Zukunft der Menschheit

Der Youtube-Star der Künstlichen Intelligenz

Von Alexander Armbruster
 - 11:53
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Wuschelige Wirbelfrisur mit markanter blonder Strähne, gepflegter Sechstagebart, begeistert, freundlich – Siraj Raval ist auf der Videoplattform Youtube ein echter Star. beinahe 190.000 Nutzer haben seinen Kanal bislang abonniert, Tendenz steigend.

Das Überraschende daran: Seine Videos, in denen er stets selbst zumindest unter den menschlichen Akteuren die Hauptrolle spielt, drehen sich um alles andere als ein Thema für die breite Masse. Siraj Raval erklärt komplizierte Mathematik, neue Ideen in der Informatik, er führt in Künstliche Intelligenz (KI) ein. Und zwar diejenigen, die davon bislang keine Ahnung haben, aber unbedingt Verständnis entwickeln wollen. Seine Inszenierung erinnert sehr an die beliebte Comedy-Fernsehserie „The Big Bang Theory“, die sich um eine Nerd-Wohngemeinschaft dreht.

„Begleitet mich auf dieser Reise“

Raval führt zum Beispiel grundsätzlich in bestimmte Methoden der Künstlichen Intelligenz ein wie die im Moment viel besprochene Variante „Deep Learning“, aber auch in sehr spezielle Bereiche, die sich hinter kompliziert klingenden Ausrücken wie „Generative Adversarial Networks“, „PyTorch“ oder „Backpropagation“ verbergen. Alleine seinen acht Minuten dauernden Deep-Learning-Einführungsfilm „How to make a prediction“ („Wie man eine Vorhersage macht“) haben sich beispielsweise schon mehr als 170.000 Nutzer angesehen.

Sein neuestes Projekt ist ein auf drei Monate angelegter Einstiegskurs darüber, wie Computer mittels intelligenter Programme lernen. An ersichtlicher Hingabe mangelt es nicht, weder in den Videos noch in der Art, wie er sie etwa über den Kurznachrichtendienst Twitter ankündigt. „Mein neuer Maschinelles-Lernen-Kurs startet heute. Habe alles hineingegeben, was ich habe, mehr als jemals zuvor. Begleitet mich auf dieser Reise.“

Dass er sich selbst auf einer regelrechten Mission sieht, erklärt er gegenüber FAZ.NET so: „Als ich für sechs Monate durch Südostasien reiste, erlebte ich aus erster Hand die massiven Probleme, welche die Gesellschaft bewältigen muss. Probleme im Zusammenhang mit Umweltverschmutzung, Infrastruktur, Bildung. Mit menschlicher Intelligenz alleine würden wir Hunderte Jahre brauchen, um diese Probleme zu lösen. Ich realisierte, dass künstliche generelle Intelligenz unser Weg sein würde, um die Probleme in unserem Leben zu lösen, wenn wir sie richtig konstruieren. Ich entschied, mein Leben dem Ziel zu widmen, Menschen zu inspirieren und auszubilden für Künstliche Intelligenz.“

Er selbst studierte Informatik an der Columbia Universität in New York, dort entwickelte er beispielsweise Algorithmen für Operations-Roboter. Danach wechselte er vorübergehend als Software-Entwickler ins kalifornische Silicon Valley – vor anderthalb Jahren, im Januar 2016, veröffentlichte er dann sein erstes Video auf Youtube. „Meine Familie hatte nie viel Geld, aber sie weckte in mir einen Sinn dafür, wie wichtig Bildung ist“, sagt der im texanischen Houston geborene Sohn indischer Einwanderer. „Meine Eltern kauften mir den ersten Computer, als ich zwölf Jahre alt war, und ich verfiel der Technologie absolut von diesem Tag an.“

Ein deutsches Ausnahmetalent

Siraj Raval ist momentan vielleicht der quirligste, aber ganz und gar nicht einzige Experte, der im Internet kostenlose Kurse anbietet über dieses Thema. Ein anderer heißt Brandon Rohrer. Er studierte am Massachusetts Institute of Technology in Boston, arbeitete für Microsoft und steht mittlerweile in Diensten des sozialen Netzwerks Facebook. Nebenher betreibt er sein eigenes Blog und veröffentlicht dort eine ganze Serie eigener Videos über maschinelles Lernen, Künstliche Intelligenz im Allgemeinen und Datenanalyseverfahren.

Als Internet-KI-Lehrer engagiert ist auch Luis Serrano. Seine ebenfalls englischsprachigen Lektionen können unter Titeln wie „A friendly introduction to Deep Learning and Neural Networks“ auf Youtube gefunden werden. Serrano ist promovierter Mathematiker und war Software-Entwickler für das amerikanische Technologieunternehmen Alphabet, dem Mutterkonzern von Google. Mittlerweile gehört er zum Team für Künstliche Intelligenz der privaten Internetakademie Udacity. Sie bietet Kurse in vielen zukunftsträchtigen Themenfeldern an und zertifiziert den Absolventen auch erbrachte Leistungen inklusive Abschlusszeugnis.

Udacity gibt es seit dem Jahr 2012, Gründer ist der Deutsche Sebastian Thrun, selbst ein Ausnahmetalent. Der gebürtige Solinger studierte Informatik und promovierte sich Mitte der neunziger Jahre in Bonn. Wenige Jahre später wechselte er als Professor an amerikanische Universitäten, die in den Bereichen Informatik und speziell Künstliche Intelligenz zu den führenden Fakultäten auf der ganzen Welt zählen: erst an die Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh und dann nach Stanford an die Westküste. Er baute mit seinen Kollegen dort einen selbstfahrenden VW Touareg und gewann damit ein regelmäßig von der zum amerikanischen Verteidigungsministerium gehörenden Forschungsbehörde Darpa gesponsertes Autorennen.

Thruns Können fiel auch den Chefs von Google auf, das Unternehmen stellte ihn ein, Mitgründer Larry Page selbst engagierte ihn, um die zunächst geheimnisvolle Forschungsabteilung Google X aufzubauen. Thrun blieb gleichwohl begeisterter Lehrer. Eine wichtige Wegmarke war dann ein Einführungsseminar über Künstliche Intelligenz, das er Ende des Jahres 2011 im Internet anbot. Und das auf ein gewaltiges Interesse stieß: Ungefähr 160 000 Studenten hörten es an, mehr als 23 000 bestanden die Abschlussprüfung – ebenfalls im Internet. Thrun verabschiedete sich aus Stanford und gründete Udacity.

Die Nachfrage nach den Kursen wächst. Und es sind nicht nur Privatleute, die sich dafür entscheiden. Große Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter in Udacity-Kurse auf Fortbildung. Seit Anfang dieses Jahres arbeitet Udacity übrigens in Teilen auch mit Siraj Raval zusammen.

In Deutschland wiederum bieten führenden Fachleute eine kostenlose Ausbildung in Künstlicher Intelligenz an auf der Lernplattfom Mooc.House. Dahinter stehen die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften Acatech, deren Präsident der frühere SAP-Vorstandschef Henning Kagermann ist, und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Namhafte Dozenten etwa des DFKI, des Hasso-Plattner-Instituts und des Fraunhofer-Instituts unterrichten dort ebenso wie Vertreter zum Beispiel der Unternehmen BMW, Google, Blue Yonder und Nvidia. Gestartet ist diese Internetvorlesung mit der Computermesse Cebit in diesem Jahr. Auch hier gibt es ein Zertifikat für diejenigen, die mitmachen.

Und schließlich hat sich unlängst ein Mann mit einer ganz großen Mission zurückgemeldet: Andrew Ng will nicht weniger tun, als der ganzen Welt KI beibringen. Der Stanford-Professor rief einst die Künstliche-Intelligenz-Abteilung Google Brain mit ins Leben und war an einem beeindruckenden Versuch vor fünf Jahren beteiligt, der neue Hoffnung für „Deep Learning“ weckte. Dann wechselte er als KI-Forschungschef zum chinesischen Suchmaschinenbetreiber Baidu, verließ das Unternehmen aber in diesem Frühjahr überraschend – eine Nachricht, die den Börsenwert Baidus vorübergehend um mehr als eine Milliarde Dollar verringerte.

Seine neuen Kurse bietet er auf der Internetseite Deeplearning.ai an, ausgerichtet werden sie über die von Ng schon vor Jahren gegründete Internet-Lernplattform Coursera. Ng verkündete das hochgesteckte Ziel seines neuen Projektes im Internet mit dem in dieser Branche nicht ungewöhnlichen Pathos so: „Ich hoffe, wir können eine KI-gestützte Gesellschaft erschaffen, die jedem erschwingliche Gesundheitsversorgung bietet, jedem Kind personalisierte Bildung bereitstellt, günstige selbstfahrende Autos für alle erhältlich macht und sinnstiftende Arbeit für jeden Mann und jede Frau.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Armbruster, Alexander (ala.)
Alexander Armbruster
Redakteur in der Wirtschaft.
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