Interview mit einem Cyborg

„Ich wurde gehackt und es war gut“

Von Nadine Bös
 - 20:54

Herr Harbisson, Sie können Farben hören. Wie klingt eine rote Ampel für Sie?

Das hängt ein bisschen von der Ampel ab. Es gibt verschiedene Rottöne bei Ampeln. Nicht alle haben ein pures Rot. Es sind verschiedene Abstufungen der Note F: F und Fis. Eine tiefe Note.

Können Sie das mal vorsingen?

Nein, ich bin kein guter Sänger. Ich kann die Farben nicht wirklich singen. Wenn wir jetzt ein Instrument hätten, wäre das was anderes. Nein, eine rote Ampel singen, das krieg ich nicht hin.

Mögen Sie lieber eine grüne Ampel versuchen?

Ich bin wirklich kein guter Sänger. Ich habe schon mal versucht, Farben zu singen, aber ich habe es immer bereut, weil es nicht klingt, wie es soll.

Schade! Sonst hätten Sie uns einen Regenbogen vorsingen können...

Ok, also Rot ist sehr tief, so hmmmmm, und dann kommt Orange, Grün und so weiter – es klingt wie eine einfache Tonleiter von F bis F. Rot ist das tiefste, danach kommt Orange, Gelb, Grün, Türkis, Blau und zum Schluss Violett. Eigentlich ist das tiefste Infrarot und das höchste Ultraviolett, die kann ich auch über die Antenne wahrnehmen. Es gibt Tausende Infrarot- und Ultravioletttöne, für den Menschen sind sie aber alle eigentlich unsichbar.

„me Convention“
Wie klingt ein Regenbogen?
© Philip Gerhardt, FAZ.NET

Können Sie bitte kurz erklären, wie Ihr Gerät technisch funktioniert?

Es ist kein Gerät, es ist ein Organ! Es ist nicht etwas, das ich trage, sondern ein neues Sinnesorgan. Und in diesem Fall ist es eine Antenne, die mir erlaubt die Farben wahrzunehmen, sogar jenseits des visuellen Spektrums. Die Antenne nimmt Lichtwellen auf und sendet diese in meinen Schädel. Jede Farbe löst dann verschiedene Vibrationen aus. Ich kann die Farben also im Schädelknochen spüren. Von Infrarot bis Ultraviolett. Ich habe noch ein weiteres Implantat mit einer Internetverbindung, über das ich Farben empfangen kann, die mir Menschen zuschicken, zum Beispiel über ein Mobiltelefon. Damit kann ich mich sogar mit der Internationalen Raumstation verbinden. Dann kann ich Farben des Weltraums fühlen.

Und wenn Sie das in unser Farbspektrum zurückübersetzen - welche Farben hat der Weltraum?

Vor allem unsichtbare! Aber der Weltraum ist nicht schwarz, er ist extrem farbenfroh. Und für mich ist das sehr überwältigend. Ich kann mich nicht länger als zwei Stunden mit dem Weltraum verbinden, das sind einfach zu viele Farben, das ist zu viel Energie! Ungefähr wie abertausende Supermärkte. Denn die ähnlichste Erfahrung für mich auf der Erde ist ein Supermarkt. Da gibt es wahnsinnig viele Farben.

Ist es für Sie eine gewisse Belastung, einen Supermarkt zu betreten?

Nein, es ist aufregend! Ich würde nicht unbedingt in einem Supermarkt wohnen wollen - das ist zu viel Musik. Aber in der gleichen Weise, in der Menschen gern in Nachtclubs gehen, gehe ich gerne in Supermärkte. Dort gibt es eine Ladung spannender Klanglandschaften.

Und welches Lebensmittel hat die interessanteste Klangfarbe?

Salate, Gemüse, Früchte, die haben alle ganz spannende Noten. Aber im Supermarkt ist der aufregendste Bereich der mit den Putzmitteln. Da findet man ganz unerwartete Noten. Und eine sehr laute Musik. Die Produkte haben zum Teil ganz ungewöhnliche Farben. Verrückte Orange- und Türkistöne, Blau, Grün; es gibt sogar Violett, das ist ungewöhnlich.

War es kompliziert einen Chirurgen zu finden, der Ihnen die Antenne implantiert?

Das ist eine Trans-Spezies-Operation, also das Hinzufügen von Sinnen und Organen, die traditionell nicht-menschlich sind. Es ist das Hinzufügen einer Antenne, die kein menschliches Organ ist und das Hinzufügen einer Wahrnehmung von Infrarot und Ultraviolett – was auch nicht menschlich ist. Und in ähnlicher Weise, wie Trans-Gender-Operationen lange nicht akzeptiert waren, in den Fünfziger-, Sechziger-, Siebziger-, ja sogar zum Teil noch Achtzigerjahren, passiert das jetzt mit Trans-Spezies-Operationen. Solche Operationen sind nicht akzeptiert und ich musste einen Arzt finden, der das anonym machen wollte. Ich fand schließlich einen in Barcelona und er operierte mich an einem Montag; das war immer sein freier Tag. Wir haben einen Raum dafür angemietet und dort hat er mich operiert.

War es eine komplizierte, schwierige Operation? Wie ging sie vonstatten?

Sie hat drei Stunden gedauert, vielleicht sogar ein bisschen mehr. Die Haare wurden an einer Stelle dauerhaft entfernt, die Haut reduziert und die Schädeldecke an vier Stellen aufgebohrt: Zwei für die Antenne, eine für den Chip, der vibriert und eine für die Internetverbindung. Nach der Operation hat es noch zwei Monate gedauert, bis der Schädelknochen und die Antenne sind dauerhaft miteinander verbunden haben. Es ist jetzt richtig in den Knochen integriert, nicht nur ein Implantat zwischen Haut und Knochen.

Und wie viel kostet das?

Der Arzt hat es gratis gemacht. Also seine Arbeit war gratis, aber ich musste natürlich Miete für den Raum bezahlen, für die medizinischen Geräte; ich musste Krankenschwestern anmieten, für den Fall, dass etwas schiefgehen würde und auch das Material bezahlen. Insgesamt war das ein hoher vierstelliger Eurobetrag. Aber ich habe mich auch für sehr hochwertige Materialien entschieden. Es gibt Implantate, die deutlich billiger sind. Das ist wie bei Mobiltelefonen, da variiert der Preis auch hochgradig je nach Modell. Übrigens hatte ich das Geld für die Antenne damals gar nicht auf dem Konto. Ich habe das in Raten abbezahlt. Ich bin nicht reich!

Sie haben eine Organisation gegründet, die die Meinung vertritt, dass alle Menschen, die das möchten, Cyborgs werden dürfen. Was würde es für die Arbeitswelt bedeuten, wenn sich bald viele Menschen in der einen oder anderen Weise selbst mit technischen Implantaten optimieren würden? Und für welche Jobs könnte das etwas bringen?

Ich weiß nicht. Ich glaube, das Ganze ist gar nicht auf die Arbeitswelt fokussiert. Es ist fokussiert auf das Leben; es gibt einem eine tiefgründigere Lebenserfahrung. Ein neuer Sinn gibt Ihnen ja keine zusätzliche Intelligenz, zusätzliches Wissen oder zusätzliche Fähigkeiten. Es hängt ja immer vom Einzelnen ab, ob er so entwickelt wird, dass daraus neues Wissen entsteht. Es ist nicht künstliche Intelligenz, es ist ein künstlicher Sinn. Das Gehirn muss da erst einmal Wissen draus ableiten. Und das hängt stark von jeder Einzelperson ab. Wir haben alle die gleichen Sinne und benutzen sie alle ganz unterschiedlich.

Aber in einem kreativen Beruf könnte es doch Vorteile haben, einen zusätzlichen Sinn zu haben. Es könnte einen wettbewerbsfähiger machen, gegenüber Nicht-Cyborgs. Würde das den Chefs nicht gefallen?

Nein. Das wäre, wie wenn man sagte, blinde Menschen könnten keine guten Musiker sein. Es geht nicht um die Anzahl der Sinne, die man hat. Das hat nichts mit Fähigkeiten und Fertigkeiten zu tun. Die Anzahl der Sinne, die man hat, hat gar keinen Einfluss auf die Chancen, einen bestimmten Job zu bekommen. Das hängt davon ab, wie man seine Sinne benutzt und nicht von den Implantaten. Jemand kann viele Implantate für zusätzliche Sinneserfahrungen haben und sie in einer sehr langweiligen oder bescheuerten Art und Weise nutzen. Das ist der Hauptunterschied zur künstlichen Intelligenz. Bei künstlicher Intelligenz weiß man, was man bekommt. Bei künstlichen Sinnen, weiß man das nicht. Mit künstlicher Intelligenz hätte ich sofort nach der Operation alle Farben benennen können. Mit meinem künstlichen Sinnesorgan musste ich über drei Jahre lernen, meinen Farbsinn regelrecht ausbilden. Und jemand anderes hätte es vielleicht gar nicht geschafft. Oder auf ganz andere Art.

Aber Sie verstehen sich als Künstler, machen Farben hörbar. Gibt es einen Markt für diese Kunst?

Ein Großteil dieser Kunst wird in meinem eigenen Körper wahrgenommen. Also ist das Haupt-Kunstprodukt mein Körper und der neue Sinn. Also nein, es gibt keinen Markt für diese Art Kunst, weil sie innerhalb des eigenen Körpers passiert. Es ist sozusagen „Post-Art“, es geht gegen das ganze System der Kunst. Traditionell gibt es ja den Künstler, das Publikum und einen Raum. Hier bist Du der Künstler und das Publikum, und Du selbst bist auch der Raum. Also nein, da ist kein Markt. Außer natürlich du kreierst einen ganz neuen Sinn. Aber das Ziel ist die Wahrnehmung, nicht ein Produkt.

Und im Alltagsleben - gab es schon Situationen, wo Sie merkwürdig angeschaut wurden?

Das Spektrum an Reaktionen, die ich bekomme ist weit. Viele verschiedene Reaktionen.

Zum Beispiel?

Die Leute rufen mir allerlei Dinge hinterher. „Teletubby“ zum Beispiel oder „Antennenfisch“ oder Cappucinomaschine.

Und wie reagieren Sie?

Ich reagiere da gar nicht drauf. Ich bin gewohnt, dass die Leute über mich lachen. Oder ich denke an Transgender oder Transvestiten und dass es ihnen da noch viel schlechter ergeht. Die kämpfen, wann immer sie draußen auf der Straße sind. Und ich finde es natürlich gut, in New York zu leben. In kleinen Städten ist es viel schwieriger. Übrigens muss ich sehr aufpassen mit Leuten, die versuchen, an der Antenne zu ziehen. Seltsamerweise sind es immer Gruppen betrunkener Frauen, die das versuchen.

Tut das weh?

Nein, es ist nur total lästig. Aber schon komisch, dass es nie ein Mann war, der versucht hat, an der Antenne zu ziehen. In vielen verschiedenen Ländern ist mir das schon passiert und es waren immer betrunkene Frauengruppen.

Es klingt anstrengend, ein Cyborg zu sein. Trotzdem ermuntern Sie die Leute dazu, auch Cyborgs zu werden, selbst wenn sie nicht farbenblind sind oder andere Probleme haben - einfach so. Warum?

Weil es mir nicht darum geht, ein Problem zu lösen. Ich habe das nicht wegen meiner Farbenblindheit gemacht, sondern aus Neugierde. Ich empfinde Farbenblindheit gar nicht als Behinderung. Es gibt sogar Vorteile. Ich kann zum Beispiel nachts besser sehen und ich kann weitere Entfernungen erkennen, ich kann Formen leichter erkennen und Tarnmuster entschlüsseln, die farbbasiert sind. Es war keine Notwendigkeit. Man kann ein komplett normales Leben führen mit Farbenblindheit. Mein Grund für das Implantat war, dass ich gerne mehr Sinneswahrnehmungen haben wollte und das kann man auf Jedermann anwenden.

Sind Sie eigentlich schon mal gehackt worden?

Ich war in einer Fernsehstation von Al Jazeera und ich musste ihre Internetverbindung nutzen, weil ich kein Wifi hatte und Bilder von Freunden empfangen wollte. Also habe ich mich mit dem Internet verbunden und jemand hat ein Bild an meinen Kopf geschickt. Da wusste ich: Das war keiner der wenigen Leute, die die Erlaubnis haben, das zu tun. Es war ein Selfie oder ein Gesicht. Wohl jemand aus den Al Jazeera Büros.

Klingt erschreckend?

Nein, es war eine gute Erfahrung. Es war spaßig. Die Person, die das geschafft hat, war clever. Aber klar: Es wird natürlich eine Art offizielle Regulierung brauchen, in Zukunft, die Cyborgs davor beschützt, physisch gehackt zu werden.

Können Sie die Antenne eigentlich ausschalten?

Nein, es gibt keinen Aus-Schalter. Sie ist immer an. Wie die anderen Sinne. So ähnlich, wie man sich die Augen zuhalten, aber nicht das Sehvermögen ausschalten kann.

Zur Person

Neil Harbisson ist 34 Jahre alt und der erste Mensch mit einer im Schädel implantierten Antenne. Er selbst bezeichnet sich als Cyborg. Harbisson leidet unter Farbenblindheit (Achromatopsie) und kann nur Schwarz, Weiß und Grautöne sehen. Die Antenne „übersetzt“ für ihn Farben in Töne. Für Harbisson ist das ein neuer Sinn, erschaffen durch die Technik; er versteht sich als „Cyborg-Künstler“, der sich durch diesen neuen Sinn ausdrückt. Er unterstützt ferner in einer internationalen Stiftung Menschen, die selbst Cyborgs werden möchten.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft.
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