FAZ plus ArtikelKommentar zum Sozialstaat

Fremde an unseren Tafeln

Von Rainer Hank
 - 16:12

Der israelische Verhaltensökonom Dan Ariely hat vor ein paar Jahren mit seinen Studenten einen Versuch im Schokolade-Essen unternommen. Zunächst sollten die Probanden wählen zwischen edlen, aber teuren Lindt-Trüffeln und ordinären, aber billigen Schoko-Küssen von Hershey. Drei von vier Studenten entschieden sich für die feine Schweizer Schokolade. In einem Wiederholungsversuch gab es Hershey-Küsse umsonst, doch auch die Lindt-Pralinen hatten sich entsprechend verbilligt. Aber siehe da: Plötzlich gelüstete es die meisten nach Hershey-Küssen. Fazit: Wenn es etwas „für umme“ gibt, rasten wir aus. Und übersehen dabei die „Kosten des Umsonst“ (Ariely).

Der Versuch lässt sich behutsam auf den seit Wochen tobenden Streit über die deutschen Lebensmitteltafeln übertragen. Diese Tafeln verteilen mit vielen ehrenamtlichen Helfern kostenlos Güter, die ansonsten vernichtet würden, weil das Verfallsdatum überschritten ist. Im Kern geht es um den Vorwurf, dass die Existenz dieser Tafeln ein Beweis dafür sind, dass der Sozialstaat versagt und Armut durch staatliche Maßnahmen nicht hinreichend gelindert wird. Vieles, bloß nicht die herrschende Meinung, spricht für das komplette Gegenteil: Die Tafeln sind ein Beispiel dafür, wie staatliche Fürsorge und private Mildtätigkeit Hand in Hand gehen und jedermann eine auskömmliche Existenz ermöglichen. Ein jeder bekommt ein Dach über den Kopf und sein täglich Brot und Gemüse, wenn er, aus welchen Gründen auch immer, in einem Land annähernder Vollbeschäftigung nicht in der Lage oder willens ist, selbst zu arbeiten. Falsch ist die Unterstellung, die Zunahme der Tafeln seien ein Beleg zunehmender Armut. Eher schon sind sie ein Beleg für die dauerhafte Anwesenheit von Fremden in unserer Mitte. Und für das ökonomische Gesetz, wonach ein steigendes Angebot an Tafeln sich auch seine Nachfrage schafft.

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Quelle: F.A.S.
Rainer Hank
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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