Künstliche Intelligenz

Womit Elon Musk recht hat

Von Alexander Armbruster
 - 09:05

Alice und Bob sind sogar international in die Schlagzeilen geraten. „Robo Stop – Übernehmen jetzt die Maschinen?“, erschreckte die britische Boulevardzeitung „Sun“ gerade groß ihre Multimillionen-Leserschaft auf der Titelseite. Kevin Warwick, einen Naturwissenschaftler, der sich mit der Verschmelzung von Mensch und Computer beschäftigt, lässt sie hernach zu Wort kommen mit der Aussage: „Das ist ein unglaublich wichtiger Meilenstein, aber jeder, der denkt, dass das ungefährlich ist, hat seinen Kopf in den Sand gesteckt.“

Es geht um ein Experiment der Facebook-Forschungsgruppe für Künstliche Intelligenz (KI). Die Fachleute haben zwei Computerprogramme (Chatbots), Alice und Bob, miteinander verhandeln lassen. Während ihres Dialogs fingen sie spontan an, von der englischen Sprache abzuweichen in einer Weise, die Außenstehende nicht sinnvoll nachvollziehen können, die beiden Computerprogramme aber offenkundig schon. Die Forscher, so suggerierte nicht nur dieser prominente Bericht der „Sun“, hätten daraufhin eine außer Kontrolle zu geraten drohende Künstliche Intelligenz abgeschaltet – um womöglich Schlimmes zu verhindern.

Wirklich bedrohlich war das jedoch nicht. Es stimmt, dass Facebook an intelligenten Programmen arbeitet, die einmal über das verfügen sollen, was gemeinhin als „gesunder Menschenverstand“ gilt. Das ist übrigens kein Geheimnis, Yann LeCun, der KI-Forschungschef des sozialen Netzwerks und einer der Pioniere des Feldes, sagte dies im Rahmen der laufenden KI-Serie dieser Zeitung ganz offen. Die Forscher haben das Gespräch zwischen Alice und Bob aber nicht aus Sorge schnell beendet, sondern weil das Experiment nicht so verlief, wie sie sich das erhofft hatten. Sie hatten den beiden Programmen in der Versuchsstruktur nicht vorgegeben, sich strikt an die Grammatik der englischen Sprache zu halten, was die Computer in diesem Fall dann auch tatsächlich nicht taten.

Wie zwischen Mensch und Affe?

Ein fehlgeschlagener Versuch also, wenn auch mit einem interessanten Ergebnis. Und übrigens nicht der erste Fall, in dem durch Einsatz der derzeit angesagten KI-Methoden Computer teils eigene Formen der Informationsweitergabe untereinander kreierten; das geschah auch schon im Übersetzungsdienst von Google. Ob Linguisten von einer eigenen Sprache sprechen würden, sei einmal dahingestellt. Unabhängig davon standen die beiden Chatbots Alice und Bob jedenfalls zu keinem Zeitpunkt kurz davor, die Herrschaft über die Menschheit an sich zu reißen, im Gegenteil.

Überhaupt ist derzeit kein (bekannter) Computer auf dem Weg, ein echtes Superhirn zu werden, das in jeder Hinsicht dem menschlichen überlegen wäre. Gleichwohl dreht sich eine der beiden KI-Debatten genau darüber. Sie ist sehr alarmistisch und eignet sich vornehmlich zum Gruseln, Träumen oder zur Ideenfindung für Blockbuster-Kinofilme. Und sie leidet schlicht darunter, dass sie nicht einmal wirklich sinnvoll geführt werden kann. Zum Beispiel: Soll man sich das Verhältnis zwischen Computer und Mensch dann vorstellen wie das zwischen Mensch und Affe? Hätte ein Computer den Wunsch, sich zu vermehren, Macht auszuüben, reich zu werden? Einen Anlass, so etwas gut begründet anzunehmen, gibt es nicht.

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Solche Szenarien hat übrigens auch der Tech-Unternehmer Elon Musk nicht wirklich im Sinn, wenn er im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz warnt vor der „größten Bedrohung, der wir uns als Zivilisation gegenübersehen“, wie er nun noch einmal klargestellt hat. Er knüpft vielmehr an die wichtige KI-Debatte an, die sich um das tatsächlich absehbare Voranschreiten dieser Technologie dreht. Um die Vorhaben, für die Unternehmen wie etwa Google, Facebook, Microsoft, Apple, Baidu, Tencent, Alibaba, Bosch, die großen Autohersteller und unzählige unbekannte Start-ups viel Geld investieren.

Programmieren lernen

In welchen speziellen Bereichen werden intelligente Computerprogramme anspruchsvolle menschliche Fähigkeiten erweitern oder ersetzen? Welche Arbeitsplätze fallen weg und wie viele, ab wann fahren Autos alleine in komplizierten Verkehrssituationen, schätzen Computer komplexe Risiken richtiger ein als Menschen, diagnostizieren Krankheiten erfolgreicher, legen Kapital Ertrag bringender an oder verringern den Energieverbrauch? Viele Fragen müssen beantwortet werden, andere werden sich erst stellen während dieser „Automatisierung auf Steroiden“ (Andrew Ng).

Musk und andere mahnen vor allem, darauf vorbereitet zu sein. Es braucht Fachkompetenz, die versteht, was da passiert. Das gilt für die Wirtschaft wie für den Staat und frei nach dem Ausspruch des genialen Science-Fiction-Autoren Issac Asimov, der einmal schrieb: „Ich konnte mich nicht dazu bringen zu glauben, dass, wenn Wissen eine Gefahr darstellt, die Lösung Ignoranz ist.“ Etwas tun kann, wenn ein Rat erlaubt ist, übrigens auch jeder einzelne. Sich selbst Grundkenntnisse im Programmieren und in Informatik aneignen, zum Beispiel. Oder noch wichtiger: Dies wenigstens den eigenen Kindern zu ermöglichen. Wenn sie groß sind, werden sie es gut brauchen können – vermutlich nahezu unabhängig von dem, was sie dann machen.

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Wie gefährlich ist Künstliche Intelligenz? Die richtige Vorbereitung ist wichtig, sagt @AlaArmbruster
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Armbruster, Alexander (ala.)
Alexander Armbruster
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