Tech-Pionier Ashton

„2050 werden wir nicht mehr selbst Auto fahren dürfen“

Von Inge Kloepfer
 - 13:24

Herr Ashton, Sie haben schon Ende der 90er Jahre den Begriff „Internet der Dinge“ erfunden. Was ist das?

Es ist jedenfalls nicht nur der Kühlschrank, der mir auf meinem Handy mitteilt, dass die Milch aus ist, sondern viel mehr als das.

Nämlich?

Das „Internet der Dinge“ ist die Weiterentwicklung des Internets, bei der alltägliche Gegenstände in die Lage versetzt werden, Daten zu senden und zu empfangen. Das funktioniert mit Hilfe von Sensoren, also mit Mikros, Kameras, GPS, mit Chips wie auf den Kreditkarten oder mit Body-Tags. Die Sensoren werden mit dem Internet verbunden. Denn die Daten, die sie sammeln, müssen analysiert werden, um zu wissen, was um uns herum passiert, und um Vorhersagen darüber zu treffen, was noch passieren wird.

Das ist logisch, aber nicht wirklich revolutionär.

O doch. Das merken Sie schon daran, dass Menschen meiner Generation noch immer nicht richtig verstehen, worum es sich beim „Internet der Dinge“ handelt. Wir sind mit den Computern des 20. Jahrhunderts aufgewachsen. Diese Computer hatten Tastaturen, über die wir sie mit allerlei Informationen manuell gefüttert haben. Die Computer halfen uns dabei, Excel-Tabellen zu erstellen, aus denen wir etwas herauslasen. Heute verarbeitet der Computer die Daten selbst. Also: Er besorgt sich die Informationen, verarbeitet sie und lernt daraus. Darin liegt der Paradigmenwechsel. Solche Computer sind viel mächtiger als die, die von Menschen und Tastaturen abhängen.

Warum ist das so nützlich?

Der Beitrag der Sensoren und Computer ist, dass wir Dinge sehr viel effizienter produzieren, transportieren und verteilen können. Um es konkret zu machen: 1997 arbeitete ich als Produktmanager für Procter & Gamble. Wir hatten in einer neuen Farbserie einen Lippenstift, der unglaublich beliebt, aber vielfach ausverkauft war. Die hohen Umsätze, die wir uns erhofft hatten, blieben aus, weil er oft gar nicht zu bekommen war. Ich beschloss, eine ganze Armee von Mitarbeitern mit Stift und Klemmbrettern durch alle englischen Kaufhäuser zu schicken, um dem nachzugehen. Mit Stiften trugen sie in Listen ein, wo der Lippenstift gerade zu bekommen war und wo nicht. Anschließend gaben wir die Daten in den Computer ein und mussten feststellen, dass im Durchschnitt vier von zehn Läden diesen so beliebten Lippenstift nicht anboten. Mir wurde schlagartig klar, dass wir ein veritables Informationsproblem hatten. Unsere Computer hatten zwar ein Gehirn, konnten aber nichts wahrnehmen. Absurderweise dachten wir damals aber schon alle, dass wir im Informationszeitalter angekommen seien. Dabei waren wir weit davon entfernt.

Und dann?

Ich kam auf die Idee, winzige Funkchips in die Lippenstifte einzusetzen. Die Chips stellten eine Verbindung zum Internet her. Und fortan wussten wir, welches Kaufhaus über wie viele unserer Lippenstifte verfügte. Das Informationsproblem war gelöst. Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass es mal anders war.

Wie kam der Begriff schließlich in die Welt?

Mir war schnell klar, dass diese Informationen auf jeder Stufe der Lieferkette für jedes Unternehmen relevant waren. Die Wirtschaft würde Kosten in Milliardenhöhe sparen. Viele Unternehmen hatten Interesse. Ich arbeitete damals mit dem MIT zusammen, gründete zwei Jahre später dort sogar ein eigenes Institut. Um Gelder einzuwerben, hielt ich viele Vorträge. Immer hatten sie den gleichen Titel: das Internet der Dinge ...

... mit dem Sie eine Revolution entfachten.

Keine Revolution. Die Veränderungen vollziehen sich graduell und über Jahre. Immer mehr und immer bessere Sensoren sammeln immer präzisere Daten, die mit Hilfe von Algorithmen immer besser verstanden werden. Erst im Rückblick wird einem bewusst, welches Ausmaß die Transformation tatsächlich hat. Die Landwirtschaft ist ein gutes Beispiel. Die Bewässerung ist mit Hilfe der Daten von Sensoren inzwischen viel besser zu steuern. Wenn man die Sensoren auch noch mit der Wettervorhersage verbindet, dann bekommen die Pflanzen genau die richtige Menge an Feuchtigkeit. Das spart nicht nur Ressourcen, sondern erhöht auch den Output. Es gibt auch Sensoren, die den Reifegrad der Früchte bestimmen. Dann kann genauer entschieden werden, welche Frucht wohin verschickt werden muss. Die reiferen halten sich nicht so lange. Sie brauchen kürzere Wege, die weniger reifen gehen auf die lange Strecke.

Wenn immer mehr Sensoren zum Einsatz kommen, muss irgendjemand der Daten Herr werden.

Dafür brauchen wir lernende Maschinen. Sie müssen die Daten für uns interpretieren. Das schafft kein Mensch mehr. Hier liegt die eigentliche Herausforderung der nächsten Jahre. Die Sensoren sind schon ganz gut, die Maschinen müssen besser werden. Manche bezeichnen das als Künstliche Intelligenz. Ich meide den Begriff.

Wieso?

Weil das Auswerten von Daten nicht viel mehr ist als das Erkennen von Mustern mit etwas höherer Mathematik im Hintergrund. Menschen programmieren Software, die eigentlich nur nach Regelmäßigkeiten, Unregelmäßigkeiten und Korrelationen sucht. Aber die Algorithmen selbst müssen immer noch von Menschen entwickelt werden. Denken Sie an die Suchmaschinen fürs Internet: Bevor Google groß wurde, verließen sich die Internetnutzer auf andere Suchmaschinen. Dort saßen Menschen, die Websites kategorisierten, damit man sie finden konnte. Google hat früh erkannt, dass das wegen der Datenmenge auf Dauer nicht funktionieren würde, und programmierte dafür eine Software. Als intelligent würde ich die Software allerdings nicht bezeichnen.

Maschinen sammeln Daten und interpretieren sie. Am Ende werden sie für uns Entscheidungen treffen. Wir verlieren die Oberhand. Tesla-Chef Elon Musk hört nicht auf, davor zu warnen.

Elon ist ein großartiger Unternehmer, aber er ist kein Computerwissenschaftler. Ähnlich verhält es sich mit Stephen Hawking. Er ist ein phantastischer Physiker, aber kein Informatiker. Ich denke, beide liegen falsch. Sie deuten die Zukunft in die falsche Richtung, und dann kommen diese beängstigenden Vorhersagen heraus. Aber hinter der Software-Entwicklung stehen immer noch Menschen. In Szenarien, dass uns die Maschinen beherrschen, wird mit der Urangst der Menschen vor dem Kontrollverlust gespielt. Schon vor Jahrhunderten haben sich Menschen immer vor Monstern gefürchtet, die sie nicht mehr kontrollieren können. Ich glaube, die Gefahr ist eher, dass wir uns zu sehr auf Algorithmen verlassen und vergessen, dass diese nichts weiter als Werkzeuge für Ziele sind, die wir festlegen.

Auf welchem Feld werden Sensoren und lernende Computer in den nächsten Jahren die größten Veränderungen mit sich bringen?

Aus Sicht des Konsumenten wird es die Art der Fortbewegung sein. Computer werden die Mobilität revolutionieren. Mit dem selbstfahrenden Auto zum Beispiel. 2030 werden alle neuen Autos selbstfahrende Autos sein. Ziemlich bald schon wird es sicherer sein, dem Bordcomputer die Steuerung zu überlassen, als das Auto selbst zu fahren.

Ich glaube nicht, dass sich im Autoland Deutschland irgendjemand das Steuer aus der Hand nehmen lassen wird.

Das sagen Sie heute. Erinnern Sie sich daran, als vor gut 20 Jahren die ersten Handys auf den Markt kamen? Es waren mobile Telefone – noch lange keine Smartphones. Viele Menschen haben damals gesagt, dass sie auf diese Art der Erreichbarkeit lieber verzichten würden. Fragen Sie diese Leute heute, dann hat jeder von ihnen ein Smartphone. Die Smartphones haben unsere Kommunikation revolutioniert. Im Jahr 2000 hatten gerade einmal 25 Prozent der Menschen auf dem Globus ein Handy. Heute gibt es mehr Smartphones als Menschen. 2050 wird es uns gar nicht mehr erlaubt sein, unser Auto selbst zu steuern. Das wird für uns so selbstverständlich wie das mobile Telefonieren oder Surfen.

Welches Land ist führend in der Technologie des Internets der Dinge?

China. Definitiv. Das Land ist ganz weit vorne. Gefolgt von Deutschland. Amerika liegt mit Südkorea auf dem dritten Platz. Noch – die Vereinigten Staaten fallen derzeit stark zurück.

Was läuft falsch in den Vereinigten Staaten?

Stellen Sie sich zwei Athleten vor. Der eine ist besessen von dem Gedanken, dass er besser werden muss, weil er sonst den Anschluss verliert. Der andere wird immer fauler, weil er denkt, er sei so oder so nicht mehr zu schlagen. Was meinen Sie, wer den nächsten Lauf gewinnt? Die Deutschen sind von der Sorge getrieben, in Sachen Internet ein zweites Mal zurückzufallen. Diese Sorge hegt in Amerika fast niemand. Wenn man über Hightech in Amerika redet, dann denken die Menschen immer sofort an Facebook. Aber Facebook erfindet neue Technologien nicht selbst, sondern bedient sich ihrer lediglich. Bei Google sieht es ähnlich aus. Allerdings versucht man dort, innovativ zu bleiben und Produkte zu entwickeln, die sich exportieren lassen. Apple ist stark im Design. Viele technische Komponenten werden dagegen im Ausland hergestellt. In den Daten der Weltbank zu Hightech-Exporten manifestiert sich überdeutlich, wie stark die Vereinigten Staaten zurückfallen.

Sollen wir alle diese Veränderungen wirklich wollen?

Warum nicht? Das Leben wird besser. Die neuen Technologien werden dazu führen, dass unsere Urenkel älter als 100 Jahre werden. Das ist phantastisch. 2050 wird die durchschnittliche Lebenserwartung die 100 überschreiten. 1800 lag sie noch bei 36 Jahren. Das sind doch die besten Nachrichten, die man kriegen kann.

Kevin Ashton

Für die Tech-Branche ist Kevin Ashton, der Erfinder des „Internets der Dinge“, ein Guru. Ashton, der in Birmingham aufwuchs und an der University of London Skandinavistik studierte, suchte zunächst den Weg in die Wirtschaft. 1997 versah er Lippenstifte mit Funkchips und revolutionierte so die Warensysteme vieler Konzerne. 1999 siedelte er in die Vereinigten Staaten über und gründete am Massachusetts Institute of Technology ein Forschungszentrum, das Auto ID-Center. Der britische Technologie-Pionier lebt heute in Texas.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kloepfer, Inge (ink.)
Inge Kloepfer
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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