CES in Las Vegas

Zahnbürsten mit „Augmented Reality“

Von Roland Lindner, Las Vegas
 - 07:48
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Pauline Eveno klingt fast etwas irritiert: „Wir sind wohl so ziemlich die Einzigen hier, deren Produkt nicht vernetzt ist“, sagt die Mitgründerin des französischen Unternehmens Syos. Eveno ist mit Syos am Sonntagabend auf der „Unveiled“-Schau, traditionell einem der ersten Programmpunkte auf der Elektronikmesse CES, wo Dutzende Unternehmen Produktneuheiten vorstellen. Wie schon in den vergangenen Jahren sind vernetzte Gegenstände des Alltags oder das „Internet der Dinge“ ein beherrschendes Thema. Syos zählt nicht zu dieser Kategorie, bedient sich aber ebenfalls moderner Technik und zeigt eines der originellsten Produkte der Veranstaltung: maßgeschneiderte Mundstücke für Saxophonisten. Auf Basis eines Fragebogens, den Musiker ausfüllen, entwirft ein Algorithmus von Syos ein passendes Mundstück, das dann mit 3D-Druck aus Plastik hergestellt wird. Eveno hat auch den lokalen Musiker Eddie Rich mitgebracht, der sonst in Las Vegas in der Show der Gruppe Boyz II Men auftritt, an diesem Abend aber das Messepublikum mit seinem Saxophon unterhält. Rich sagt, er sei selbst zufriedener Kunde von Syos: „Das Mundstück, das sie mir gemacht haben, war auf Anhieb perfekt.“

Die „Unveiled“-Schau ist jedes Jahr ein kunterbunter Mix von Produkten. Es ist viel Abseitiges dabei, aber in diesem Tummelplatz von Ideen spiegeln sich auch die großen Trendthemen der Technologiebranche wider, ob es nun das Internet der Dinge ist oder „Augmented Reality“, also das Anreichern der realen Umgebung mit digitalen Elementen. Das französische Unternehmen Kolibree zeigt zum Beispiel eine „Augmented Reality“-Zahnbürste für Kinder, angeblich die erste ihrer Art. Sie soll Kinder auf spielerische Weise dazu bringen, sich ihre Zähne richtig und lange genug zu putzen. Das geschieht in Verbindung mit einem Smartphone, auf dem sich die Kinder selbst beim Putzen zusehen können. Sie sind dabei umgeben von einer digitalen Welt mit einem Gebiss, das widerspiegelt, wie gut sie beim Putzen vorankommen. Je besser sie ihre Sache machen, umso höher sind ihre Chancen, ein „böses Kariesmonster“ zu besiegen und digitale Trophäen zu gewinnen. Holly Hasegawa von Kolibree sagt, sie sei selbst Zahnärztin und dieser spielerische Ansatz funktioniere bestens.

Viele Aussteller versuchen, Besucher mit digital aufgerüsteten Versionen von alltäglichen Gegenständen zu begeistern. „Hi, sind Sie bereit für ein neues Duscherlebnis?“, fragt eine Vertreterin von Elmer, einem Hersteller von Duschkabinen aus Frankreich, die mit dem Internet verbunden sind. Der Vernetzungstrend bringt traditionsreiche Industrieunternehmen nach Las Vegas, die früher nichts mit der Veranstaltung am Hut hatten. Zum Beispiel Kohler, ein 1873 gegründetes amerikanisches Familienunternehmen, das Küchen und Bäder ausstattet und zum ersten Mal auf der CES ist. Kohler stellt einen vernetzten Spiegel vor, der mit der Assistenzsoftware Alexa des Online-Händlers Amazon arbeiten kann. Seine Nutzer können sich von ihm mit Musik unterhalten oder mit Informationen über Staus versorgen lassen. Kohler hat auch eine Reihe anderer vernetzter Haushaltsprodukte von Wasserhähnen bis zu Toiletten im Programm.

Viele der Produkte auf der „Unveiled“Schau haben mit Wellness oder Gesundheit zu tun. Es gibt auch eine Reihe von Neuheiten, die sich an Besitzer von Haustieren richten. Das amerikanische Unternehmen Petrics stellt zum Beispiel ein Hundebett vor, das die Temperatur regulieren und das Gewicht der Tiere messen kann. Es ist außerdem mit einem Fitnessgerät verbunden, das verfolgt, wie aktiv Hunde sind und wie viele Kalorien sie verbrauchen. Petrics sieht Bedarf dafür, weil mehr als 50 Prozent der Hunde und Katzen in amerikanischen Haushalten übergewichtig seien.

Einmal mehr fällt in diesem Jahr auf, wie gut die französische Start-Up-Szene in Las Vegas vertreten ist. Ein weiteres Beispiel dafür ist Evone, ein Hersteller von Schuhen, die mit Sensoren ausgestattet sind und Alarmsignale geben, wenn ihr Träger hinfällt. Das Unternehmen hat ganze Kollektionen solcher Schuhe, die sich jeweils an ein bestimmtes Zielpublikum richten, für das diese Produkte nützlich sein könnten. Darunter sind Senioren, Arbeiter und Outdoor-Enthusiasten. Eine ähnliche Idee verfolgt Zhor Tech, ebenfalls aus Frankreich, mit intelligenten Sicherheitsschuhen, die zum Beispiel feststellen sollen, wenn Arbeiter Ermüdungserscheinungen zeigen.

Deutschland zeigt auf der „Unveiled“Schau ebenfalls Flagge, aber nicht so sehr mit jungen Start-ups, sondern mit arrivierten Unternehmen wie Osram, Bosch oder Henkel. Bosch zeigt zum Beispiel eine Technologie, mit der die Luftqualität gemessen werden kann. Es ist ein Produkt, das zum Themengebiet „Smart Cities“ gehört, einem der Schwerpunkte der diesjährigen Messe. Damit sind digitale Lösungen gemeint, um die Lebensqualität in Städten zu verbessern. Henkel stellt für seine Marke Schwarzkopf Produkte zur Digitalisierung von Frisörsalons vor und hat dazu sogar den Starfrisör Kim Vo aus Los Angeles am Stand. Eines der Geräte soll zum Beispiel Haare genau analysieren, und auf Basis dieser Eigenschaften können im Salon maßgeschneiderte Haarpflegeprodukte zusammengemischt werden. „Unsere Branche war bei Technologie bisher so weit hintendran“, sagt Vo, der die Mittel bald in seinen Salons einsetzen will.

Eine große Rolle spielen auch diesmal wieder Roboter. Dabei stehen ganz klar solche Maschinen im Vordergrund, die als freundliche Helfer herüberkommen und nichts Bedrohliches verbreiten. Beispielsweise ist eine Roboterente zu sehen, die speziell dafür konzipiert ist, krebskranken Kindern emotionalen Beistand zu leisten. Der Roboter „Buddy“ des Pariser Unternehmens Blue Frog ist als Hausgenosse gedacht, der die Familie unterhält, beim Lernen hilft, auf Senioren aufpasst und das Haus überwacht. Er lächelt freundlich und hat große Glubschaugen. Rodolphe Hasselvander, der Vorstandschef von Blue Frog, beschreibt Buddy als eine Art Mischung aus Eve und Wall-E, den beiden Robotern aus dem Pixar-Film „Wall-E“. Er sagt, es sei ihm wichtig, dass „Buddy“ nicht an „Terminator“ erinnere. Steve Koenig vom Messeveranstalter CTA bringt die Entwicklung in diesem Produktsegment so auf den Punkt: „Der neueste Trend bei Robotern ist Kuscheln.“

Quelle: F.A.Z.
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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