer der Pioniere des Feldes, im Rahmen der Serie über Künstliche Intelligenz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er fügte aber mit optimistischem Grundton hinzu: „Künstliche Intelligenz wird die menschliche Intelligenz erweitern, nicht ersetzen – in der gleichen Weise, wie jedes neue Instrument unsere Fähigkeiten vergrößert.“

Es hat geklappt, wenngleich die Umstellungen schon enorm waren. Programmieren lernen Kinder heute schon in Ansätzen in der Grundschule, Informatik ist einer der gefragtesten Studiengänge. Er ist verzweigter, es gibt Varianten für werdende Lehrer, Geschäftsleute, Mediziner. Zugleich kostet Studieren viel weniger Geld und das, obwohl beinahe jeder das nun macht: Vorlesungen gibt es im Internet auf höchstem Niveau und gleich von internationalen Fachgrößen. Nicht selten hören Zehntausende eine Vorlesung und absolvieren Prüfungen. Die Sprache ist dabei kein Problem mehr, weil hochintelligente Programme simultan und fehlerfrei von jeder Sprache in jede erwünschte andere übersetzen – und sogar die Stimme des Vortragenden perfekt simulieren.

Ärzte müssen nicht mehr vor Ort sein

Deutlich günstiger und für viel mehr Menschen erschwinglicher geworden ist auch eine exzellente medizinische Versorgung. Im Jahr 2017 machten sich gerade Ökonomen noch vielfach Sorgen darüber, dass die Kosten der Gesundheitssysteme womöglich aus dem Ruder laufen werden. Doch schon damals flackerte das Potential gelegentlich auf, zum Beispiel in einem Test des Supercomputers Watson, den IBM gemeinsam mit dem New York Genome Center durchführte und der ein beachtliches Ergebnis erbrachte: Um das Erbgut eines 76 Jahre alten Patienten mit lebensgefährlichem Gehirntumor zu analysieren und eine Therapie vorzuschlagen, brauchte Watson bloß zehn Minuten – ein menschlicher Experte dagegen 160 Stunden Arbeitszeit. Ein riesiger Unterschied, der Leben retten kann.

Heute ist das Standard und geht noch schneller. Medizin-Computer scannen Körper in Sekunden, stellen Symptome fest und empfehlen Behandlungen, die sie vielfach auch gleich selbst durchführen. Die Scanner sind mobil und günstig und überall verfügbar, die Computer stehen häufig in der Nähe großer Rechenzentren und können trotzdem vielerorts behandeln. Menschliche Ärzte gibt es gleichwohl noch, sie müssen der Therapie zustimmen, jedenfalls dann, wenn sich der Computer nicht hundertprozentig sicher ist. Und sie müssen teils auch selbst noch diagnostizieren, sind mit kreativen Gedanken immer wieder den Rechnern überlegen oder zumindest ziemlich ideale Kollaborateure – brauchen dafür aber in den meisten Fällen nicht mehr vor Ort beim Patienten zu sein.

Dass Computer und Mensch verschmelzen, dass Vorreiter des Fortschritts wie Kurzweil ihr Gehirn in eine Cloud hochladen, das markierte schon bald die Grenze der bisherigen Durchsetzung Künstlicher Intelligenz. Zwar hat es schon im Jahr 2017 Forschung gegeben, den eigenen Körper technisch hochzurüsten. Die Anstrengungen haben zunächst zugenommen, zumal die Anbindung des menschlichen Gehirns an einen Rechner eine ungeheure Faszination ausübte. Andererseits überzeugte das die allermeisten Menschen nicht, zumal sie ohnehin gesünder leben konnten und immer älter wurden. Kreativität und Phantasie, Gedankensprünge, originelle Einfälle und verrückte Dinge bleiben dem Menschen vorbehalten, war eine Erkenntnis. Nur die Philosophen bekamen eine spannende neue Frage hinzu: Ist der auf dem Rechner „lebende“ Kurzweil nun nur Künstliche Intelligenz oder noch ein Mensch?

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Armbruster, Alexander (ala.)
Alexander Armbruster
Redakteur in der Wirtschaft.
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