Mayers Weltwirtschaft

Super Marios Kunststück

 - 15:43

Die Zentralbanker in Amerika und Europa werden nicht müde, einem skeptischen Publikum den Erfolg ihrer Politik der „Quantitativen Lockerung“ schmackhaft zu machen. Sie führen an, dass sie damit die Zinsen an den Kapitalmärkten in die Knie gezwungen, für mehr Wachstum gesorgt und die Inflation auf den Weg zu ihrem Zielwert gebracht hätten. Gleichzeitig wollen sie aber das Publikum auch davon überzeugen, dass der Ausstieg aus dieser angeblich so erfolgreichen Politik auf keinen Fall schmerzhaft sein würde. Manche Finanzmarktteilnehmer fragen, wie es denn sein kann, dass das Ende einer überaus erfolgreichen Therapie den therapierten Patienten völlig kaltlassen kann?

In der Medizin gilt: Wenn der Patient gesund ist, dann kann er aus der Behandlung entlassen werden und wieder seinen gewohnten Lebenswandel aufnehmen. Folglich müssen die Zentralbanken davon ausgehen, dass die Wirtschaft so weit kuriert ist, dass sie wieder höhere Zinsen ertragen kann, wenn sie die „Quantitative Lockerung“ auslaufen lassen (was im Euroraum wohl nächstes Jahr ansteht) oder in die „Quantitative Straffung“ durch Abschmelzen der Bilanzsumme einsteigen (was die Federal Reserve schon angekündigt hat). Diese Annahme könnte man gelten lassen, wenn die Ursache für die große Finanzkrise, die übermäßige Verschuldung von Staaten und Banken, beseitigt wäre. Das ist jedoch nicht so.

In Amerika lag Ende des ersten Quartals 2017 die über alle Wirtschaftssektoren kumulierte Verschuldung bei 332 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zehn Jahre früher, vor Beginn der großen Finanzkrise, lag die kumulierte Verschuldung bei 331 Prozent des BIP. Die gesamte Schuldenlast ist also heute genauso hoch wie damals. Allerdings gab es erhebliche Umschichtungen zwischen den Sektoren. Die Schuldenlast des Finanzsektors und der privaten Haushalte sank deutlich, während die des Staates um beinahe den gleichen Betrag anstieg und die der Unternehmen etwa gleich blieb. Da der Staat höhere Zinsausgaben weniger fürchten muss, ist durch die Verlagerung der Schulden vom privaten Sektor zum Staat die Wirtschaft weniger anfällig für Zinserhöhungen geworden. Allerdings ist die Verschuldung des Finanzsektors und der privaten Haushalte noch wesentlich höher als in den neunziger Jahren. Eine Rückkehr zum Zinsniveau dieser Zeit dürfte die Wirtschaft kaum verkraften.

Im Euroraum lag Ende des ersten Quartals dieses Jahres die kumulierte Schuldenlast bei 464 Prozent des BIP, weit über den 397 Prozent des ersten Quartals 2007. Die Schuldenlast der Staaten stieg genauso stark an wie in Amerika. Anders als dort erhöhte sich aber auch die Schuldenlast des Finanzsektors erheblich. Die Schulden der Firmen wuchsen auch merklich, die Schulden der privaten Haushalte nur geringfügig.

Wenn auch die Krisenursache nicht gänzlich beseitigt ist, sind die Vereinigten Staaten für eine Straffung der Geldpolitik robuster aufgestellt als die Eurozone. Dort ist die Verwundbarkeit für Zinserhöhungen seit der großen Finanzkrise besorgniserregend angestiegen. War die Überschuldung von Staaten und Banken schon 2007 ein Problem, so ist dieses Problem heute noch wesentlich größer. Besonders verwundbar sind die überschuldeten Staaten Südeuropas. Da auf Euro-Staatsanleihen spezialisierte Anleger die Schuldtitel dieser Staaten problemlos durch Anleihen weniger verschuldeter Staaten ersetzen können, fehlt ihnen eine verlässliche Anlegergemeinde. Ohne die Unterstützung durch die Europäische Zentralbank ist es daher ungewiss, ob sie auslaufende Anleihen durch neuen Emissionen ersetzen könnten. Anleger werden zum Kauf von Anleihen dieser Staaten nur bereit sein, wenn ihnen dort drastisch höhere Zinsen winken. Andererseits würden diese Staaten angesichts ihrer extrem hohen Schuldenlast deutlich höhere Zinsen wohl nicht verkraften. Folglich würde ein Ende der Stützung der Anleihemärkte durch die EZB für einige südeuropäische Staaten wohl den Bankrott bringen. Mario Draghi müsste ein wahrer Entfesselungskünstler wie einst Harry Houdini sein, um sich aus dieser Verstrickung befreien zu können.

Doch er kann auf Hilfe hoffen. Die Erwartungen sind hoch, dass die wiedergewählte Bundeskanzlerin Merkel mit dem französischen Präsidenten Macron Schritte zur „tieferen Integration“ in der Währungsunion ergreifen wird. Offiziell wird dies als „Risikoteilung“ und „gemeinsame Finanzkapazität“ bezeichnet. Gemeint ist damit aber wohl die Vergemeinschaftung der Schulden von Staaten und Banken der Euroländer. Gelingt es, den deutschen Steuerzahler dafür in die Pflicht zu nehmen, könnte sich die EZB aus der monetären Finanzierung schwacher Eurostaaten zurückziehen. Super Mario hätte sich dann auch noch den Ehrentitel Mario Houdini gesichert.

Quelle: F.A.S.
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