Künstliche Intelligenz

Das ganz alleine fahrende Auto

Von Roland Lindner, Alexander Armbruster und Susanne Preuß
 - 07:51

Vor acht Jahren begann der amerikanische Internetkonzern Google mit seiner Arbeit an selbstfahrenden Autos. Das Unternehmen hat seither große Fortschritte gemacht: Seine Roboterfahrzeuge haben mehr als fünf Millionen Kilometer auf öffentlichen Straßen absolviert, und die Sicherheitsbilanz ist gut.

Anders als beim Elektroautohersteller Tesla, dessen System für autonome Steuerung eine Rolle in einem tödlichen Unfall spielte, gab es mit selbstfahrenden Google-Autos bislang nur vergleichsweise harmlose Zwischenfälle, etwa eine Kollision mit einem Bus, die nur Blechschaden zur Folge hatte. Seit knapp einem Jahr sind die einst von Google begonnenen Aktivitäten rund um autonomes Fahren in Waymo gebündelt, einer eigenen Einheit in Googles Mutterholding Alphabet.

Jetzt vermeldet Waymo einen weiteren großen Schritt: Der Vorstandsvorsitzende John Krafcik gab auf einer Konferenz in Lissabon bekannt, dass das Unternehmen seine Roboterautos mit leerem Fahrersitz testet. Bislang waren Fahrer am Steuer, die eingreifen konnten, wenn es nötig wurde. In naher Zukunft sollen Passagiere in der Lage sein, allein in einem Roboterauto des Unternehmens unterwegs zu sein. Die Tests finden zunächst in der Stadt Phoenix im amerikanischen Bundesstaat Arizona statt.

„Nichts anderes als Autonomie wird funktionieren“

Das ist ein gutes Testgebiet für die Technologie, denn hier ist das Wetter recht vorhersehbar und trocken. Waymo wird dafür umgerüstete Minivans des Modells Chrysler Pacifica verwenden. Mit dessen Hersteller Fiat Chrysler Automobiles unterhält das Unternehmen seit einiger Zeit eine Allianz rund um autonomes Fahren.

Die Roboterautos in Phoenix sollen zunächst als ein Fahrdienst in der Art von Uber unterwegs sein, und innerhalb der nächsten Monate sollen die ersten Passagiere befördert werden. Waymo weist allerdings darauf hin, seine Technologie nicht nur für solche Angebote nutzen zu wollen, sondern auch am Einsatz in öffentlichen Verkehrsmitteln und Privatautos zu arbeiten.

Mit dem Test in Phoenix erreicht Waymo eine neue Dimension des autonomen Fahrens, das Unternehmen selbst stuft das System als „Level 4“ ein auf der international anerkannten Skala. Damit ist gemeint, dass sich ein Auto in den meisten Szenarien vollständig selbst und ohne Fahrer steuern kann. Womöglich untertreibt das Unternehmen mit seiner eigenen Einschätzung jedoch. „So, wie Waymo das darstellt, wäre das Roboterauto eigentlich Level 5 und nicht Level 4 – ein Fahrer muss danach nicht mehr im Auto sein“, sagt Christian Müller, Experte für autonomes Fahren am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligent (DFKI), gegenüber FAZ.NET.

Die Frage ist: Wer traut sich?

Während andere Autohersteller auch an Systemen auf niedrigeren Automatisierungsstufen arbeiten, in denen der Fahrer noch stärker eingebunden ist, versucht Waymo, direkt zum ganz allein fahrenden Auto zu gelangen. Das Unternehmen argumentiert, dass Fahrer in teilautomatisierten Autos zu abgelenkt seien, um notfalls schnell genug ins Geschehen eingreifen zu können. „Nichts anderes als volle Autonomie wird funktionieren“, sagte Krafcik nun in Lissabon.

Autonomes Fahren
Digitale Konzepte gegen das Verkehrschaos
© DW, Deutsche Welle

„Technisch ist das sowieso möglich, beziehungsweise fehlt nicht mehr viel. Die Frage ist eher: Wer erlaubt das als Erstes, wer traut sich?“, schränkt DFKI-Fachmann Müller ein. Und meint damit vornehmlich die Methoden der Künstlichen Intelligenz, die dafür erforderlich sind, und die Daten, die es braucht, um die schlauen Computerprogramme zu „trainieren“. Die beteiligten Unternehmen lassen sich mittlerweile darauf ein, dass viel an Simulatoren geschehen wird, wie das auch Waymo macht. „Die Industrie akzeptiert, dass wir nicht um synthetische Daten herumkommen, um den Autos das autonome Fahren beizubringen.“

Es gehe mittlerweile nämlich auch nicht mehr darum, in normalen Verkehrsverhältnissen „noch eine Million Kilometer mehr Fahrerfahrung zu sammeln oder zwei“, so Müller: „Entscheidend sind die kritischen Verkehrssituationen, die selten vorkommen und über die es bislang darum nicht viele Daten gibt.“ In diesem Bereich ist die deutsche Autoindustrie seiner Ansicht nach übrigens voll auf Augenhöhe mit den Technik-Profis von Google – nur teile sie weniger öffentlichkeitswirksam jeden weiteren Schritt nach vorn mit.

In Deutschland wird gleichwohl genau verfolgt, was Waymo von seinen selbst fahrenden Autos zeigt, zum Beispiel in Stuttgart. In dem Vorläuferauto von Google, damals noch eine Art Knutschkugel, steckte viel Technik von Bosch, von Sensoren über Radartechnik bis hin zur Leistungselektronik. Inzwischen ist Bosch selbst vorn mit dabei, das autonome Fahren zu erforschen: Seit April existiert offiziell eine Entwicklungspartnerschaft mit dem Autohersteller Daimler – und schon heute ist eine Flotte Testwagen autonom unterwegs, in Kalifornien und in der Region Stuttgart.

„One more Weihnachtsgeschenk“ schrieben die Daimler-Presseleute erkennbar beglückt über eine Mitteilung vom 30. Dezember des vergangenen Jahres, in der darüber berichtet wurde, dass das Regierungspräsidium Stuttgart voll autonomes Fahren auf öffentlichen Straßen erlaubt, um die Technik zu erproben. Die Testwagen fallen nicht großartig auf. Ganz ohne Fahrer nämlich fahren die Mercedes-Autos nicht. „Aus Sicherheitsgründen“ müssen immer zwei speziell geschulte Fahrer im Auto sitzen. Was diese dann konkret tun, ist damit noch nicht gesagt. Notaus-Knöpfe lassen sich auch von der Rückbank betätigen. Aber, so wird seitens des Unternehmens betont, die Mercedes-Entwickler sind ja am Arbeiten, während sie im Auto sitzen.

Wer jetzt wirklich weiter ist mit seiner Entwicklungsarbeit, will man bei Daimler nicht abschätzen. Während von Waymo überhaupt nicht bekannt sei, an wen und zu welchem Preis welches System für autonomes Fahren verkauft werden könnte, lautet der klare Plan des Duos Bosch-Daimler, Anfang der 2020er Jahre ein System für autonome Fahrzeuge serienreif zu haben. Erster Anwendungsfall soll eine Art Taxi-Service sein, eine Weiterentwicklung des heutigen Car2Go-Prinzips, das kurzfristige Autonutzung gewährleistet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lindner, Roland (lid.)Autorenporträt / Armbruster, Alexander (ala.)Susanne Preuß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Roland Lindner
Alexander Armbruster
Susanne Preuß
Wirtschaftskorrespondent in New York.Redakteur in der Wirtschaft. Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.
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