Geoffrey Hinton

Der „Elder Statesman“ der Künstlichen Intelligenz wird 70

Von Alexander Armbruster
 - 13:35

Schon mal etwas von Geoffrey Hinton gehört? Wer wissen will, wer dafür verantwortlich ist, dass Künstliche Intelligenz gerade angesagt ist, dass viel Hoffnung auf sogenannten künstlichen neuronalen Netzen ruht, kommt an dem britischen Informatiker nicht vorbei. Hinton ist einer der Vordenker, der seit Jahrzehnten darüber forscht. Immer wieder bezeichnen sie ihn als „Paten“ oder „Elder Statesman“ des Deep Learning, weil er seit den achtziger Jahren schon wie kaum ein anderer erreichte, das Interesse an dem Gebiet aufrechtzuerhalten und mit eigenen Ideen voranzubringen.

Auf das große Lob reagiert er einerseits zurückhaltend. „Das erscheint ein bisschen befremdlich, weil alle großen Durchbrüche aus Teamarbeit hervorgingen und einige Leute, die am meisten verantwortlich dafür sind, weitgehend unbekannt sind in den Medien“, sagt er. Fügt dann jedoch mit dem ihm eigenen Humor hinzu: „Aber ich schätze, dass es besser ist, zu viel Ansehen zu bekommen als zu wenig.“

„Ich will wissen, wie das Gehirn arbeitet“

Hinton stellt sich in seinem Forscherleben eine große Frage: Wie funktioniert das menschliche Gehirn? Er studierte zunächst Psychologie in Cambridge. Weil ihm das keine zufriedenstellende Antwort und nicht einmal einen Ansatz lieferte, promovierte er sich hernach in Edinburgh in Künstlicher Intelligenz. „Ich wollte verstehen, wie das Gehirn arbeitet, und ich dachte, der beste vorwärts weisende Weg wäre es, Computer zu verwenden, um verschiedene Theorien zu testen und herauszufinden, welche Theorien wirklich funktionieren“, erinnert er sich.

Das war auch der Grund, warum er sich innerhalb des Fachgebiets auf den Ansatz fokussierte, der heute gemeint ist, wenn von Deep Learning oder künstlichen neuronalen Netzen die Rede ist. Dahinter steckt das Ziel, Computerprogramme zu erdenken, in die komplexe Zusammenhänge nicht im Detail hineinprogrammiert werden, sondern die sie selbst lernen.

Auch seine Schüler machen Karriere

Hintons Haltung war auch insofern beachtlich, weil zu Beginn seiner Forscherlaufbahn die meisten Fachleute diesen Ansatz gerade als untauglich verworfen hatten. Hinton, zu dessen Vorfahren der Mathematiker George Boole gehört, ließ sich davon jedoch nicht abhalten. Nach Professuren in den Vereinigten Staaten fand er schließlich im nördlichen Nachbarland Kanada eine dauerhafte Akademikerbleibe, an der Universität in Toronto. International befand er sich weiterhin in einer absoluten Nische.

Dann geriet der Ansatz wieder in Bewegung – wegen der verfügbaren gewaltigen Datenmengen und der enorm gestiegenen Computerrechengeschwindigkeit. Schließlich erregte Hinton nicht nur das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit, sondern auch eines potenten Geldgebers: Nachdem er mit zwei Studenten einen prominenten Bilderkennungswettbewerb im Jahr 2012 gewann, stellte ihn das Technologieunternehmen Google an, von Toronto aus.

Seither ist er ein Star auf Fachtagungen, seine Meinung immer häufiger gefragt, auch von der Allgemeinheit. Sein Erfolg ist auch abzulesen an der Karriere früherer Mitarbeiter: Der Informatik-Professor Yann LeCun ist KI-Forschungschef des sozialen Netzwerks Facebook, Russ Salakhutdinov hat ebenjene Position inne in Diensten des iPhone-Herstellers Apple.

„In den letzten Jahrzehnten entwickelten verschiedene Forscher grundlegende Lernalgorithmen, welche heute auf Milliarden Smartphones und anderen Rechnern das tägliche Leben erleichtern. Hinton hat viel zur Popularisierung dieser Algorithmen beigetragen“, sagt Jürgen Schmidhuber, der deutsche KI-Fachmann, der ebenfalls schon lange zur internationalen Spitzenklasse zählt - und sich mit Hinton auch schon eine Kontroverse geliefert hat.

Kürzlich hat Hinton dann abermals eine Debatte angeregt: Er fragte, ob mancher derzeit angewendete KI-Ansatz nicht langsam an seine Grenzen stoße. Und machte einen neuen Vorschlag. Unter dem Schlagwort „Capsule Networks“ regte er an, künstliche neuronale Netze künftig von vornherein mit mehr Struktur auszustatten - auch dabei zog er eine Parallele zum menschlichen Gehirn und dessen Lernfähigkeit. Die endgültige Antwort darauf steht noch aus, die Fachleute werden das diskutieren. Vielleicht bekommt er an diesem Mittwoch die eine oder andere zusammen mit einem Glückwunsch. Denn heute wird er 70 Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Armbruster, Alexander (ala.)
Alexander Armbruster
Redakteur in der Wirtschaft.
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