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Ab nach Deutschland

¡Adiós, ingenieros!

Von Sven Astheimer
 - 14:14
Blick in eine unsichere Zukunft: Viele junge Spanier sind arbeitslos. Bild: Jung, Hannes, F.A.Z.

María Fe Escribano Talaya ist um 5 Uhr aufgestanden. Zwei Stunden braucht der Bus, der die 25 Jahre alte Frau aus Albacete im Südosten Spaniens in die 200 Kilometer entfernte Landeshauptstadt Madrid bringt. Um kurz vor neun steht sie aufgeregt in mitten vieler anderer Bewerber vor dem schmucklosen Betonbau in der Calle de Costa Rica, wo gleich eine Begegnung stattfindet, die ihr weiteres Leben gehörig verändern könnte. „Kartoffeln“ und „Danke“ - immerhin zwei Worte für eine mögliche Zukunft in Deutschland bringe sie schon mit, sagt sie. Ihr Lachen lockert die Situation auf.

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Drinnen wartet Conny Zitelli. Sie sucht Leute wie María Fe: jung, aufgeschlossen - und Ingenieurin. Zitelli arbeitet für die Hamburger Niederlassung des französischen Ingenieurdienstleisters Alten. Als Spezialist für Klima- und Abwassersysteme in Flugzeugen eng mit Airbus verbunden, braucht Alten ständig hochqualifiziertes Personal. Doch das ist immer schwieriger zu finden. Kamen früher die meisten Neueinstellungen aus dem norddeutschen Raum, erstreckt sich die Suche heute über ganz Deutschland bis ins europäische Ausland. Deshalb ist sie in Madrid. Stolze 35 Bewerberinterviews haben Zitelli und ihre Kollegin angesetzt. Scherzhaft ist von „Speeddating“ die Rede. Den Anfang macht María Fe.

Erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt

Nach einer halben Stunde verlässt die junge Frau das Gebäude wieder. Angenehm seien die Gespräche verlaufen - aber ob es reicht, könne sie nicht einschätzen. Im Sommer hat sie ihr IT-Studium abgeschlossen, nun sucht sie „eine herausfordernde und spannende Arbeit“, aber die sei momentan in Spanien kaum zu finden. „Und das wird wohl auch noch einige Zeit so bleiben“, sagt sie und begibt sich auf den Heimweg. Für María Fe ist die Veranstaltung beendet. Für Conny Zitelli hat sie gerade erst begonnen.

Viele junge Spanier entdecken gerade ihr Herz für Deutschland und vor allem für seinen Arbeitsmarkt. „El efecto Merkel“ hat die Öffentlichkeit die neue Bewegung getauft. Während eines Madridbesuches im Februar betrieb die Bundeskanzlerin Standortmarketing der besonderen Art. Qualifizierte junge Leute würden am deutschen Arbeitsmarkt mit offenen Armen empfangen, lautete ihre Botschaft. Während die Willkommenskultur des Kanzleramtes in der Heimat angesichts von Euro- und Staatsschuldenkrise nahezu ignoriert wurde, fiel das Echo in Spanien riesig aus. Kein Wunder, sind die Iberer mit 48 Prozent doch Europas trauriger Spitzenreiter in Sachen Jugendarbeitslosigkeit. Das Ende des Immobilienbooms und der Niedergang der Bauwirtschaft haben jungen Leute den Zugang zum Arbeitsmarkt nochmals erschwert.

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Ein Teil der Frustrationen entlud sich in Demonstrationen etwa auf der Puerta del Sol im Herzen Madrids und natürlich steht der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit im Mittelpunkt vieler Reden der Kandidaten für die Parlamentswahl am 20. November. Doch wo die Wirtschaft darniederliegt, kann Politik wenig ausrichten. Hilfe von außerhalb kommt da nicht ungelegen. Deshalb dürfen die Annäherungsversuche zwischen spanischen Jungingenieuren und deutschen Arbeitgebern auch in den Räumen des Arbeitsministeriums stattfinden.

„Wir werden immer nur nach Absprache mit unseren Partnern tätig“, sagt Gerald Schomann von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung, die zur Bundesagentur für Arbeit gehört. Auf nationale Befindlichkeiten werde stets Rücksicht genommen. Die Behörde ist mit ihren Schwesterorganisationen in den übrigen EU-Staaten über ein Netzwerk namens Eures verbunden. „Wir haben alle die selbe Ethik“, sagt Schomann, „wir wollen Bewerber und Arbeitgeber in Europa zu fairen Bedingungen zusammen bringen.“ Eures sei beileibe keine Einbahnstraße. Schon in den neunziger Jahren habe Deutschland mit dem Programm „Ärzte für Norwegen“ Mediziner nach Skandinavien exportiert. Im vergangenen Jahrzehnt warben dann Dänen oder Iren um die Gunst deutscher Fachkräfte, die angesichts von mehr als 5Millionen Arbeitslosen neue Perspektiven suchten. Viele wurden auch in die Schweiz oder nach Österreich vermittelt. Nun sei eben Deutschland als Zielland wieder attraktiv. Im Juli war über die Eures-Kanäle schon ein „sprunghafter Anstieg“ spanischer Bewerber zu verzeichnen. Zusammen mit den spanischen Kollegen machte sich Schomanns Team an die Planung der Kontaktbörse. Stellenausschreibungen deutscher Unternehmen mussten mit den Profilen spanischer Kandidaten abgeglichen werden. Rund Hundert Männer und Frauen wurden schließlich herausgefiltert.

„Deutschland ist ein Traumland für Ingenieure“

Meistens handelt es sich wie bei Enrique um Berufsanfänger. Der 24 Jahre alte, groß gewachsene Südspanier hat erst vor wenigen Monaten sein E-Technikstudium abgeschlossen. Sein Ziel ist die deutsche Autoindustrie, erzählt er, als er den Gesprächsraum verlässt. „Mein Traum ist es, Steuergeräte für einen großen Hersteller wie BMW oder Mercedes zu entwickeln“, sagt er unbekümmert. Mit dem Wunschland hat er selbst noch keine Erfahrungen gemacht. Aber Freunde haben ihm nach Praktika in Deutschland von dem tollen Arbeitsumfeld vorgeschwärmt, erzählt er in fließendem Englisch. Vor drei Wochen hat er deshalb einen Deutschkurs begonnen, den seine Eltern zahlen. Die Familie, deren Zusammenhalt in Spanien immer noch hoch gehalten wird, unterstützt seine Auswanderungspläne ebenso wie seine Freunde. „Viele haben schon angekündigt, dass sie mich besuchen wollen.“

Schwieriger gestaltet sich die Kandidatensuche, wenn von Arbeitgeberseite Berufserfahrung und Spezialkenntnisse gefragt sind. Beides bringt Juan Ramiro mit, 36 Jahre alt, und zuletzt spezialisiert auf Schienenfahrzeugtechnik. Der Mann aus Granada hat schon in England gearbeitet und für einen Zulieferer von Ford in Köln. Im Mai verlor er seine Stelle in einem Unternehmen in Andalusien, bekam eine ordentliche Abfindung. Seine Entscheidung war schnell gefallen: Ramiros Zukunft und die seiner Familie liegen nicht in Spanien. „Deutschland ist ein Traumland für Ingenieure“, sagt er überzeugt. Noch im selben Monat begann er einen Sprachkurs in Dresden und Münster. Ein halbes Jahr später kann er sich schon gut auf Deutsch unterhalten. „Ich habe zwei Kinder, der Druck ist groß.“ Ein zwischenzeitliches Angebot aus Spanien lehnte er jedoch ab - keine Perspektive. Obwohl er seine Arbeit jeden Tag vermisse, sagt Ramiro, vor allem das Gefühl, gebraucht zu werden. „Früher musste ich zweimal am Tag mein Handy aufladen, heute reicht es für drei Tage“, sagt er und hält das Gerät demonstrativ in die Höhe.

Der neue Deutschlandtrend auf der iberischen Halbinsel wird längst auch in anderen Ländern aufmerksam registriert. Japanische Presseagentur, dänisches Fernsehen - Manfred Ewel, der stellvertretende Institutsleiter des Goethe-Instituts in Madrid, ist ein gefragter Mann. „Alle wollen mehr über den Arbeitsmarkt in Deutschland wissen“, sagt er. Der 57 Jahre alte Ewel ist erst seit Juni in Spanien, war zuvor für das Institut in Marokko tätig. „Der Merkel-Besuch war für uns ein Segen“, sagt er, auch wenn er das Ausmaß zunächst unterschätzt habe. Gerade erst hat er Lehrbücher nachgeordert. Kein Wunder, die Zahl der Neueinschreibungen lag im Herbst um 30 Prozent über dem Vorjahreswert, die Zahl der Abschlussprüfungen in diesem Jahr legte ebenfalls um rund ein Drittel auf 1250 zu. Das Institut hat deshalb zehn neue Lehrer eingestellt, weitere sollen folgen. In Barcelona sieht die Situation genauso aus. Die Nachfrage ist landesweit riesig, obwohl das Goethe-Institut einer der teuersten Anbieter am Markt ist. Ein Kurs kostet rund 425 Euro. Vier Kurse braucht man laut Ewel, um auf Touristenniveau zu gelangen, acht reichten für eine ordentliche Konversation am Arbeitsplatz und zwölf Kurse seien nötig, um das etwa für Ärzte vorgeschriebene Niveau B2 zu erreichen. Das Gros der Teilnehmer sei zwischen 18 und 28 Jahren alt, darunter Studenten ebenso wie junge Berufstätige und Arbeitslose. Jeder Vierte, und das sei neu, sei mittlerweile ein IT-Spezialist oder Ingenieur.

Das gilt auch für Juan Garbayo, der sich gerade in der Instituts-Cafeteria noch eine Stärkung gönnt. Der 23 Jahre alte Madrilene studiert Luftfahrttechnik. Zwei Gastsemester an der RWTH in Aachen haben nicht nur geholfen, sein Sprachniveau auf C1 zu heben, sondern auch seine Berufswünsche geprägt: Derzeit steht er mit Aachener Professoren wegen seiner Diplomarbeit in Kontakt. Anschließend kann er sich eine Arbeit sowohl in der Industrie als auch in der Wissenschaft vorstellen - Hauptsache in Deutschland. Das reizt ihn weitaus mehr als seine Heimat, wo er sich mit seiner Qualifikation durchaus auch Chancen ausrechnet. „Aber so eine Möglichkeit werde ich später nicht mehr bekommen“, sagt er und erzählt von befreundeten Bauingenieuren, die seit Jahren auf der Suche nach einer Stelle sind. „Wir werden eine Generation verlieren in Spanien“, glaubt Garbayo angesichts der fehlenden Perspektiven. Er wisse sehr wohl, dass sein Land viel Geld für seine Ausbildung ausgegeben habe. „Aber was soll ich machen?“ Vielleicht komme er ja eines Tages auch zurück.

Um 21.30 Uhr ist für Conny Zitelli und ihre Kollegin in der Calle de Costa Rica Schluss. 26 Interviews haben die beiden Frauen geführt, einige Kandidaten kamen nicht. „Es waren richtig gute Kandidaten dabei“, sagt die Hamburger Managerin müde, aber erfreut. Noch in der U-Bahn werden erste Eindrücke ausgetauscht, die Favoriten ausgelotet. Eine Handvoll Leute würden das Duo intuitiv sofort einstellen. Auch María Fe Escribano Talaya, soviel verrät Zitelli, habe einen guten Eindruck hinterlassen. Doch so schnell geht es auch beim Speeddating nicht. Acht Namen landen auf einer Liste, die nach der Rückkehr dem Management in Hamburg vorgelegt wird. Mit diesen Bewerbern wird, in der Regel online über Skype, ein weiteres Gespräch geführt. Fällt dies positiv aus und stimmen die Gremien zu, können noch innerhalb der folgenden Woche die Arbeitsverträge verschickt werden. Denn die Zeit drängt, weiß Zitelli, die Konkurrenz schläft schließlich nicht: „Der Trip nach Madrid hat sich auf jeden Fall gelohnt.“

Quelle: F.A.Z.
Sven Astheimer
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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