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Me Convention

Wie ein Kondomverkäufer die Arbeitswelt umkrempeln will

Von Nadine Bös
 - 17:46

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© Philip Gerhardt, FAZ.NET

Philip Siefer ist 35 Jahre alt und Start-up-Gründer. Besser gesagt: Er hat das Start-up „Einhorn Products“ gegründet, das ziemlich viele Schlagzeilen macht. Denn Siefers Produkt ist an sich schon schlagzeilenträchtig: Vegane Kondome, bei deren Herstellung auf das Milchprotein Kasein verzichtet wird, das sonst in der Latexherstellung zum Einsatz kommt. Damit nicht genug: Die Präservative stecken in Chips-Verpackungen, auf die glückskeksartige Sprüche gedruckt sind. Mit seinen Produkten macht „Einhorn“ mehr als eine Million Umsatz – obwohl das Unternehmen erst seit zweieinhalb Jahren existiert. Neuerdings präsentiert sich Siefer gerne mit dem Vorhaben, die komplette Arbeitswelt umkrempeln zu wollen – oder zumindest ein Vorbild für eine sehr zukunftsträchtige Unternehmenskultur zu schaffen.

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Damit ist er auch auf der me Convention angetreten. „Unfuck the Economy“ hat er seinen interaktiven Workshop genannt, in dem er den Teilnehmern vermitteln möchte, wie die Arbeitswelt der Zukunft aussehen könnte. Seine These: Die Menschen für ihre Arbeit zu bezahlen sei „seltsam“. „Jeder hasst es doch eigentlich, dass auf das, was er leistet, ein Preisschild gedruckt wird“, sagt er. „Dass man sich ständig mit anderen vergleichen soll.“ Sein Ansatzpunkt: „Die Menschen mit mehr Zufriedenheit zu bezahlen.“

Seine Workshop-Teilnehmer lässt er auf Post-it-Zettel schreiben, was sie täten, wenn Geld keine Rolle spielen würde. Heraus kommt eine lange Liste: Reisen, Bücher lesen, sich bilden, Landwirtschaft betreiben, handwerkern, Zeit mit Freunden und Familie verbringen, ein Unternehmen gründen, zuhören, reden, gehört werden, Gutes tun und spielen. Das alles, glaubt Siefer, sollten die Menschen nicht erst dann tun, wenn sie in Rente sind. Er zeichnet das Bild vom 75 Jahre alten Mann, der viel Geld verdient hat, ein teures Auto fährt und am Ende seines Lebens endlich etwas zurückgeben möchte. „Es reicht nicht, dann nach Afrika zu reisen und Geld zu verteilen“, sagt Siefer. „Damit muss man schon mit 30 anfangen.“

Im eigenen Unternehmen versucht er sein Konzept vom Mitarbeiter-glücklich-machen zu leben, indem er die Mitarbeiter selbst ihr Gehalt bestimmen lässt. Auch dürfe jeder frei darüber entscheiden, wann und wie viel Urlaub er nehmen wolle und ob er im Büro arbeite oder von außerhalb. „Wenn man keinen Bock hat, zur Arbeit zu kommen, braucht man nicht zu kommen, das ist tatsächlich total ernst gemeint“, sagt er. Er habe die Erfahrung gemacht, dass die Leute damit sehr verantwortungsvoll umgehen. „Die Leute wissen schon: Wenn gar keiner mehr kommt, dann geht das Ding vor die Hunde. Wenn man das Team wie Erwachsene behandelt, dann benehmen die sich auch wie Erwachsene.“

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2700 bis 2800 Euro Monatsgehalt erhielten die Mitarbeiter im Durchschnitt. Die Gehälter seien zudem völlig transparent für alle; das gelte auch für die Chefs. “Eigentlich haben wir uns als Chefs völlig abgeschaltet“, sagt Siefer. „Man braucht keine Chefs mehr in diesem Geschäftsmodell.“ Eher einen oder zwei erfahrene Ideengeber, jemanden, der inhaltlich voranschreite.

Allerdings: Einhorn Products hat nur 20 Mitarbeiter. Funktioniert all das in großen Unternehmen? Philip Siefer ist unsicher. „Ich habe keine Ahnung, ob das in einem Großkonzern funktioniert, weil die meisten Großkonzerne das eben nicht ausprobieren.“ Aber: „Ich glaube, das geht.“ Wer das versuchen wolle, brauche das richtige Team und müsse damit rechnen, „dass vielleicht 20 bis 30 Prozent der Leute gehen, weil die damit nicht klarkommen.“

Quelle: FAZ.NET
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft.
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