Schnelle Lieferung

Rossmann besiegelt den Pakt mit Amazon

Von Christian Müßgens, Hamburg
 - 17:34

Die erste Bestellung kam an diesem Mittwochmorgen. Sie hatte auf den ersten Blick wenig mit Drogeriewaren zu tun. Nuss-Aufstrich, Müsliriegel und Bio-Lakritzschnecken wollte der Berliner Kunde haben, der als erster den neuen Bringdienst nutzte, den Rossmann und Amazon seit dieser Woche in der Hauptstadt anbieten.

Rund 5000 Artikel aus dem Bestand der zweitgrößten deutschen Drogeriemarktkette können Kunden dort ab sofort über die Internetseite des amerikanischen Versandhandelskonzerns bestellen. Darunter sind Kosmetik und Waschmittel, Deos, Shampoos und Haarspray, aber auch Bio-Lebensmittel und Süßigkeiten.

Dann nach München

Schon seit Tagen hatte es Gerüchte über den neuen Schulterschluss im Handel gegeben, nun gaben Amazon und Rossmann offiziell den Startschuss. Etwa ein Drittel des Sortiments, das die Drogeriemarktkette aus Burgwedel in ihren Läden anbietet, verkauft sie fortan auch über den Amazon-Schnelldienst „Prime Now“.

Die Niedersachsen wagen sich damit auf neues Terrain vor und sehen die Zusammenarbeit als Test für weitere Schritte in der digitalen Welt. „Die Kooperation gibt uns Aufschluss darüber, wie ein zeitnaher Lieferdienst von unseren Kunden in Berlin angenommen wird“, sagte der Geschäftsführer Raoul Roßmann. Sollte die Sache gut laufen, könnte das Angebot im nächsten Schritt auf München ausgeweitet werden, hieß es.

„Weiterer Schritt in die Zukunft“

Rossmann hat auf dem Feld noch Nachholbedarf, denn bislang ist das Familienunternehmen im Internet kaum präsent. Zwar hat der Konzern einen eigenen Online-Shop, doch dieser erlöst nur rund 30 Millionen Euro, ein Bruchteil des Konzernumsatzes von zuletzt 8,4 Milliarden Euro. Um das Digitalgeschäft auszuweiten, experimentiert die Führung mit Angeboten wie Click & Collect. Zudem hat Rossmann in China eine Allianz mit der Alibaba-Tochtergesellschaft T-Mall geschlossen, die einen Teil des Sortiments übernommen hat.

In Deutschland soll nun der Pakt mit Amazon für Schub sorgen. „Wir sind immer interessiert, neue Wege zu gehen“, sagte Roßmann. Die Zusammenarbeit mit dem Zusteller Prime sei für das Unternehmen ein „weiterer Schritt in die Zukunft“.

Für Amazon ist es schon der zweite Anlauf, um einen Partner auf dem umkämpften Feld des deutschen Drogeriehandels zu finden. Eine Kooperation mit der Nummer eins in diesem Geschäft, DM aus Karlsruhe, war im Jahr 2013 mangels Erfolg wieder beendet worden. Mit Rossmann setzen die Amerikaner nun auf ein neues Modell. Sie nehmen den Partner nicht bloß als Großhändler, der im Hintergrund agiert und Amazon mit Waren beliefert, sondern geben den Niedersachsen einen eigenen Bereich auf ihrer Website, in dem sich der Kunde durch das Sortiment klicken kann. Wie dieses aussieht, bestimmt Rossmann selbst, ebenso wie die Preise.

Hat der Kunde eine Bestellung von mindestens 20 Euro zusammengestellt und abgeschickt, wird die Ware in einer Filiale versandfertig gemacht. Amazon übernimmt dann die Logistik und sorgt dafür, dass Dienstleister wie Go oder Interkep die Ware schnellstmöglich zum Kunden bringen. Dabei können die Berliner zwischen zwei Varianten wählen: Entweder lassen sie sich die Sendung im Tagesverlauf schicken und wählen dafür ein Zeitfenster von zwei Stunden. Dieser Service ist in der „Prime Now“-Mitgliedschaft, die 69 Euro im Jahr kostet, enthalten. Oder sie lassen sich ihre Bestellung innerhalb von einer Stunde bringen und zahlen dafür einen Aufpreis von 6,99 Euro.

Den schnellen Lieferservice „Prime Now“, den Amazon mit verschiedenen Partnern betreibt, gibt es bislang in Berlin und München. Es ist eines von mehreren Angeboten, mit denen der weltgrößte Internetversender den deutschen Handel aufmischen will. Für Aufsehen sorgte zuletzt der Vorstoß im Geschäft mit Lebensmitteln. So haben die Amerikaner ihr Angebot „Amazon Fresh“ nach dem Start in Berlin inzwischen auch nach Hamburg gebracht. Der Deutschland-Chef des Konzerns, Ralf Kleber, hat schon angekündigt, die Lieferung von Obst, Gemüse und anderen frischen Lebensmitteln auf weitere Städte ausweiten zu wollen.

Erfahrener Partner

Für die nationalen Platzhirsche wie Aldi und Lidl, Edeka und Rewe ist dies eine Attacke, auf die sie mit eigenen Angeboten reagieren wollen. Allerdings ist das Geschäft wegen des ohnehin ruinösen Preiskampfes im heimischen Lebensmittelhandel wohl nur sehr schwer profitabel zu betreiben: „Bislang ist kein Lebensmittelhändler in der Lage, online Geld zu verdienen“, sagt etwa der Edeka-Chef Markus Mosa. Daran werde sich so schnell nichts ändern.

Auch im Drogeriegeschäft sind die Margen extrem dünn. Daher ist eine ausgefeilte Logistik nötig, um Deos, Toilettenpapier oder Haarspray direkt an die Haustüren zu liefern und damit Gewinn zu machen. Dies ist der Hauptgrund, warum Rossmann sich bislang zurückhielt und jetzt auf einen erfahrenen Partner setzt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Müßgens, Christian
Christian Müßgens
Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
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