Anzeige

Digitale Revolution

Macht der Maschinen

Von Gerald Braunberger
 - 13:55
Drei Frauen in Brüssel: Technischer Fortschritt als Glücksspender Bild: REUTERS, F.A.Z.

Wer die sich entwickelnde Dynamik der neuen Welt der Wirtschaft verstehen will, muss auf die alte schauen. Eines der auch international bekanntesten amerikanischen Unternehmen der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts war die Eastman Kodak Company, kurz Kodak genannt. Das Unternehmen wurde auch in Deutschland als Hersteller vor allem von Foto- und Filmkameras sowie Filmen geschätzt. Das Unternehmen Kodak machte nicht nur seine Gründerfamilie, die Eastmans, zu vermögenden Menschen.

Anzeige

Gleichzeitig bot es sehr vielen Mitarbeitern aus der Mittelklasse ordentlich bezahlte Industriearbeitsplätze. Zu seiner Glanzzeit beschäftigte Kodak fast 150.000 Menschen. Heute existiert das Unternehmen zwar noch, aber es ist nur ein Schatten seiner selbst und nicht länger in seinem alten Kerngeschäft tätig. Ein kurzer Zeitsprung: Im Jahre 2010 präsentierten zwei IT-Fachleute in Kalifornien Instagram, eine App, mit der Nutzer Fotos und Videos erstellen und über das Internet anderen Menschen zukommen lassen können.

Nur rund zwei Jahre später kündigte Facebook an, Instagram für eine Milliarde Dollar zu übernehmen. Zu diesem Zeitpunkt zählte Instagram 12 Mitarbeiter. Rund zwei Jahre später griff Facebook noch viel tiefer in die Tasche und zahlte für das rund fünf Jahre alte Unternehmen Whatsapp fast 20 Milliarden Dollar. Whatsapp zählte zu diesem Zeitpunkt nur rund 60 Mitarbeiter, aber fast eine halbe Milliarde Kunden.

„Zweites Maschinenzeitalter“

Mit solchen Beispielen untermauern Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, zwei Forscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, ihr Bild eines in Gang befindlichen gewaltigen Wandels unserer Welt, den sie als das „zweite Maschinenzeitalter“ bezeichnen. Neue computergestützte Anwendungen werden viele Bereiche des Lebens in einer immer größeren Geschwindigkeit verändern, zum Nutzen der Konsumenten, aber gleichzeitig auch begleitet von einer tiefgreifenden Veränderung der Arbeitswelt.

Anzeige

Die beiden Autoren benutzen ein ebenso einprägsames wie einschüchterndes Bild, um die künftige Arbeitswelt zu beschreiben: Demnach wird es nurmehr zwei Gruppen von Beschäftigten geben. Das ist zum einen die Gruppe jener Beschäftigten, die den Computern sagen, was sie zu tun haben. Die zweite Gruppe wird aus Beschäftigten bestehen, denen die Computer sagen, was sie zu tun haben. Auf eine attraktive Bezahlung wird nur die erste Gruppe rechnen können.

Mit ihrem Bild eines zweiten Maschinenzeitalters erklären Brynjolfsson und McAfee auch einen auffälligen Bruch in der wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten, der sich seit den neunziger Jahren konstatieren lässt und der sich seit der Jahrtausendwende immer weiter verstärkt hat. In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg teilten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer in den Vereinigten Staaten die Produktivitätsfortschritte. Das war das Zeitalter von Unternehmen wie Kodak, die lange gut liefen und damit einerseits ihren Aktionären schöne Dividenden und Kursgewinne bescherten, aber auch den Beschäftigten über eine hohe Zahl von Arbeitsplätzen und eine zumindest annehmbare Bezahlung Früchte des wirtschaftlichen Erfolges zukommen ließ.

Keine großflächigen Fabriken

Dass dieses alte Modell sich seit rund zwei Jahrzehnten aufzulösen scheint und vor allem das am besten verdienende Prozent der Amerikaner einen überdurchschnittlich wachsenden Anteil am Bruttoinlandsprodukt auf sich vereinigt, während für die Masse der Beschäftigten der Reallohn bestenfalls stagniert, erklären die beiden Forscher vom MIT überwiegend mit dem technischen Fortschritt. Denn wir leben in einem Zeitalter, in dem Unternehmen wie Instagram und Whatsapp an Bedeutung gewinnen. Sie bringen ihren wenigen Eigentümern innerhalb kurzer Zeit Verkaufserlöse, die manche unter ihnen reicher machen dürfte, als es die Kodak-Gründer Eastmans jemals waren. Aber anders als die Eastmans bieten die Instagrams und Whatsapps der Mittelschicht keine fünf- oder sechsstellige Zahl Arbeitsplätze, die oft viele Jahre existieren. Sie betreiben keine großflächigen Fabriken und füttern keine Logistikunternehmen mit regelmäßigen Großaufträgen.

Diese durch technischen Fortschritt getriebenen dynamischen Veränderungen der Wirtschaft sind in den Vereinigten Staaten augenscheinlich, aber werden sie in einer Welt mit offenen Grenzen in gleichem Maße auf Deutschland und Europa ausstrahlen? Auch in Europa gibt es Milliardäre, aber sie ähneln in ihrem meist langfristigen Vermögensaufbau, in ihrer Präsenz in oft traditionellen Wirtschaftszweigen und in ihrer Beschäftigung einer sehr hohen Zahl von Mitarbeitern eher den Eastmans als den modernen, schnellen Milliardären aus dem Silicon Valley – gleich, ob es sich um die Familie Albrecht mit ihren Aldi-Märkten handelt, die Quandts mit ihrer Beteiligung an BMW, den Franzosen Bernard Arnault an der Spitze des weltgrößten Luxuskonzerns LVMH oder Amancio Ortega, den Gründer und Großaktionär des spanischen Textilriesen Inditex.

Eine unterschiedliche Entwicklung in den Vereinigten Staaten und Europa wäre jedoch keineswegs erstaunlich, sondern naheliegend – jedenfalls wenn man einer Arbeit der Ökonomen Daron Acemoglu (MIT), James Robinson (Harvard) und Thierry Verdier (Paris School of Economics) folgt. Sie postulieren, dass der technische Fortschritt, ablesbar auch an einem Vergleich neu angemeldeter Patente, nicht zufällig in den Vereinigten Staaten dominiert. Denn die Entwicklung technischen Fortschritts und seine Vermarktung wird umso attraktiver, je mehr seine Schöpfer die wirtschaftlichen Früchte ihrer Arbeit ernten können, ohne eine soziale Stigmatisierung und eine sehr hohe Besteuerung ihrer Einkünfte fürchten zu müssen. Solche Voraussetzungen finden sich aber eher im „rauheren“ Kapitalismus in den Vereinigten Staaten, in dem sehr starke Einkommensunterschiede eher toleriert werden als in Kontinentaleuropa.

Für beide Seiten riskant

Deswegen befindet sich das Silicon Valley in Kalifornien und nicht im Tal der Isar oder im Tal der Rhône. Kontinentaleuropa mit seinem eher „weicheren“ Kapitalismusmodell importiert den technischen Fortschritt aus den Vereinigten Staaten und verbessert ansonsten seine zum Teil fraglos sehr hochwertigen, aber eben auch traditionellen Produkte wie Autos. Damit lässt sich, wie das deutsche Beispiel zeigt, langfristig durchaus reüssieren, aber die höheren wirtschaftlichen Wachstumsraten finden sich auf der anderen Seite des Atlantiks. Interessanterweise ist dieses Arrangement aus Sicht der drei Ökonomen für die Amerikaner wie für die Europäer vorteilhaft. Für beide Seiten wäre es riskant, ihr jeweiliges Modell zu ändern.

Die seit einiger Zeit vor allem in angelsächsischen Ländern beobachtbare größere Ungleichheit der Einkommen lässt die Analytiker der neuen Wirtschaftswelt nicht unberührt. Konkret fürchten sie, dass eine Ballung wirtschaftlicher Macht in den Händen einer immer kleiner werdenden Zahl sehr reicher Menschen dieser wirtschaftlichen Elite die Möglichkeit gibt, den Staat für ihre Zwecke einzuspannen. Brynjolfsson/McAfee sind große Befürworter des zweiten Maschinenzeitalters, von dem sie erhebliches wirtschaftliches Wachstum und eine spürbare Verbesserung der Lebensqualität erwarten.

Aber Beispiele wie selbstfahrende Autos oder Computerprogramme, die zumindest in Teilen die Arbeit von Juristen, Steuerberatern oder Bankern ersetzen, werfen die Frage auf, welche Arbeitsplätze künftig der bisherigen Mittelschicht noch zur Verfügung stehen werden. Die beiden MIT-Forscher kennen kein Patentrezept, aber sie empfehlen der Politik unter anderem, Arbeit steuerlich zu entlasten, um sie etwas attraktiver zu machen.

Sehr viel fundamentaler geht der Pariser Ökonom Thomas Piketty das Verteilungsthema an. Sein neues Buch über das „Kapital im 21. Jahrhundert“, im Wirtschaftsteil dieser Zeitung im Januar ausführlich rezensiert, sorgt derzeit in amerikanischen Medien für Furore. Piketty sieht für die Vereinigten Staaten und Teile Europas nichts weniger als die Wiederkehr der Rentiersgesellschaft des späten 19. Jahrhunderts, in der in vielen europäischen Ländern damals eine kleine Schicht vermögender Menschen einen erheblichen Teil der Vermögen besaß.

Piketty, emsiger Forscher ebenso wie ein typisch französischer Idealist, will die Vermögen nicht abschaffen, aber durch Besteuerung etwas gleichmäßiger verteilen. Er glaubt, anders als seine MIT-Kollegen, nicht, dass die wirtschaftliche und technische Entwicklung überwiegend die Vermögensverteilung bestimmt; für ihn steht auch die Politik in der Pflicht. Am Ende sieht aber auch er, wie Brynjolfsson und McAfee, in der Herstellung eines möglichst kräftigen Wirtschaftswachstums und einer hochwertigen Bildung möglichst vieler Menschen einen wichtigen Weg, der aus politischer Sicht gefährlichen Vermögenskonzentration entgegenzuwirken. In welchen Branchen neue attraktive Arbeitsplätze entstehen werden, weiß niemand, aber eine gute Bildung dürfte die Zukunftschancen auf jeden Fall verbessern.

Eine in Amerika kursierende Geschichte über die moderne Industrie geht so: Ein Unternehmensvorstand und ein Gewerkschaftschef besuchen eine durch Roboter hochautomatisierte Automobilfabrik, in der nur noch wenige Menschen arbeiten. Der Vorstand fragt den Gewerkschafter mit einem hochmütigen Lächeln: „Wie willst du meine Roboter dazu bringen, für deine Gewerkschaft zu streiken?“ Der Gewerkschafter lächelt zurück: „Und wie willst du deine Roboter dazu bringen, deine Autos zu kaufen?“ Die neue Welt der Wirtschaft – die Welt der Daten, der Netzwerke, der Apps und der Roboter – wird nicht zuletzt auch die Bereitschaft zu neuem Denken erfordern.

Quelle: F.A.Z.
Gerald Braunberger
Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandEuropaKalifornienUSAEastman KodakFacebookKodakMITDollar

Anzeige