Technologie-Kommentar

Rätsel Deutschland

Von Uwe Marx
 - 11:32

Kürzlich hat Carl Martin Welcker die Verhältnisse resolut zurechtgerückt. Der Kölner Unternehmer, der als Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) oberster Maschinenbauer des Landes ist, verteidigte hemdsärmelig einen bedrohten Rekord. Seine knappe Botschaft: Die Größten sind immer noch wir! Es ging um die Frage, welche Branche die meisten industriellen Arbeitsplätze in Deutschland bietet, und irgendwo hatte gestanden, dies könne inzwischen die Branche Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien sein. An den Maschinenbauern führe kein Weg vorbei, stellte Welcker klar. Da könne man rechnen, wie man wolle.

Für ihn zählen die echten industriellen Arbeitsplätze, nicht jenes Sammelsurium von Beschäftigungsverhältnissen, die sich unter dem englischen Begriff „industry“ zusammenfassen lassen. Der Maschinenbau, dessen Rückgrat Ingenieure und Facharbeiter sind, kommt demnach auf etwas mehr als eine Million Beschäftigte, wenn man Betriebe mit mehr als fünfzig Mitarbeitern als Grundlage nimmt. Beim Erwerbstätigenkonzept, das geringer qualifizierte Arbeit oder Teilzeitarbeit einbezieht, zählt der Maschinenbauverband weitere 300.000 Beschäftigte hinzu. Da komme keine andere Branche mit.

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Welcker verwies zu Recht auf das Kleingedruckte der Rechenmethoden. Den Maschinenbauern wird zwar nicht zu wenig Respekt entgegengebracht, aber sie müssen sich strecken, um Gehör zu finden. Den Titel des deutschen Meisters unter den industriellen Arbeitgebern in der Kategorie Beschäftigtenzahl geben sie deshalb nicht kampflos her. Mit diesem Pfund will die Branche politisch weiter wuchern. Aktuell hat sie allerdings Rückenwind, das Kreuz ihrer Vertreter ist wieder breiter: Nach fünf langen Jahren, die von Stillstand oder homöopathischem Wachstum geprägt waren, wird auch in diesem Jahr ein Produktionsplus von drei Prozent erwartet, wie 2017. Der Umsatz dürfte sich Richtung 230 Milliarden Euro bewegen.

Die Wende haben vor allem die guten Geschäfte jenseits der Landesgrenzen gebracht. Die größten Erfolgsgeschichten schrieben die deutschen Maschinenbauer zuletzt im Ausland, in China zum Beispiel. Ein Wachstum der Ausfuhren in das Riesenreich um mehr als 20 Prozent hat selbst den VDMA überrascht. Der 19. Parteitag der Kommunistischen Partei sei einer der Gründe gewesen, denn diese habe das Land zur Versammlung der KP Chinas in voller Blüte präsentieren wollen. Zugespitzt formuliert: Wenn die Chinesen zur Party laden, gehören die deutschen Maschinenbauer zu den ersten Profiteuren. Wohl dem, der global eine solche Rolle einnimmt. Das gilt auch für die Vereinigten Staaten, die entgegen den Abschottungsplänen ihres Präsidenten der größte ausländische Einzelmarkt für deutsche Maschinen geblieben sind.

Während die Ausfuhr floriert, gibt die Binnenwirtschaft Rätsel auf. Dazu gehört, dass die Belebung im Inland nur moderat verläuft und die Investitionszurückhaltung besonders lange anhält. Dabei heißt es allenthalben, dass der Maschinenpark in Deutschland Investitionen gut vertragen könnte, zumal das Zukunftsthema Industrie 4.0 ein Beschleuniger sein müsste. Wer an der digitalen und vernetzten Produktion teilhaben wolle, der müsse investieren, lautet das Credo des Maschinenbauverbands. In den Auftragsbüchern macht sich das allerdings eher sporadisch bemerkbar. Die Branche läuft hier Gefahr, Wunsch und Wirklichkeit zu vermengen.

Der deutsche Maschinenbau hat nun mal viele Gesichter. Er besteht nicht nur aus hochmodernen Unternehmen, die die Digitalisierung der Produktion mit Schwung vorantreiben, sondern aus vielen kleineren und mittleren Unternehmen. Diesen fehlt es aber oft an Personal, Finanzierungsmöglichkeiten oder Verständnis, um im großen industriellen Umbruch mithalten zu können. Eine digitale, sich selbst steuernde Produktion auf breiter Front wird zwar noch Jahre auf sich warten lassen. Aber der Abstand zwischen Groß und Klein droht schon jetzt beträchtlich zu werden. Hier müssen die Maschinenbauer aufpassen, dass die Lücke nicht zu groß wird.

Insbesondere für jene Unternehmen, die durch den technologischen Wandel bis an ihre Grenzen gefordert sind, erhebt der VDMA seine politischen Forderungen. Dass er in der laufenden Metalltarifrunde die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie anmahnt und durch einen Einstieg in die 28-Stunden-Woche samt Teillohnausgleich erheblichen Schaden für die mittelständischen Unternehmen befürchtet, ist daher verständlich. Doch etwas anderes treibt die Maschinenbauer nicht weniger um. Seit Jahren schon lechzen sie förmlich nach einem flächendeckenden Hochgeschwindigkeitsnetz, das die Übertragung von Daten in Echtzeit möglich macht. Wie solle denn Industrie 4.0 sonst funktionieren, so die rhetorische Frage. Und zwar auch dort, wo Maschinenbauer oft zu Hause sind: in Ostwestfalen, auf der Schwäbischen Alb, der Lausitz oder in vergleichbaren Regionen. Auch die werden oft übersehen. Die Spitze des Verbandes ist dort am überzeugendsten, wo sie an die Voraussetzung für den technologischen Wandel erinnert – aber auch am hilflosesten.

Quelle: F.A.Z.
Uwe Marx
Redakteur in der Wirtschaft.
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