„Glass“

Wie geht es mit Googles Datenbrille weiter?

Von Roland Lindner, New York
 - 22:03

Wie viele andere Unternehmen aus dem kalifornischen Silicon Valley erhebt auch der Internetkonzern Google gerne den Anspruch, die Welt besser zu machen. Und doch eckt Google oft genug an und hat Kritiker zuhauf, ob nun unter Kartellwächtern oder Datenschützern. Aber wohl mit keinem anderen Produkt ist dem Unternehmen so viel Feindseligkeit entgegengeschlagen wie mit seiner Datenbrille „Google Glass“.

Für viele Menschen war der auf der Nase sitzende Minicomputer ein Angriff auf die Privatsphäre, weil es unauffälligeres Fotografieren erlaubt als etwa ein Smartphone. Vielerorts wurde Google Glass verboten, etwa in Kneipen, Kinos oder Kasinos. Die Brille machte Menschen nicht nur Angst, sie wurde auch Gegenstand von Spott. Wer das recht klobige Gerät aufsetzte, musste befürchten, dass seine Mitmenschen sich über ihn lustig machten. In Amerika wurden Träger der Brille sogar als „Glassholes“ tituliert. Ein solcher Schmähbegriff ist eine Herausforderung für jede Marketingabteilung. Google sah sich sogar genötigt, Benimmregeln für die Nutzer der Brille zu veröffentlichen.

Jetzt greift Google durch und verordnet seiner Brille eine Zäsur. Der Verkauf der gegenwärtigen Version des Geräts an Endverbraucher wird am kommenden Montag eingestellt, teilte das Unternehmen mit. Aber Google beteuerte, dies sei nicht das Ende des Projekts, sondern versuchte, seinen Schritt als Aufwertung zu verkaufen. So werde die Datenbrille nun nicht mehr Teil der Forschungseinheit Google X sein, in der diverse Zukunftsprojekte wie selbstfahrende Autos untergebracht sind. Vielmehr werde das Brillenprojekt nun zu einer eigenen Abteilung bei Google.

Außerdem bekommt Google Glass nun einen hochkarätigen neuen Verantwortlichen. So wird sich künftig Tony Fadell, der im vergangenen Jahr durch die Übernahme des auf intelligente Haushaltsgeräte spezialisierten Unternehmens Nest Labs zu Google kam, zusätzlich um die Brille kümmern. Fadell gilt als Mann mit einem Gespür dafür, Hardware ästhetisch ansprechend zu machen. Er war früher beim Elektronikkonzern Apple und hatte dort eine führende Rolle bei der Entwicklung des digitalen Musikspielers iPod. Bei Nest hat er es geschafft, Alltagsprodukte wie Heizungsthermostate nicht nur durch Verbindung mit dem Internet intelligenter, sondern auch optisch attraktiver zu machen.

Noch dieses Jahr eine Neuauflage der Brille?

Dass Google nun mit der Datenbrille erst einmal eine Pause einlegt, ist bemerkenswert, zumal das Unternehmen anfangs sehr aggressiv die Werbetrommel dafür gerührt hat. Insbesondere Google-Mitgründer Sergey Brin versuchte, Begeisterung für das Gerät zu versprühen. Er ließ sich einmal in der New Yorker U-Bahn mit der Brille fotografieren, das Bild ging hinterher um die Welt.

Auf einer Google-Konferenz vor zwei Jahren ließ Brin eine Gruppe von Fallschirmspringern mit der Brille ausrüsten und von einem Zeppelin aus auf den Boden schweben. 2013 startete Google dann sein „Explorer“-Programm und stellte die Brille ausgewählten Nutzern für 1500 Dollar zur Verfügung. Im vergangenen Jahr konnte sich jedermann in Amerika die Brille bestellen. Aber die Verkaufszahlen sollen sich in Grenzen gehalten haben. Und die ursprünglich für das vergangene Jahr in Aussicht gestellte Markteinführung von Google Glass auf breiter Front blieb aus.

Es ist offen, wie es nun mit der Brille weitergehen soll. Google selbst teilte nur mit, es solle „zukünftige Versionen“ der Brille geben, und die werde es zu sehen geben, wenn sie fertig seien. Eine für die Brille zuständige Managerin sagte dem „Wall Street Journal“, es solle in diesem Jahr eine Neuauflage geben. Anders als bei der bisherigen Version wolle Google keine vorläufigen Varianten an ein begrenztes Publikum abgeben, sondern ein endgültiges Produkt herausbringen. In der Zwischenzeit will Google versuchen, die Brille als Gerät für den kommerziellen Einsatz zu etablieren. Viele Beobachter meinen, für professionellen Bedarf von Ärzten, Polizisten oder Mechanikern sei Google Glass viel besser geeignet als für Endverbraucher.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lindner, Roland (lid.)
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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