Perspektiven in Senegal

Ausbildung statt Flucht

Von Caspar Schwietering
 - 15:05

Für ihren Besuch in Dakar hat sich Ndeye Yacine Niang schick gemacht. In wenigen Wochen wird die 24-Jährige nach Frankreich fliegen, um in Montpellier Internationalen Handel zu studieren. Heute möchte sie ein paar letzte Dinge besprechen. In einem bunt bedruckten Kleid aus bestem Stoff sitzt sie im Warteraum des deutschen Migrationsberatungszentrums. „Die Betreuung hier war wirklich großartig“, sagt die Studentin.

Im vergangenen Jahr bemühte sie sich noch ohne Hilfe um einen Studienplatz in Frankreich – vergeblich. Dann kümmerten sich die Mitarbeiter des Zentrums fünf Monate lang um ihre Bewerbung und gaben ihr den entscheidenden Tipp: Obwohl sie im Master studiert, solle sie sich für einen Studienplatz im Bachelor bewerben. Frankreich sehe senegalesische Abschlüsse nicht als gleichwertig an. Dass sie durch den Wechsel ein oder zwei Jahre verliert, nimmt Niang gerne in Kauf: „Wenn ich aus Frankreich zurückkomme, finde ich mit Sicherheit einen Job. Mit einem senegalesischen Abschluss hätte auf mich nur die Arbeitslosigkeit gewartet,“ sagt sie.

Mehr legale Wege nach Europa – Migrationsexperten fordern das schon lange. „Wenn junge Menschen zur Ausbildung nach Europa kommen, hier einige Jahre arbeiten und dann mit dem erworbenen Wissen in ihre Heimat zurückkehren, wäre das eine Win-Win-Win-Situation“, sagt Benjamin Schraven vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn. Von der irregulären Verzweiflungsmigration profitiere dagegen niemand.

Rückkehrer auf heimische Perspektiven aufmerksam machen

Im Migrationsberatungszentrum, das die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) seit Mitte Januar in Dakar betreibt, ist Ndeye Yacine Niang bisher allerdings die Ausnahme. Drei Studenten und zwei Au-pairs warteten derzeit auf ihre Visa von der deutschen Botschaft, sagt Abdourakhmane Wane, der Leiter des Zentrums. Hinzu kämen noch vier bis fünf Studenten, die bald nach Frankreich reisen werden. Beruflich habe das Zentrum noch niemanden nach Deutschland vermittelt. „Viele Pläne sind leider unrealistisch“, sagt eine Mitarbeiterin, die potentielle Migranten betreut. „In solchen Fällen bieten wir den Besuchern eine Alternative im Inland an.“

„Perspektive Heimat“ heißt auch das im März 2017 gestartete Programm, mit dem das Entwicklungsministerium neun Migrationsberatungszentren in Afrika, auf dem Balkan, im Irak sowie eine Rückkehrberatung in Deutschland finanziert. Die Beratung zur legalen Migration ist eher ein Nebenaspekt. Vor allem sollen die Mitarbeiter der Zentren zurückgekehrten Flüchtlingen bei der Reintegration helfen und weitere irreguläre Migration nach Europa verhindern, indem sie Besucher auf Perspektiven in den Heimatländern hinweisen. 150 Millionen Euro stehen dafür bis zum Jahr 2020 bereit. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) würde das Programm gerne ausbauen und 500 Millionen Euro jährlich investieren. „Das ist viel preiswerter, als die Menschen in Deutschland zu versorgen“, sagte er im April.

Allein 1200 ausreisepflichtige Senegalesen leben derzeit in Deutschland. Insgesamt waren im April dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zufolge in ganz Deutschland 232.838 Ausländer ausreisepflichtig. 61.254 davon haben keine Duldung und gelten als „vollziehbar ausreisepflichtig“. Doch Senegal und viele andere nord- und westafrikanische Länder kooperieren kaum bei der Abschiebung und stellen nur schleppend Pässe und Passersatzdokumente aus. Die freiwillige Rückkehr soll zur Alternative werden.

Kritik aus den Reihen der Opposition

„Hier wird Entwicklungszusammenarbeit für die Migrationsabwehr instrumentalisiert und dem Bundesinnenministerium untergeordnet. Mit Armutsbekämpfung hat das nichts zu tun“, kommentiert Eva-Maria Schreiber, die entwicklungspolitische Sprecherin der Linken, das Programm. Auch die Grünen lehnen „Perspektive Heimat“ ab. Der Entwicklungsminister mache sich „zum Erfüllungsgehilfen von Horst Seehofers populistischer Flüchtlingspolitik“, sagt ihr Sprecher Uwe Kekeritz.

In einer schriftlichen Anfrage hat Kekeritz das Ministerium im Juni gefragt, wie viele Stellen die Beratungszentren in Afrika, dem Irak und Afghanistan bisher an Rückkehrer vermittelt haben. Die Antwort: neun. Die Beamten im Entwicklungsministerium weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Zentren im Irak und Afghanistan sich noch im Aufbau befänden und im Jahr 2018 nur rund 100 Menschen in die afrikanischen Teilnahmeländer zurückgekehrt sind.

Im Migrationsberatungszentrum in Dakar haben sie bisher 70 Rückkehrer aus Europa und Libyen betreut. Fünfzehn davon seien aus Deutschland gekommen, sagt Abdourakhmane Wane. Etwa fünfzehn Prozent der rund 1000 Besucher hätten sich über Möglichkeiten der legalen Migration nach Europa informiert. „Doch die allermeisten kommen zu uns, weil sie sich über ihre Möglichkeiten in Senegal informieren möchten.“

Video starten

Helke Fussel„Das Projekt funktioniert, aber anders als erwartet“

Persönliche Förderung anstatt Stellenvermittlung

Viele junge Senegalesen hätten keine Vorstellung, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, sagt Wane. „Als Erstes legen wir deshalb ein Ziel fest. Dann gucken wir, welche Ausbildung man dafür braucht, bieten Bewerbungstraining an oder erstellen gemeinsam einen Businessplan.“ Die Betreuungssituation in dem Zentrum, das im Stadtteil Castors liegt, ist ausgezeichnet: In den kleinen Besprechungskabinen kümmern sich vier Mitarbeiter um sechs bis acht Kunden täglich.

Bei ihrer Arbeit gehe es weniger um Stellenvermittlung als um den Klick im Kopf, sagt Wane. 30 Prozent der Studenten in Senegal landeten in der Langzeitarbeitslosigkeit. Das liege auch daran, „dass die meisten Studenten Angestellte werden wollen“. Viele forderten, dass der Staat mehr Stellen schaffen solle. „Es kann sich aber nur etwas ändern, wenn die Leute wissen: Ich muss auch selbst etwas schaffen.“

Denn formelle Arbeitsplätze gibt es in Senegal, das mit einem Bruttoinlandsprodukt von 2568 Dollar je Kopf zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, kaum. Wer arbeitet, ist meist im informellen Sektor tätig: als Bauer, Fischer, Handwerker oder Kleinhändler. Nach Schätzungen von internationalen Organisationen sind etwa 40 Prozent der Jugendlichen ohne richtige Arbeit. In einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung jünger als 20 Jahre ist. Gerade auf dem Land erscheint die Migration nach Europa deshalb vielen noch immer als einzige Chance für einen sozialen Aufstieg. Umfragen zufolge hegen 40 Prozent der Senegalesen Pläne, nach Europa oder Nordamerika auszuwandern.

Senegals entgeisterte Jugend

„Die jungen Senegalesen träumen nicht“, erklärt der Rapper Fou Malade. „Sie haben nur den falschen Traum von einem Europa, das sie aus dem Fernsehen kennen.“ Der 44-Jährige gehört zu den einflussreichsten Intellektuellen des Senegal. In Guédiawaye, einer vernachlässigten Banlieue Dakars, wo es eine große Drogenszene gibt, hat er vor einigen Jahren das Centre G Hip Hop gegründet. Dort können sich die Jugendlichen aus dem Viertel in Breakdance, als DJ oder als Graffiti-Künstler probieren. „Viele Jugendliche seien zu Zombies geworden“, sagt er. Weil es keine funktionierende Infrastruktur gebe, weil die Schulen bröckelten und die Lehrer den Unterreicht ausfallen ließen, glaubten sie nicht, dass es sich lohne, sich zu engagieren. Im Migrationsberatungszentrum sollen sie lernen, ihre Zukunft selbst zu gestalten. Eigentlich eine ganz ähnliche Botschaft an Senegals Jugend – doch Fou Malade kann nichts damit anfangen: „Wir brauchen diese Projekte nicht. Was wir brauchen, sind faire Wirtschaftsbeziehungen mit Europa.“

Senegal profitiert tatsächlich kaum vom Handel mit Europa und anderen Erdteilen. Im Jahr 2017 erwirtschaftete das Land ein Handelsdefizit von 3,8 Milliarden Dollar. In die Welt schickt Senegal vor allem unverarbeitete Güter: Metalle und Phosphor, Erdnüsse und Fisch. Die Produkte des täglichen Bedarfs sind dagegen fast ausschließlich importiert. Wer in Senegal Frischmilch trinken will, muss sich in einer Upper-Class-Mall in Dakars Diplomatenviertel für einen wöchentlichen Lieferservice einschreiben. Die Alternative: H-Milch oder Milchpulver aus Europa.

Dem westafrikanischen Land fehlt die industrielle Basis, um mit Europas etablierter Lebensmittelindustrie und deren subventionierten Ausgangsprodukten konkurrieren zu können. Auch Grundnahrungsmittel wie Reis oder Zwiebeln werden teilweise importiert. Obwohl 80 Prozent der Senegalesen in Landwirtschaft und Fischfang arbeiten, gelingt es Senegals Bauern und Fischern nicht, die übrige Bevölkerung zu ernähren.

Investitionen sollen steigender Population entgegenwirken

Trotz dieser schwierigen Ausgangslage möchte die Regierung von Präsident Macky Sall Senegal bis zum Jahr 2035 in ein Schwellenland verwandeln. Teilweise finanziert durch Entwicklungsgeld und Public-Private-Partnerships, entstehen derzeit neue Hafenanlagen, Kraftwerke, Autobahnen, eine Schnellzugtrasse von Dakar zum Flughafen, ein Kongresszentrum und ein Industriepark. Die Investitionen sollen mehr Produktion anlocken, Senegal zum bevorzugten Dienstleistungsstandort für Westafrika machen und endlich jene Arbeitsplätze schaffen, die Macky Sall Senegals Jugend bei seiner Wahl 2012 versprochen hat.

Ende August bereiste Angela Merkel Senegal, Ghana und Nigeria mit einer Wirtschaftsdelegation. Die Bundeskanzlerin hat ein großes Interesse daran, dass Sall sein Versprechen halten kann. Denn allein in Senegal drängen jährlich 300.000 Menschen neu auf den Arbeitsmarkt. In ganz Afrika werden je Jahr etwa 20 Millionen neue Arbeitsplätze benötigt. Die Bevölkerung Afrikas wird sich von heute 1,3 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2050 wohl verdoppeln. Wenn Afrikas Jugend keine wirtschaftliche Perspektive in ihrer Heimat sieht, werden sich noch mehr Menschen auf den Weg nach Europa machen, so die Befürchtung der Bundesregierung.

Deshalb soll sich die deutsche Wirtschaft stärker in Afrika engagieren. In den sogenannten Compacts, with Africa, die das Bundesfinanzministerium 2017 während der deutschen G-20-Präsidentschaft angestoßen hat, werden der Wirtschaft Investitionsmöglichleiten in Senegal und elf weiteren Ländern präsentiert. Bisher sind etwa 1000 deutsche Unternehmen in Afrika aktiv. Die meisten davon allerdings in Südafrika oder den Maghreb-Staaten. Die Compacts aber auch Initiativen des Wirtschaftsministeriums und des Entwicklungsministeriums sollen mehr deutsche Unternehmen in das riesige Gebiet dazwischen locken. Unternehmern, die ein Engagement in Afrika für ein zu großes Risiko halten, soll etwa durch günstigere Hermes-Bürgschaften die Angst genommen werden.

Merkels Bemühungen bringen erste Erfolge

Diese Wirtschaftsoffensive hat inzwischen die ersten Erfolge erbracht. Im August hätten sich mehrere deutsche Unternehmen aus dem Medizin- und dem Energiesektor entschieden, in Senegal zu investieren, berichtet Friederike von Stieglitz, die Landesdirektorin der GIZ. Senegal sei trotz starker Wachstumsraten insgesamt jedoch kein ganz einfacher Standort für die deutsche Wirtschaft. „Es gibt hier einen ausgeprägten Formalismus, eine starke Bürokratie und eine Prägung durch französische Rahmenordnungen.“ Der französische Unternehmer fühle sich pudelwohl, während deutsche Unternehmer sich erst zurechtfinden müssten. Hinzu kämen sehr arbeiternehmerfreundliche Gesetze aus der Zeit des Afrikanischen Sozialismus. Im „Ease of Doing Business Index“ der Weltbank rangiert Senegal am unteren Ende auf Platz 140.

Der senegalesische Ökonom Ahmadou Aly Mbaye hält die Bauwut der Regierung Sall entsprechend für wenig zielführend: „Obwohl wir ein Entwicklungsland sind, ist unser Arbeitsrecht komplizierter als das von Frankreich. Unser Steuer- und Zollsystem ist intransparent. Und die Strom- und Wasserversorgung unsicher.“ Solange die Regierung diese Probleme nicht löse, würden sich keine Unternehmen ansiedeln und die Infrastrukturprojekte nur zu neuer Verschuldung führen, glaubt Mbaye. „Ich befürchte, am Ende werden die neuen Stellen weiterhin vor allem im informellen Sektor entstehen.“

Gerade in der Landwirtschaft und im Fischfang gebe es allerdings auch im Kleinen viel Spielraum für wirtschaftliche Entwicklung, sagt Friederike von Stieglitz. „Die Fischer verlieren sechzig Prozent ihres Fangs, weil keine Kühlung zur Verfügung steht.“ Mit einer solarbetriebenen Kühleisproduktion lasse sich unglaublich viel bewirken. Auch in der Landwirtschaft könnte Kühlung und damit auch Lagerung und Verarbeitung zu mehr Wertschöpfung führen. Die GIZ stattet deshalb Dörfer mit Solarzellen aus und bildet gemeinsam mit dem Freistaat Bayern seit Ende letzten Jahres Solartechniker aus. Für die Jungen sei das besonders attraktiv, sagt von Stieglitz. „Viele haben wenig Lust, beim Vater in der Landwirtschaft zu bleiben. Sie wollen etwas machen, das hip und modern ist.“ Viele, die vom Land kommen und nach Europa wollen, träumten nicht unbedingt von wirtschaftlicher Sicherheit, sondern von einem anderen Leben. „Diese Sehnsucht möchten wir in Senegal bedienen.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenSenegalEuropaDeutschlandAfrikaDakarFrankreichAusbildungDeutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit