Autonome Luft-Taxis

Wenn der Heli selbst bis ins Büro fliegt

Von Christoph Hein, Singapur
 - 13:18

Das Bild der Airshow in Singapur ist bestimmt von Männern in Uniformen: Waffenkäufer für die Armeen dieser Welt schlendern genauso durch die Hallen wie Piloten, viele von ihnen engagiert in der täglichen Flugschau. Noch tragen sie Epauletten, Orden und Goldstreifen am Ärmel. Doch gerade in Singapur wird das Fliegen mehr und mehr unbemannt stattfinden. Lufttaxis und Drohnen sollen das Geschäft der Zukunft sein.

Singapur verkauft sich auf der ganzen Welt als die „Stadt im Garten“. In der Tat ist diese Metropole in den Tropen so grün wie kaum eine andere der Welt. Und doch leidet die Millionenstadt unter einem immer weiter wachsenden Verkehrsaufkommen. Schon heute hat die Stadt mit fast 5 Kilometer Straße je Quadratkilometer Land eines der dichtesten Straßennetzwerke der Welt – auch wenn die meisten von ihnen baumbestanden sind. Und trotz Luxussteuer und hoher Straßengebühren zählt der Inselstaat mit rechnerisch 232 Fahrzeugen je Straßenkilometer zu den am meisten von Automobilen überschwemmten Orten der Welt; Japan kommt auf 63 Fahrzeuge, Amerika auf 37 pro Kilometer.

Das bekommt die Regierung zu spüren. Immer mehr Menschen sind genervt von den morgendlichen Staus, von den steigenden Preisen, mit denen sie der Fahrzeugflut Herr werden will. Der Versuch, kostenlose Fahrräder in die Stadt zu drücken, ist an fehlender Infrastruktur und Planung gescheitert und führt zum Chaos. Die Elektromobilität, die nun ebenfalls mit gesperrten Parkboxen ausgebaut werden soll, ist bislang nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer. Doch hat Finanzminister Heng Swee Keat angekündigt, von 2019 an eine Kohlendioxidsteuer einführen zu wollen. Der Druck auf die Fahrer von Automobilen mit Verbrennungsmotoren steigt.

Der City-Airbus kommt

Weil Singapur aber von einer technik-orientierten Regierung straff geführt wird, geht der Blick auch in die Luft: Zur Lösung des wachsenden Verkehrsproblems der Millioneninsel könnten Drohnen und Lufttaxis beitragen. Spielten sie auf den vergangenen Luftfahrtmessen vor allem für den militärischen Einsatz eine Rolle, gewinnen sie nun auch im zivilen Sektor rasch an Gewicht. Im März vergangenen Jahres hatte das Transportministerium berichtet, es stehe mit Unternehmen in Kontakt, die Flugtaxis bauen. Bis 2030 will der Stadtstaat ein neues Mobilitätskonzept präsentieren. Unter anderem verhandelt Airbus mit den Singapurer Behörden über Genehmigungen für Flugtaxis und die Anforderungen an sie.

Singapurs Luftfahrtbehörde CAAS hat gerade mit dem staatlichen Luftfahrtunternehmen ST Aerospace einen Vertrag für die Entwicklung von Technologien geschlossen, die die Voraussetzung für unbemannten Luftverkehr über der Äquatorinsel bieten. Er soll nicht nur auf ein ausgewiesenes Aerodrome beschränkt bleiben. Eine weitere Voraussetzung für den Einsatz von fliegenden Taxis sind Start- und Landeplätze in der Stadt – die unter Umständen auch auf Hochhäusern liegen könnten – und Stationen zur Kontrolle der Flüge. Aus heutiger Sicht sollte der Preis für den Nutzer deutlich unterhalb des Preises eines Hubschraubers liegen, der für Superreiche in den völlig verstopften Metropolen Manila oder Jakarta aber nicht unüblich ist. Unter dem Stichwort Urban Aerial Mobility (UAM) arbeitet Airbus mit Hochdruck an der Entwicklung von Flugtaxis.

Der City-Airbus soll Ende dieses Jahres zum Jungfernflug abheben. Seine Geschwindigkeit dürfte bei rund 120 Stundenkilometern liegen. Getrieben von einer Batterie, kann er vier Fluggäste transportieren, braucht aber keinen Piloten an Bord – sobald die Behörden diese Art des Fliegens freigeben. Starts und Landungen erfolgen senkrecht.

Auch Dubai und China probieren aus

Natürlich wagt sich nicht nur der europäische Flugzeugkonzern an die Grenzen: Über Singapurs ewigem Konkurrenten Dubai kreiste Ende September vergangenen Jahres das zweisitzige Lufttaxi des deutschen Herstellers Volocopter bei seinem Jungfernflug. „Die Drohne flog erstmals im urbanen Raum und war acht Minuten in der Luft“, berichtete Alexander Zosel, Mitgründer der Firma in Bruchsal, danach erfreut. Die chinesische Passagierdrohne Ehang 184 hat gerade einen erfolgreichen Testflug in Guangzhou absolviert. „Die Szenen, die wir bislang nur aus Science-Fiction-Filmen kannten, kommen dem Normalbürger nun näher“, sagte Ehang-Chef Hu Huazhi nach dem Flug. Auch er arbeitet unter anderem mit der Stadtregierung von Dubai.

Taxi-Schreck Uber arbeitet mit der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa am Konzept eines „fliegenden Automobils“, das von 2020 an ausprobiert werden soll. Beteiligt daran ist auch Bell Helicopter. „Das ist die neue Richtung in unserer Industrie, wir müssen über den Transport in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren nachdenken“, sagte Patrick Moulay am Rande der Singapore Airshow. Der Verkaufschef von Bell fügte an: „Wir werden die Taxis nicht morgen schon fliegen sehen. Aber das Ganze liegt näher, als viele erwarten.“ Tests sollen im übernächsten Jahr in Dallas und Dubai beginnen.

Ein erster Schritt auf diesem Weg ist der immer weitere Einsatz kleinerer Drohnen. In Singapur sollen sie künftig zur Inspektion der für die Stadt so wichtigen Hafenkräne zum Einsatz kommen. Auch werden sie helfen, Flugzeuge zu prüfen, die zur Wartung im Stadtstaat sind. Um Hochhäuser sollen sie kreisen, um etwaige Bauschäden zu erkennen. Und letztlich will sie natürlich auch die Polizei nutzen, um verdächtige Objekte aus der Luft zu betrachten.

Airbus hat nun einen Regionalbereich Airbus Aerial für Asien-Pazifik in Singapur gegründet, nach Atlanta in Amerika und München. „Von hier lassen sich Schlüsselmärkte in Australien, Indien, Japan und China bedienen“, sagt Jana Rosenmann, die das Geschäft mit dem unbemannten Fliegen bei Airbus leitet. „Singapur ist eine hervorragendes Zentrum für Innovationen und mögliche Partnerschaften, das stark von der Regierung unterstützt wird.“ Die Europäer sind am Äquator besonders auf das Vordringen in Bereiche wie Versicherungswesen, Landwirtschaft und die Rohstoffversorgung aus. So könnten von Drohnen aus Hochspannungsleitungen, Eisenbahnstrecken, aber auch der Tagebau etwa im Bodenschatzgebiet Westaustralien kontrolliert werden. Dabei bleibt bei allen neuen Anwendungsmöglichkeiten natürlich auch der Transport von Lasten und Paketen auf der Agenda, denn die Drohne könnte, zumindest in bestimmten Stadtgebieten, das Postauto ersetzen. Kein Wunder, dass Airbus sich in diesem Feld bedient hat: Der neue Chef von Airbus Aerial in Asien-Pazifik ist Bernard Leong. Er stand bislang in Diensten der Singapore Post.

Peru gegen illegalen Handel
Drohnen gegen Drogen
© Reuters, reuters
Quelle: F.A.Z.
Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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