FAZ.NET-Interview zu KI

„Die betrachten ein Auto wie ein Smartphone“

Von Alexander Armbruster
 - 11:28
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Künstliche IntelligenzWas macht Amerika besser?

Die Prophezeiungen, wie sehr Künstliche Intelligenz (KI) Wirtschaft und Gesellschaft verändern werden, scheuen auch große Vergleiche nicht. Der Google-Vorstandsvorsitzende Sundar Pichai oder der KI-Pionier Andrew Ng sagen etwa voraus, dass die Umwälzungen so umfangreich sein werden wie infolge der Elektrizität vor hundert Jahren – mindestens.

„Grundsätzlich ist Künstliche Intelligenz eine Art Infrastruktur“, sagt auch der deutsche Wissenschaftler und Unternehmer Ramin Assadollahi und ergänzt: „Sie ist ein Technologie-Paket, das aus verschiedenen Methoden besteht, Dinge besser zu machen oder kostengünstiger oder explorativer.“ Und ist sich sicher: „Sie wird überall mit hineinrutschen, wie etwa Alexa. Dass ich mit meinem Haus rede, wird nicht mehr aufzuhalten sein, weil die Vorteile die Nachteile von Datenschutz offensichtlich für den Markt aufwiegen. Ich glaube, dass wir KI sehr weit in das Leben bringen.“

Konkurrent für IBM-Watson

Assadollahi tüftelt selbst an immer schlaueren Computerprogrammen. Der in Teheran geborene Computerlinguist hat lange erforscht, wie das menschliche Gehirn funktioniert, wie es Sprache aufnimmt und verarbeitet – und daraus bereits erfolgreich Produkte gemacht. Mit seiner Unternehmung ExB Labs erfand er eine Software, die aus einer Abfolge von Wörtern versucht, das nächste Wort richtig vorherzusagen (Next-Word-Prediction). Das daraus hervorgegangene Patent verkaufte er im Jahr 2010 an den finnischen Handyhersteller Nokia. Die Technik ist auf unzähligen Mobiltelefonen im Einsatz; sie erleichtert es, Nachrichten zu schreiben, ist so etwas wie einer Erweiterung der Wortvervollständigung.

Derzeit arbeitet Assadollahi an Software, die beispielsweise medizinische Fachartikel lesen, verstehen und vergleichen können soll – und sieht sich hier als Konkurrent etwa des berühmten IBM-Computers Watson. Der Sinn eines solchen Angebotes erschließt sich schnell: Die Zahl der Fachartikel in der Medizin wächst und wächst, dem einzelnen Experten fällt immer schwerer, den Überblick zu behalten über Neuerungen in seinem Gebiet. Ein lernfähiger Computer kann ihm helfen, ihn aufmerksam machen auf verschiedene Anwendungen bestimmter Wirkstoffe und Verfahren etwa.

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Künstliche Intelligenz„Wenn ich mit meinem Haus rede...“

Zudem entwickelt Assadollahi mit seinen Mitarbeitern Software für und mit Autoherstellern, darunter etwa Audi. Wenn es um die Autobranche geht, dann ist seiner Ansicht nach übrigens nicht das autonome Fahren die langfristig größte Herausforderung, sondern anderer Fahrkomfort. „Wenn ich zum Beispiel ein selbstfahrendes Auto von BMW oder Mercedes habe, wird sich das Fahrverhalten nicht so stark differenzieren, weil das Auto von selber fährt“, sagt Assadollahi: „Das, was die Marke ausmacht und wie sich ein Auto anfühlt, das wird zunehmend von innen gemacht. Wie fühlt es sich an, wie erklärt es mir Sachen, dass es etwa gerade diese Route fährt und nicht eine andere, wie versteht es, warum es mich zu diesem Restaurant fahren will oder mir jenen Film zeigt.“

Die Chancen der deutschen Wirtschaft insgesamt und zumal der Industrie, in dem durch Künstliche Intelligenz befeuerten internationalen Wettbewerb erfolgreich zu sein, hält er für gut – auch wenn es längst große amerikanische und chinesische Tech-Konzerne gibt, die sich dadurch profitabler und an der Börse zu den wertvollsten Unternehmen der Welt gemausert haben. „Ich glaube, Amerika ist grundsätzlich in den großen Hardware-Sachen nicht so stark“, urteilt Assadollahi und erklärt: „Wir sind einfach ein Maschinenbauer-Land, wir haben die führenden Automarken mit den größten Volumen in Deutschland und wir haben eine lange Historie, perfekte Maschinen herzustellen und unsere Autos werden überall gekauft.“ Diese Perfektion zwinge „uns auch, auf der Softwareseite eher konservativ zu sein“.

„Im Apple-Store die Watschen holen“

Und gerade das sei andererseits „ein bisschen das Problem“, wenn man zum Beispiel „neue Automobil-Techniken“ anschaue wie Uber oder Tesla und Waymo. „Dort wird ein Auto einfach viel mehr wie ein Smartphone betrachtet. Das bedeutet: Das ist ein Ding von der Stange und das ist gut, aber der wesentliche Wert wird durch Software generiert.“ Und Software habe im Gegensatz zu geläufiger Hardware meist eben die Eigenschaft, dass sie nie wirklich perfekt ist und schon fehlerfrei, wenn sie auf den Markt kommt. „Software ist tatsächlich etwas, was man iterieren muss, das man an der Realität, am Publikum reiben muss und wo man sich das Feedback einholen muss.“

Da macht er übrigens auch einen grundsätzlichen Unterschied aus zwischen dem deutschen Unternehmertum und dem amerikanischen. „Da geht es nicht nur um Software-Design, da geht es um Mut, Nutzererfahrung zu machen, auch, sich in einem Apple-Store die Watschen zu holen.“ Seinen deutschen Landsleuten rät er, in diesem Bereich risikofreudiger zu werden. „Wir müssen uns grundsätzlich kulturell mehr erlauben, zu versagen – fail fast – und neu zu probieren und nicht einen Fehler nochmal zu machen.“

Die KI-Grundlagenforschung in Deutschland hält er für ordentlich, findet aber, dass der „Transmissionsriemen in den Markt“ noch nicht gut funktioniert. Als Beispiel nennt er den Lern-Algorithmus LSTM der beiden deutschen Informatiker Sepp Hochreite und Jürgen Schmidhuber, mit dessen Hilfe Google seine Suche und den Übersetzungsdienst verbesserte.

Wenn es wiederum um die Frage geht, ob durch Künstliche Intelligenz den Menschen die Arbeit ausgeht, antwortet er mit einem klaren Nein. „Ich glaube tatsächlich, dass viele menschliche Interaktionen, zum Beispiel wenn ein Pfleger mit einem alten oder kranken Menschen interagiert, stark davon ausgenommen sind“, sagt er.

Und sagt als einen wichtigen Unterschied gegenüber der Gegenwart voraus: „Die Arbeit wird sich in der Natur verändern. Wir werden zusehends weniger outsourcen in andere Länder, so dass wir zum Beispiel eben kein Call-Center mehr in Indien haben werden. Die Arbeit kommt entweder zum Computer und muss deswegen nicht mehr in Indien gemacht werden. Oder diese Algorithmen werden designt, trainiert und feinjustiert in Deutschland.“

Quelle: FAZ.NET
Alexander Armbruster
Redakteur in der Wirtschaft.
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