Nach Debatte bei Google

Wie sexistisch ist das Silicon Valley?

Von Roland Lindner
 - 16:20

Damit hatte Eric Schmidt bestimmt nicht gerechnet: Der Verwaltungsratschef des Internetkonzerns Google nahm vor zwei Jahren an einer Podiumsdiskussion auf der Digitalkonferenz „South by Southwest“ im texanischen Austin teil. Neben ihm saßen Megan Smith, eine frühere Google-Managerin, die mittlerweile einen Posten in der amerikanischen Regierung angenommen hatte, sowie der Autor Walter Isaacson. Die Gruppe sprach unter anderem über die Notwendigkeit, die Präsenz von Frauen in der Technologiebranche zu steigern. Ganz am Ende meldete sich eine Frau aus dem Publikum zu Wort, und was sie sagte, klang erst unverfänglich. Sie wies auf Forschungsergebnisse hin, wonach Frauen häufiger beim Reden unterbrochen werden als Männer. Dann holte sie zur Attacke aus. Sie fragte Schmidt und Isaacson, ob ihnen eigentlich bewusst sei, dass sie Megan Smith in der vorangegangenen Diskussion viel öfter ins Wort gefallen seien als sich gegenseitig. Im Saal brandete begeisterter Applaus auf. Die beiden Männer auf der Bühne lächelten gequält, keiner von ihnen nahm zu der Frage Stellung. Für Eric Schmidt, der einen der mächtigsten Internetkonzerne der Welt repräsentierte, dürfte es ein unbehaglicher Moment gewesen sein. Ihm wurde von der Fragestellerin ein Spiegel vorgehalten und suggeriert, er verkörpere Voreingenommenheit gegenüber Frauen, wenn nicht sogar blanken Sexismus.

Wie frauenfeindlich Google und andere Technologieunternehmen im kalifornischen Silicon Valley sind, ist in der vergangenen Woche abermals zum Gegenstand einer hitzigen Debatte geworden. James Damore, ein 28 Jahre alter Google-Mitarbeiter, hat auf einem internen Online-Portal des Unternehmens eine langatmige Abhandlung veröffentlicht, in der er auf Ursachensuche für den vergleichsweise niedrigen Anteil von Frauen in der Branche ging. Er argumentierte, dies erkläre sich nicht nur mit Diskriminierung und Voreingenommenheit, sondern auch mit „biologischen Differenzen“ zwischen den Geschlechtern. Er führte einige dieser vermeintlichen Unterschiede auf, etwa dass Frauen neurotischer seien als Männer, weniger anecken wollten und mehr „auf Gefühle und Ästhetik als Ideen ausgerichtet“ seien. Er beklagte sich über die verschiedenen Programme und Kurse, die Google rund um Förderung von Vielfalt („Diversity“) in der Belegschaft abhält, und nannte sie diskriminierend. Allgemein prangerte er eine „linksliberale Voreingenommenheit“ und eine „politisch korrekte Monokultur“ im Unternehmen an, die Andersdenkende zum Schweigen verdamme.

Damores Text sorgte im Unternehmen für einen Aufruhr und sickerte an die Öffentlichkeit durch. Viele Google-Mitarbeiter waren empört und werteten das Manifest als sexistisch, manche machten ihrem Ärger auf Twitter Luft. Es entbrannte eine Diskussion, die Google und die ganze Technologiebranche an einem wunden Punkt traf. Die Unternehmen, die seit Jahren wegen ihrer geringen Frauenanteile in Erklärungsnot sind, beteuern regelmäßig, sie täten alles, um mehr Vielfalt ins Personal zu bringen. Damores Text aber könnte Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Versuche wecken. Eine frühere Google-Mitarbeiterin fragte in einem Blogeintrag, was für eine Kultur wohl im Unternehmen herrschen müsse, wenn jemand meine, es sei akzeptabel, solche Ansichten zu verbreiten.

Sexismusvorwurf erschüttert das Selbstverständnis im Silicon Valley

Die Führung von Google hat schnell erkannt, wie explosiv die Angelegenheit ist. Vorstandsvorsitzender Sundar Pichai brach seinen Urlaub ab, um sich mit Krisenmanagement zu beschäftigen. Damore wurde umgehend entlassen, Pichai sagte, das Schreiben habe gegen den „Verhaltenskodex“ von Google verstoßen. „Zu sagen, eine Gruppe unserer Kollegen hat Eigenschaften, die sie biologisch weniger geeignet für diese Arbeit macht, ist beleidigend und nicht okay.“

Der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit erschüttert das Selbstverständnis im Silicon Valley. Hier legen die Unternehmen schließlich größten Wert darauf, dass nur die Leistung zähle und die besten Ideen gewinnen, egal von wem sie kommen. Dass in Wahrheit Machos den Ton angeben sollen, scheint sich auch nicht recht mit dem Ruf Kaliforniens als Ort der Akzeptanz und Toleranz zu vertragen. Ebenso wenig scheint es zum landläufigen Klischee zu passen, dass das Silicon Valley von unbeholfenen Strebertypen bevölkert wird.

Und doch häufen sich gerade in jüngster Zeit schlagzeilenträchtige Sexismus-Vorwürfe. Der Fahrdienst Uber wurde in diesem Jahr von einer früheren Mitarbeiterin ins Chaos gestürzt, nachdem sie sich in einem Blogeintrag über sein frauenfeindliches Umfeld beschwerte. Sie sagte auch, sie sei von ihrem Vorgesetzten sexuell belästigt worden und habe vergeblich versucht, die Personalabteilung zum Einschreiten zu bewegen. Sie erzählte bizarre Episoden, etwa dass Mitarbeiter ihrer Abteilung einmal als Aufmerksamkeit Lederjacken bekommen sollten, sie dann aber nur für die männlichen Kollegen bestellt worden seien, mit der Begründung, auf Damenjacken habe es wegen des Frauenmangels in der Gruppe keinen Mengenrabatt gegeben. Sie schrieb weiter, der Anteil von Frauen in der Abteilung sei innerhalb von nur etwas mehr als einem Jahr von 25 auf 3 Prozent geschrumpft. Der Blogeintrag war beschämend für den Fahrdienst, der ohnehin schon oft wegen seiner aggressiven Geschäftspraktiken in Verruf gekommen ist. Er setzte eine ganze Kette von Affären in Gang, an deren Ende Vorstandsvorsitzender Travis Kalanick zurücktreten musste.

Eine „tagtägliche Kultur der Geringschätzung“

Im Frühsommer wurde das Silicon Valley von neuen Enthüllungen erschüttert. Eine ganze Reihe von Frauen berichtete in amerikanischen Medien von persönlichen Erlebnissen sexueller Belästigung in der Technologiebranche. Sie gingen dabei sogar noch weiter als die frühere Uber-Mitarbeiterin und nannten die Männer beim Namen, von denen sie sich bedrängt fühlten. Oft handelte es sich dabei um Wagniskapitalgeber, eine mächtige und von Männern dominierte Gruppe im Silicon Valley, die als Geldquelle für Unternehmensgründer unverzichtbar ist. Einige der beschuldigten Investoren nahmen öffentlich Stellung und gaben Fehlverhalten zu. Chris Sacca zum Beispiel wies zwar die konkreten Vorwürfe gegen ihn zurück, sagte aber, er habe zu der „unerbittlichen tagtäglichen Kultur der Geringschätzung“ beigetragen, mit der Frauen in der Branche kämpften.

Es sind nicht nur grobe Verfehlungen, die Zweifel an der Chancengleichheit im Silicon Valley aufkommen lassen, sondern auch kleine Alltagsbeispiele. Eine interne Untersuchung bei Facebook etwa kam zu dem Schluss, dass die Programmierarbeit weiblicher Softwareentwickler im Unternehmen häufiger abgelehnt wird als diejenige von männlichen Kollegen. Insgesamt zeichnen die von Technologieunternehmen regelmäßig vorgelegten Diversity-Berichte über die Zusammensetzung der Belegschaft aus Sicht von Frauen ein ernüchterndes Bild. Bei Google waren zuletzt 31 Prozent aller Mitarbeiter weiblich, im Management waren es 25 Prozent und in technischen Positionen 20 Prozent. Die Zahlen haben sich in den vergangenen Jahren nicht allzu sehr verändert, obwohl Google mehr als eine Viertelmilliarde Dollar für Diversity-Initiativen ausgegeben hat. In anderen Unternehmen wie Facebook sind die Frauenanteile ähnlich. Eine 2016 veröffentlichte Studie der staatlichen amerikanischen Gleichstellungsbehörde EEOC kam zu dem Ergebnis, dass der Frauenanteil in der Technologieindustrie weit unter dem Durchschnitt aller Branchen liegt. Das Gleiche gilt für den Anteil von Afroamerikanern und Latinos. Warum diese ethnischen Gruppen jenseits von Voreingenommenheit und Diskriminierung unterrepräsentiert sein könnten, darauf lieferte der Google-Mitarbeiter in seinem Manifest keine Antwort.

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Oft ist die Rede davon, dass im Silicon Valley eine „Bro“-Kultur herrscht. „Bro“ kommt von „Brother“, also „Bruder“. Im Sprachgebrauch ist das Wort manchmal nur eine harmlose kumpelhafte Floskel zwischen Männern, es steht aber auch für den Typus eines jungen Mannes mit machohaftem Gehabe. Von der Sorte gibt es unter den Softwareprogrammierern im Silicon Valley offenbar so viele, dass sie den Spitznamen „Brogrammer“ bekommen haben. Nach Beobachtung von Dan Lyons, einem Journalisten und Buchautoren, der zeitweise selbst für ein Start-up-Unternehmen gearbeitet hat, begünstigt eine solche Bro-Kultur vor allem junge, weiße Männer. Ein Bro-Vorstandschef rekrutiere oft Abbilder von sich selbst, also zum Beispiel Leute, mit denen er nach der Arbeit gerne ein Bier trinken würde. Ähnlich investierten Wagniskapitalgeber, die in jüngeren Jahren oft selbst Bro-Unternehmer gewesen seien, vorzugsweise in Gründer, in denen sie sich selbst wiedererkennen. Das alles erschwere die Ausgangslage für Frauen, ob als Gründerinnen oder für die Karriere in einem bestehenden Unternehmen.

„Pipeline“-Problem oder „unbequeme Wahrheit“?

Als Gegenargument, um den Vorwurf von Diskriminierung zu entkräften, wird häufig ein „Pipeline“-Problem angeführt. Damit ist gemeint, es gebe zu wenig Nachschub an Frauen mit einer Ausbildung, die sie für eine Arbeit in der Technologiebranche qualifiziert. Joelle Emerson, die mit ihrer Gesellschaft Paradigm Unternehmen in Diversity-Fragen berät, weist das nicht ganz von der Hand, sieht darin aber nicht den maßgeblichen Grund für den niedrigen Frauenanteil. Denn es erkläre nicht, warum Frauen Studien zufolge in höherem Maße als Männer die Technologiebranche wieder verlassen. Und auch nicht, dass sie in niedrigeren Hierarchieebenen besser vertreten seien als in höheren.

James Damore ist mit seinem Manifest auch auf viel Beifall gestoßen. Manche meinten, er habe lediglich unangenehme Wahrheiten ausgesprochen und sei dafür bestraft worden. Ein Investor aus der Branche twitterte, Google solle damit aufhören, seiner Tochter beizubringen, ihr Schlüssel zum Erfolg liege nicht im Programmieren, sondern darin, sich bei der Personalabteilung zu beschweren. Auch bei Google selbst gibt es offenbar verschiedene Auffassungen. In einer anonymen Umfrage über die Smartphone-Anwendung Blind gab mehr als die Hälfte der Teilnehmer aus dem Unternehmen an, Damore hätte nicht entlassen werden sollen. Unabhängig von der Sexismus-Frage gab es positive Reaktionen auf das Argument in dem Manifest, Google wie auch andere Unternehmen aus der Branche kultivierten eine progressive Einheitsmeinung, die keinen Raum für konservativere Haltungen biete. Besonders viel Beifall kam freilich aus eher fragwürdigen Kreisen wie der für ihre ultrakonservativen Positionen bekannten „Alt Right“-Szene und deren Zentralorgan „Breitbart News“. Hier wurde Damore zum Helden der freien Meinungsäußerung stilisiert. Aus dem „Alt Right“-Lager kamen auch persönliche Online-Attacken auf Mitarbeiter von Google. Vorstandschef Pichai sah sich deshalb gezwungen, aus Sorge um die Sicherheit seiner Beschäftigten eine für Donnerstag geplante Mitarbeiterversammlung kurzfristig abzusagen.

Google kann sich zugutehalten, einige sehr erfolgreiche weibliche Führungskräfte hervorgebracht zu haben. Sheryl Sandberg hat hier Karriere gemacht, bevor sie von Facebook als Geschäftsführerin rekrutiert und zur wahrscheinlich prominentesten Managerin im Silicon Valley wurde. Marissa Mayer war im Top-Management von Google, bis sie an die Spitze des Wettbewerbers Yahoo wechselte. Susan Wojcicki, eine der ersten Mitarbeiterinnen des Unternehmens, führt heute die Videoseite Youtube. Wojcicki nahm in dieser Woche öffentlich Stellung zu dem Manifest und nannte es „noch ein weiteres entmutigendes Signal an junge Frauen, die ein Informatikstudium anstreben“. Sie erzählte von Momenten in ihrer eigenen Karriere, in denen sie sich wegen ihres Geschlechts benachteiligt gefühlt habe, etwa als man sie nicht zu geschäftlichen Veranstaltungen eingeladen habe. Oder als ihre Ideen erst ignoriert, dann aber von Männern in anderer Formulierung vorgebracht worden seien. Und natürlich sei sie auch oft in Besprechungen unterbrochen worden. Vielleicht aber ja im Gegensatz zu Megan Smith zumindest nicht von Eric Schmidt. Denn den nannte sie ausdrücklich als einen ihrer Förderer.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Lindner, Roland (lid.)
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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