Schnüffelaffäre im Internet

Der unsichere Datenhafen

Von Martin Gropp
 - 12:52

Der eine will mit seinem sozialen Netzwerk die „Welt offener und verbundener machen“. Die anderen haben als Ziel ihres Suchmaschinenkonzerns, „die Informationen der Welt zu organisieren und für alle zu jeder Zeit zugänglich und nützlich zu machen“. Doch weder Facebook-Gründer Mark Zuckerberg noch die beiden Google-Erfinder Larry Page und Sergey Brin haben sich wahrscheinlich bis vergangenen Donnerstag vorstellen können, dass ihnen ihre Unternehmensvisionen einmal um die Ohren fliegen könnten.

Zwar haben die Internetunternehmen Google, Facebook, Apple, Yahoo oder Microsoft schnell dementiert, dem amerikanischen Militärgeheimdienst NSA direkten Zugang zu ihren Datenspeichern und damit zu den persönlichen Daten von Milliarden Nutzern zu geben. Als Anlass zu großer Sorge reichen aber allein Vermutungen: Nämlich, dass der eine seine Mission so ausgelegt haben könnte, die Welt der Geheimdienste mit den Daten der Privatnutzer besser zu verbinden. Und dass die anderen die Daten so organisiert haben könnten, dass die Schlapphüte nur noch eine einfache Suchabfrage in ihren Laptop eingeben müssen, um mehr über potentielle Terroristen aber eben auch über unbescholtene Menschen zu erfahren. Diese Sorge dürfte nun alle Kunden der insgesamt neun Unternehmen belasten, die mit der NSA zusammengearbeitet haben sollen. Zu Recht werden in Amerika Stimmen laut, die die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Internetwirtschaft bedroht sehen.

Auch die Nutzer müssen sich fragen, welche Daten und wie viele sie davon ohne Not herausgeben.

Ob Facebook, Google, Yahoo oder Microsoft - das Vertrauen der Nutzer ist erschüttert. Nach den Aussagen der Quelle der Enthüllungen, Edward Snowden, sollten sich alle Nutzer in diesen Tagen fragen, ob sie selbst, vor allem aber ihre persönlichen Daten, bei diesen Unternehmen gut aufgehoben sind. Dabei ist der erste Teil der Frage schnell beantwortet, sofern es allein um die Qualität der Dienste geht. Viele amerikanische Internetunternehmen haben ja nicht deshalb so viele Kunden, weil sie das Glück oder das Gespür hatten, die ersten auf ihrem Gebiet zu sein und so zu den Größten zu werden. Vielmehr bieten sie oft Dienste von viel besserer Qualität als ihre ausländischen Konkurrenten, etwa ein kostenfreies E-Mail-Postfach mit unbegrenztem Speicherplatz wie Google. Oder eine Plattform wie Facebook, die ein sich selbst aktualisierendes elektronisches Adressbuch bietet und gleichzeitig den Selbstdarstellungstrieb vieler Menschen befriedigt.

Das Argument, dass viele dieser Dienste nur deswegen kostenfrei sind, weil der Nutzer letztlich mit seinen persönlichen Daten bezahlt, ist inzwischen zu einem Allgemeinplatz des Internetzeitalters geworden. Trotzdem kann es angesichts der jüngsten Enthüllungen nicht schaden, diesen Punkt noch einmal zu betonen. Datensparsamkeit ist im Zuge von Phänomen wie der „Big Data“ genannten massenhaften Datenspeicherung und Datenanalyse angebracht. Sie ist erste Bürgerpflicht. Das Argument, unbescholtene Menschen hätten von den Datensammlungen nichts zu befürchten, wirkt doch ein wenig wohlfeil, wenn nicht zynisch. Es geht auch nicht darum, Panik zu verbreiten oder den Unternehmen die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Der Deal, Dienste mit Werbung zu finanzieren, die auf die Daten der Nutzer optimiert ist, steht durch den Datenskandal nicht infrage. Aber die Nutzer dürfen den Unternehmen schon die Frage stellen, ob ihre Daten auch sicher sind. Und sie müssen sich selbst fragen, welche Daten und wie viele sie davon ohne Not herausgeben.

Europa im Datenschutz strikter

Umgekehrt liegen deutsche oder europäische Anbieter im Internet nur einen Klick weit weg. Von der Datensammelwut der amerikanischen Regierung könnten Anbieter wie das deutsche Internetunternehmen United Internet mit seinen E-Mail-Diensten Gmx.de oder Web.de nun profitieren, einige Konsumenten dürften nun zu ihnen wechseln. Seit Jahren beklagen sich deutsche Anbieter hinter vorgehaltener Hand über den harten Datenschutz, dem sie in der Europäischen Union unterliegen. Zugleich blickten sie neidisch auf ihre amerikanische Konkurrenz, die offensichtlich sehr dehnbaren Datenschutzregeln unterliegt. Damit dürfte es jetzt vorbei sein. Die europäischen Anbieter sollten ihr datenschutzrechtliches Alleinstellungsmerkmal voll ausspielen.

Doch sind längst nicht alle Konsumenten so mündig, dass sie eine bewusste Entscheidung für den Dienst treffen, der strengeren Datenschutzrichtlinien unterliegt; viele sind dazu auch einfach viel zu bequem. Und hierin steckt eine Aufgabe für die europäische Politik. Sie sollte Vereinbarungen mit den Vereinigten Staaten wie das „Safe-Harbor“-Abkommen im Licht der jüngsten Ereignisse neu prüfen. Die Annahme des sicheren Hafens Amerika besagt, dass europäische Unternehmen bedenkenlos personenbezogene Daten ihrer eigenen Kunden nach Amerika transferieren können - eben weil das Land bisher als sicher galt. Auch wenn nach bisherigem Stand keine Geschäftskunden von dem Skandal betroffen sind, steht doch fest: Ganz so sicher ist der Datenhafen Amerika nicht mehr.

Quelle: F.A.Z.
Martin Gropp - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Martin Gropp
Redakteur in der Wirtschaft.
FacebookTwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenLarry PageMark ZuckerbergSergey BrinAmerikaAppleFacebookGoogleMicrosoftNSAWeb.deInternetunternehmenNetzwerk