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Mangel an Pädagogen

Lehrer braucht das Land!

Von Corinna Budras und Franziska von Haaren
 - 06:37
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Hinter vielen Schultüren spielt sich gerade Dramatisches ab. Die Abiturienten im ganzen Land stehen kurz vor ihrer mündlichen Prüfung oder haben sie gerade hinter sich gebracht. Es ist die letzte Möglichkeit, der Note noch einen Schubs zu geben. Niemals war das wichtiger als heute, jedes zweite Studienfach hat Zulassungsbeschränkungen. Hinzu kommt: Für viele ist es die erste große Prüfung in ihrem Leben. Es ist eine Zeit voller Anspannung und Nervosität. Und es wäre die beste Zeit für einen kleinen Streik.

Zu keinem anderen Zeitpunkt könnten Lehrer mit relativ geringem Aufwand so viel erreichen. Lehrer verfügen über eine ungeahnte und bisher kaum eingesetzte Machtfülle. Sie müssten nur in diesen Wochen die Arbeit verweigern und sich stattdessen mit ihren Transparenten vor dem Schultor versammeln. Es gibt so einige Forderungen, die auf diesen Transparenten stehen könnten: kleinere Klassen. Mehr Unterstützung bei der Integration von Flüchtlingen und behinderten Kindern. Ein Ende der befristeten Arbeitsverträge für Lehrer. Die Empörung der Schüler und ihrer bildungsversessenen Eltern könnte man sich lebhaft vorstellen.

Es gibt nur eine Institution, die das verhindern kann: das Bundesverfassungsgericht. Die höchsten Richter im Land werden am Dienstag ein Urteil fällen: Dürfen verbeamtete Lehrer streiken? Dazu muss man wissen: Derzeit besteht ein eisernes Streikverbot für alle Staatsbeamten. Davon gibt es 1,8 Millionen in Deutschland, auch in Bereichen, die weit weg von klassischen Hoheitsaufgaben sind. Dass Polizei und Feuerwehr diese Stellung brauchen, mag man kaum bestreiten können. Aber Förster? Vermessungstechniker? Bibliothekare? Meteorologen? Professoren? Und, ja, auch Lehrer?

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Leere KlassenzimmerAmerikas Lehrer sehen rot

Wie sinnvoll ist es, Lehrer als Beamte zu beschäftigen?

Das Beamtentum ist etwas ganz Besonderes: Geschaffen wurde es im 18. Jahrhundert vom preußischen Monarchen Friedrich Wilhelm I., dem berüchtigten „Soldatenkönig“. Mit einer kleinen Truppe von Privilegierten wollte er die Macht des korrupten Landadels brechen. Beamte bekommen keinen Arbeitsvertrag, sondern eine Ernennungsurkunde. Sie geloben, treu, loyal und gehorsam ein Leben lang dem Staat zu dienen. Im Gegenzug bekommen sie die ganze Fürsorglichkeit des Staates zu spüren. Üppige Kranken- und Rentenversorgung sind die bekanntesten Vorzüge, die Unkündbarkeit kommt obendrauf.

Doch das Streikverbot ist in Misskredit geraten. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hält die Möglichkeit, in den Ausstand zu treten, für ein fundamentales Recht aller Beschäftigten, das man nicht ohne weiteres streichen kann. Dem schließt sich die Lehrergewerkschaft GEW an. Sie hat die Frage jetzt vor das Bundesverfassungsgericht gebracht, um eine Grundsatzentscheidung zu erreichen.

Dabei stellen sich vor allem zwei Fragen: Ist es rechtens und mit der Verfassung vereinbar, dass sich der Staat über die Alimentierung seiner Beamten deren unbedingte Loyalität erkauft? Und, viel grundsätzlicher: Wie sinnvoll ist es, Lehrer als Beamte zu beschäftigen?

Der Anteil der verbeamteten Lehrer steigt

Die erste Frage lässt sich aller Voraussicht nach einfach beantworten. Die Verfassungsrichter haben die Frage in einer mündlichen Verhandlung vor ein paar Monaten intensiv verhandelt. Kaum ein Prozessbeobachter rechnet mit einem fundamentalen Wechsel des Systems. Umfassende Alimentierung plus umfassendes Streikrecht – das wäre zu viel des Guten.

Viel interessanter ist die zweite Frage, nach Sinn und Zweck des Beamtenstatus für die Lehrer. Sie rückt derzeit freilich in den Hintergrund, denn in Deutschland gibt es einen überraschenden Trend: Der Anteil der Beamten unter den Lehrern sinkt nicht etwa, er steigt schier unaufhaltsam an.

Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass viele Bundesländer den gegenteiligen Weg beschritten. Zu unflexibel und zu teuer erschien den Kultusministern das Beamtensystem vor allem auch mit Blick auf die Altersbezüge: Während dafür bei den Angestellten die allgemeine Rentenkasse aufkommt, müssen die Länder die Beamtenpensionen bis in alle Ewigkeit selbst bezahlen. Gern wurde auch das Bild des trägen Lehrer-Beamten bemüht, der sich mit Anekdoten aus der Nachkriegszeit mühsam durch die Geschichtsstunde schleppt, während die Schüler entweder auf den Tischen tanzen oder gleich ihre Zeit in der Bäckerei nebenan verbummeln.

Die Bundesländer sind auf den Lehrermangel schlecht vorbereitet

Die Bundesländer wollten das System flexibler und kostengünstiger machen. Vom Beamtenstatus wechselten sie gleich ins extreme Gegenteil, zu prekären Beschäftigungsverhältnissen, die jeweils auf ein Schuljahr befristet waren. In diesem System müssen sich Tausende von Lehrern jedes Jahr pünktlich zu den Sommerferien arbeitslos melden, um mit dem Beginn des neuen Schuljahrs abermals einen befristeten Vertrag zu bekommen. Auch das ist der öffentliche Dienst. Von den rund 800 000 Lehrern in Deutschland sind ein Viertel keine Beamten.

Jetzt machen die bisher so standhaften Bundesländer wieder eine Kehrtwende, – nicht etwa, weil die angestellten Lehrer mit ihrem Streikrecht unangenehm aufgefallen wären. Es geht ein Gespenst um, das die Bundesländer zu ungewöhnlichen Mitteln greifen lässt: der Lehrermangel, der derzeit vor allem die Grund- und Berufsschulen lähmt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihn auch die weiterführenden Schulen in vollem Ausmaß spüren werden. Der Bildungsökonom Klaus Klemm rechnet für das Jahr 2025 damit. In den naturwissenschaftlichen Fächern ist er jetzt schon voll da.

Die Gründe für den wachsenden Bedarf sind schnell aufgezählt. Die hohe Zahl von Flüchtlingen und anderen Einwanderern zählt dazu, aber auch die schwindenden Kapazitäten in der Lehrerausbildung. Hinzu kommen die steigenden Geburtenraten seit 2011, auf die man so lange gehofft hatte. Jetzt wirken die Anreize fürs Kinderkriegen, aber das ist auch wieder nicht recht. „Es ist noch nicht lange her, dass sich alle Kultusminister auf sinkende Schülerzahlen eingestellt haben und auf diese demographische Rendite gebaut haben“, sagt Klemm. „Sie haben gehofft, über die eingesparten Kosten ihre Bildungsreformen finanzieren zu können. Jetzt stehen sie mit zu wenig Lehrern da.“ Sein nüchternes Resümee: „Kein Bundesland hat sich rechtzeitig auf den Mangel eingestellt.“

Es geht ein „Riss durch die Lehrerschaft“

Einige Zeit wurde versucht, mit Seiteneinsteigern ohne reguläres Lehramtsstudium die Lücken zu stopfen. Doch das Problem ist immer noch da, Bewerber werden dringend gesucht. Inzwischen ist der Beamtenstatus das einzige Lockmittel, das ein Bundesland den begehrten Bewerbern hinhalten kann. Die beiden ostdeutschen Bundesländer Thüringen und Sachsen zum Beispiel haben nach der Wiedervereinigung wacker versucht, ihre Lehrer nicht zu Beamten zu machen. Sie wollten ganz bewusst andere Wege beschreiten, zugunsten einer klugen und umsichtigen Haushaltsplanung. Doch der Druck wurde zu groß. Die fehlende Verbeamtung entwickelte sich zum klaren Nachteil bei der Suche nach angehenden Lehrern. Thüringen hat sich schon im vergangenen Sommer dazu durchgerungen, an den Schulen den Beamtenstatus einzuführen. Sachsen wird diesen Weg im kommenden Schuljahr beschreiten.

Auch hier findet allerdings eine Auslese statt. Jung und gesund muss man sein, wenn man sich auf Dauer in den Dienst des Staates stellen möchte. Das führt in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, wie sie schon in vielen Schulen Einzug gehalten hat. Die erfahrenen Kräfte von 42 Lebensjahren an aufwärts müssen weiter als Angestellte arbeiten. Die jungen Kollegen haben dagegen Aussicht auf den begehrten Beamtenstatus.

„Das führt zu einem Riss durch die Lehrerschaft“, prophezeit Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Ein angestellter Lehrer verdiene netto bis zu 500 Euro im Monat weniger als sein beamteter Kollege, von der zusätzlichen Versorgung und den besseren Aufstiegschancen zu schweigen. Trotzdem ist Meidinger ein erklärter Befürworter des Beamtenstatus für Lehrer. Das mache sie unabhängiger – auch von den immer anspruchsvolleren Eltern. Außerdem: Die Bildung und das Abnehmen von Prüfungen wie dem Abitur habe einen großen Einfluss auf das Leben eines Menschen. Dafür brauche es Beamte.

Über 5000 Euro Einstiegsgehalt

Bildungsökonom Klemm ist da ganz anderer Meinung. „Das ist ein schwachsinniges Konzept“, sagt er. „Ich habe nie verstanden, warum Lehrer oder auch Hochschulprofessoren, wie ich einer war, Beamte sein sollen.“ Dass es auch anders geht, zeigt schon das muntere Nebeneinander von Beamten und Angestellten im Lehrerzimmer. Ein solch gemischtes Bild wäre auf der Polizeiwache undenkbar. Klemm hält den neuen Trend noch nicht einmal für tauglich, das drängende Problem des Lehrermangels tatsächlich zu beheben. „Die Verbeamtung bringt nicht mehr Lehrer“, sagt er. „Sie bringt nur Umverteilung zwischen den Bundesländern. Die werben sich damit gegenseitig die Lehrkräfte ab.“

Das merkt auch der Stadtstaat Berlin, der sich unter der rot-rot-grünen Landesregierung ungewöhnlich standhaft gegen die Tendenz zum Beamtentum stemmt. Bald wird Berlin das einzige Land sein, das Lehrer vor allem als Angestellte einstellt. Das führt dazu, dass das benachbarte Brandenburg bereits seit längerem mit dem Beamtenstatus offensiv um Berliner Lehrer wirbt.

Statt auf Beamtentum setzt die Koalition in der Hauptstadt derzeit noch auf hohe Einstiegsgehälter, 5500 Euro brutto kann man gleich zu Anfang des Berufswegs bekommen, selbst in der Grundschule. Damit verdienen schon Berufsanfänger so viel wie Juniorprofessoren. Die großzügigen Einstiegsgehälter haben allerdings den unschönen Nebeneffekt, dass es später kaum noch Steigerungsmöglichkeiten gibt. Dafür diskutiert die Senatskoalition über eine Zulage von bis zu 400 Euro für Brennpunktschulen in Stadtteilen wie Neukölln oder Moabit und schließt sich damit einem Modell an, das es in Sachsen bereits gibt – allerdings als Zuschlag für den Dienst in ländlichen Regionen, auch Buschzulage genannt.

Der Staat muss ein attraktiverer Arbeitgeber werden

Als „Ruhigstellen von Lehrern durch hohe Einstufung“ kritisiert das Hildegard Bentele, bildungspolitische Sprecherin der CDU im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie würde viel lieber zum Beamtenstatus zurückkehren – zu „Qualität und Sicherstellung des Unterrichts“. Damit würde man künftig auch unterbinden, glaubt sie, dass das Land immer neuen Forderungen der Lehrer nachlaufen müsse und dann Zuschläge nach dem Gießkannenprinzip verteile.

Das könnte man wie Bentele als Nachteil geißeln – oder als die Aufgabe eines normalen Arbeitgebers, der sich um Fachkräfte bemühen muss, wie die Privatwirtschaft auch.

Natürlich müssten die Bundesländer auch die Kapazitäten für die Lehrerausbildung erhöhen, aber das dauert ein Weilchen. Der Bildungsökonom Klemm hätte einige weitere Vorschläge parat, wie der Staat sich schnell zu einem attraktiveren Arbeitgeber machen könnte. Dazu müsste er zum Beispiel die vielen Teilzeitkräfte motivieren, ihre Stundenzahl zu erhöhen, schreibt er mit seinem Kollegen Dirk Zorn in einer Studie für die Bertelsmann-Stiftung. Rund vierzig Prozent der Lehrkräfte arbeiten derzeit in Teilzeit. Durch garantierte Betreuungsmöglichkeiten, mehr Krippen- und Kindergartenplätze könnten sie dazu gebracht werden, ihre Stunden aufzustocken. Außerdem könnten pensionierte Lehrer durch höhere Hinzuverdienstmöglichkeiten wieder in die Schule gelockt werden. Und Seiteneinsteiger müssten viel strukturierter den Weg in die Schule finden. Die Lehrer wieder zu Beamten zu machen steht dagegen nicht auf Klemms Liste der Maßnahmen, um die Not zu lindern.

Dann müssten Schüler und Eltern natürlich damit leben, dass Lehrer auch streiken dürfen. Doch derzeit spricht nichts dafür, dass die Pädagogen ihre Konflikte auf den Rücken der Abiturienten austragen würden.

Quelle: F.A.S.
Corinna Budras
Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.
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