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Schutz vor Hackern

General im Cyberspace

Von Jochen Stahnke
 - 17:41
Nadav Zafrir, 47, war Brigadegeneral und ist mit seiner Firma Team 8 zurzeit Israels größte Startup-Hoffnung Bild: Getty, F.A.S.

Nadav Zafrir hat noch immer den festen Händedruck und den Haarschnitt eines Generals, aber heute trägt er Jeans und ein Hemd, unter dem sich Muskeln spannen. Zafrir verbreitet eine jugendliche Stimmung, die den Altersunterschied zu seinen jungen Mitarbeitern vergessen lässt. In der gläsernen Firmenzentrale von „Team 8“ in einem Hochhaus im Zentrum von Tel Aviv duzt man sich, es wird viel Kaffee getrunken. Doch wer glaubt, es fehle hier an Ernsthaftigkeit, hat sich getäuscht.

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Bevor Zafrir sein Unternehmen gründete, hat er fünf Jahre lang Israels wichtigste Online-Waffe geleitet, die Abteilung „8200“ der Streitkräfte. Ihr bislang größter Coup gelang unter Zafrirs Führung: Sie soll, gemeinsam mit dem amerikanischen Auslandsgeheimdienst NSA, für den Computerwurm Stuxnet verantwortlich sein, der 2010 die Zentrifugen des iranischen Atomkraftwerks Natanz beschädigt hat.

Hundert Millionen Dollar Startkapital

Zafrir baute danach auch noch Israels neues Cyberkommando auf – viele Jahre, bevor die Bundeswehr in Deutschland auf die Idee kam, auch so eine Einheit zu gründen. Als Zafrir Mitte vierzig war, stieg er aus dem Militär aus, um „Team 8“ zu gründen, eines der ambitioniertesten Start-ups in Israel, das Geschäftsmodell: Cybersicherheit. Der Name ist eine unverhohlene Anspielung auf die militärische Vergangenheit der meisten Mitarbeiter. Rund hundert Millionen Dollar Startkapital hat Zafrir in den drei Jahren nach der Gründung eingesammelt. Zu seinen strategischen Partnern gehören Cisco, Intel, Nokia und Microsoft.

Ohne das Militär hätten Israels Startups wahrscheinlich nie den Weltruf erlangt, den sie seit einigen Jahren genießen. Rund 15 Prozent des weltweiten Wagniskapitals in der Cyberbranche fließen angeblich nach Israel. Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ schätzt, dass ehemalige Soldaten der Einheit „8200“ inzwischen rund tausend Unternehmen gegründet haben. Dazu gehören der Navigationssystem-Hersteller Waze, der für 1,3 Milliarden Dollar an Google verkauft wurde, die Datensicherheitsfirma Check Point und das Finanzunternehmen Cyber Ark. Wer in der Einheit gedient hat und nicht selbst ein Start-up gründet, um den reißen sich die Softwareunternehmen der Welt. Auch deshalb unterhalten nahezu sämtliche IT-Konzerne von Google bis Intel große Forschungszentren im kleinen Israel, einem Land von der Größe Hessens.

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Schon 16-jährige Schüler werden beobachtet

Für diesen Erfolg hat der 47 Jahre alte Zafrir eine einfache Erklärung: die allgemeine Wehrpflicht, Optimismus und eine den regionalen Umständen geschuldete Flexibilität. „In Israel haben wir Wehrpflicht für Frauen und Männer, und für unsere Spezialeinheiten können wir so das oberste Prozent aus der Bevölkerung eines ganzen Landes auswählen“, schwärmt er in perfektem amerikanischem Englisch. In Europa oder Amerika möge es noch so ambitionierte Eliteuniversitäten geben, die Zahl der Bewerber sei im Vergleich zu den israelischen Verhältnissen begrenzt. „In Israel fangen wir mit dem Screening an, wenn die Schüler 16 Jahre alt sind, manchmal noch früher“, sagt Zafrir, selbst Vater zweier Kinder. Manchmal bemerkten die Schüler zunächst gar nicht, dass sie beobachtet werden. Es gehe nicht darum, was die Rekruten schon wissen oder können, sagt Zafrir. „Sondern wie schnell sie begreifen, sich an neue Umgebungen gewöhnen und kreativ sein können.“

Oft habe er seinen Rekruten nicht gesagt, dass an dem Problem, das er ihnen vorgelegt habe, schon Dutzende gescheitert waren. „Sie sollten frei denken. Und ich war manchmal der letzte, der wusste, wie sie das Problem lösen könnten“, sagt Zafrir. „Wir brauchen Optimismus. Denn manchmal lösen wir das Problem nicht, weil wir schlauer sind, sondern vielleicht, weil du einfach nur Glück hast, aus Zufall, das passiert gar nicht so selten.“ So sei „8200“ eine der besten Akademien für Unternehmertum geworden. Dass mancher Israeli schon im Wehrdienst Einheiten von fünfzig Soldaten geführt hat, sei auch kein Nachteil.

„Mach einen anderen Fehler“

Zafrirs eigene Lebensgeschichte liest sich wie der Beleg zu dieser These. Er wurde in einem Kibbuz in der Nähe von Jerusalem geboren. Als er sieben war, wanderte die Familie in die Dominikanische Republik und anschließend nach Ecuador aus. Dort finanzierte die israelische Regierung in den siebziger Jahren Entwicklungsprogramme. Zafrirs Vater war Milchbauer. „Damals hieß Unternehmertum Landwirtschaft.“ Die größte Errungenschaft seines Vaters: die Züchtung einer Kuh, die mehr als 10.000 Liter Milch im Jahr geben kann. Was in Israel heute die hundert besten Start-ups sind, das waren damals die hundert besten Bauern, sagt Zafrir. „Mein Vater experimentierte viel und scheiterte oft, eigentlich fast immer. Aber er war optimistisch und gab nie auf.“ Das habe auch er als den Schlüssel zum Erfolg verinnerlicht. „Scheitern ist keine große Sache. Wenn du scheiterst, geh weiter zum nächsten Ding. Versuch bloß nicht, denselben Fehler zweimal zu machen. Mach einen anderen Fehler.“

Mit 18 Jahren musste Zafrir sich zum Wehrdienst melden, wie alle Israelis, er kam in eine Fallschirmjägereinheit. „Ich kannte niemanden in Israel, und mich kannte niemand“, berichtet er im Rückblick. „Ich war eigentlich wie ein Immigrant.“ Da habe es ihm geholfen, dass im Militär die Leistung zähle, nicht die Herkunft. Zafrir preist die Meritokratie: „Es tut nichts zur Sache, wo du herkommst, wo du zur Schule gegangen bist, wer dein Vater ist – ich kam von nirgendwo.“ Von den Fallschirmjägern wurde er bald weiter in eine Spezialeinheit gesteckt.

Zafrir blieb mehr als zwanzig Jahre in der Armee, wurde General und befehligte schließlich das Cyberkommando. Eine Karriere, die er nie geplant habe, sagt er. Die Vorläufer der Einheit „8200“ reichen zurück bis in den israelischen Unabhängigkeitskrieg. Nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973, den die israelischen Nachrichtendienste nicht richtig vorhersahen, erhielt die Fernmeldeeinheit ihren heutigen Namen. Ihre Bedeutung ist mit dem Siegeszug von Computer und Internet stets gewachsen.

„Hacker sind heute überall“

„In Großbritannien wurde jüngst bekanntgegeben, dass durch Cyberkriminalität nun mehr Schaden entsteht als durch herkömmliche Kriminalität, der weltweite Schaden beträgt eine halbe Trillion Dollar jährlich“, sagt Zafrir. „Und dabei spreche ich noch nicht einmal von Propaganda oder politischen Hackerangriffen auf Wahlen oder Parteien.“ Trotzdem gebe es dagegen noch immer keine adäquate Gesetzgebung, internationale Abkommen oder auch nur ausreichende technische Lösungen.

Ideale Verhältnisse für die Hacker. „Heute sind sie überall, natürlich im osteuropäischen Raum, aber auch in Brasilien, Asien, sicher auch hier in Israel“, sagt Zafrir. Die Täter seien Einzelpersonen, Mafia, politische Akteure und „alles dazwischen“. Jeder könne sich auf diesem kriminellen Markt bedienen und Fähigkeiten einkaufen, natürlich auch Regierungen.

Für den Hobby-Langstreckenläufer ist Informationstechnologie ein Organismus, der sich beständig wandelt. „Man kann IT nicht mehr als etwas Starres betrachten“, sagt Zafrir. Getreu dieser Maxime hat der General a. D. auch sein Unternehmen aufgebaut, das er 2014 gemeinsam mit zwei weiteren Veteranen aus der Einheit 8200 gegründet hat: als eine Plattform, in der gleichsam verschiedene Organismen wirken. „Alle unsere Partnerunternehmen sind nicht nur Geldgeber, sondern auch Design- und Geschäftspartner“, sagt Zafrir. „Und wir dürfen im Gegenzug auf ihre Netzwerke und Systeme zugreifen, um unsere Ideen auszuprobieren.“ Das sei nur möglich, weil man darauf achte, keine direkten Wettbewerber ins gleiche Boot zu holen.

„Auch Deutschland ist keine Insel“

„Team 8 ist kein Inkubator, keine Wagniskapitalfirma, kein Accelerator und doch alles davon“, sagt Zafrir. „Wir sind ein Hybrid, ein Thinktank und eine Plattform zur Firmengründung im Bereich der Cybersicherheit.“ Fünf einzelne Firmen mit klar abgesteckten Geschäftsfeldern sollen innerhalb von fünf Jahren auf den Markt gebracht werden.

Eine davon heißt Claroty, sie versucht spät oder kaum digitalisierte Bereiche der Industrie wie Ölraffinerien, Nahrungsmittelherstellung, Chemieproduktion und Stromnetze vor strategischen Hackerangriffen zu schützen. „Viele dieser Anlagen laufen auf obskuren und alten Protokollen“, sagt Zafrir. „Claroty will sie mit übergreifenden Steuerungsmechanismen kompatibel machen und gleichzeitig kritische Infrastrukturen vor strategischen Angriffen schützen.“ Auch in Deutschland gibt es daran Bedarf, ist er überzeugt. „Deutschland ist zwar ein sehr großes Land, aber keine Insel – wenn du schaust, was in deinen Fabriken und Netzwerken läuft, dann sind das Computer und Maschinen aus Amerika oder China, du bist also schon jetzt mit dem Rest der Welt verbunden.“

Es gibt mehr als „gehackt“ oder „nicht gehackt“

Das zweite Unternehmen, das Team 8 gerade aufbaut, heißt Illusive und will Hacker, die schon in Netzwerke eingedrungen sind, mittels falscher digitaler Fährten in die Irre führen und somit den von ihnen angerichteten Schaden minimieren. Man müsse sich von der herkömmlichen, binären Sicht auf Cybersicherheit lösen, sagt Zafrir. „Bin ich gehackt worden oder nicht – das ist eine alte Denkweise.“ Hier kommt wieder der biologische Ansatz ins Spiel, mit dem Zafrir die IT gern erklärt. „Auch der Mensch ist immer mit irgendwelchen Viren infiziert. Es geht darum, davon nicht krank zu werden.“

Um dieses Ziel zu erreichen, setzt Team 8 auf Partnerschaften mit den stärksten privatwirtschaftlichen Akteuren der Welt, denen Zafrirs Karriere im Militär und seine Verbindungen offensichtlich wertvoll sind. „Wir wollten einen Betreiber von Clouds und haben Microsoft. Wir wollten Konnektivität und bekamen AT&T als Partner. Für die Infrastruktur schlossen wir uns mit Cisco zusammen. Für die Hardware mit Intel. Für Mobilfunk mit Nokia.“ Die Partner geizen nicht mit Vorschusslorbeer für Zafrir und seine Geschäftsidee. Auch ein Marktbeobachter aus Tel Aviv kommt ins Schwärmen, wenn er von dem früheren General und seinen Fähigkeiten spricht, ehe er sich etwas bremst: „Auch er muss erst mal zeigen, was er kann, indem er seine Unternehmen zum Exit bringt, sie verkauft oder an die Börse führt.“

Einer der Kapitalgeber von Team 8 ist auf dem Weg dorthin der Staatsfonds Temasek aus Singapur. Zafrir vergleicht den Stadtstaat in Südostasien mit Israel: „Ebenfalls ein kleines Land in schwierigem Umfeld, in dem Wehrpflicht herrscht und das oberhalb seiner Gewichtsklasse spielt.“ Dagegen erscheint Deutschland wie das glatte Gegenteil. Aber davon will Zafrir sich nicht schrecken lassen. Derzeit sei Team 8 in Gesprächen über einen Zusammenschluss mit drei großen deutschen Unternehmen, deren Namen Zafrir noch nicht öffentlich lesen möchte. „Deutschlands Industrie und sein Ingenieurhintergrund sind sehr interessant für uns“, sagt er. „Ihr Deutschen habt das Konzept Industrie 4.0 geprägt, und gerade dort wird in den kommenden Jahren viel passieren.“ Zu erwarten seien Cyberangriffe auf die Infrastruktur, auf Stromnetze und Finanzsysteme beispielsweise. „Angriffe etwa auf das Swift-System sind nicht mehr nur ärgerlich, sondern bedrohen die Grundlage unserer modernen Gesellschaft, das Vertrauen.“

Cybersicherheit sollte zum Schulfach werden

Auf solche Bedrohungen gelte es im großen Stil zu reagieren. Cybersicherheit sollte zum Schulfach werden, fordert Zafrir. Worauf es dabei ankomme, habe ihn seine Zeit beim Militär gelehrt. Die fundamentale Bedrohungslage, in der sich Israel mit Nachbarn wie Iran und Syrien befindet, zwinge zu schnellen Reaktionen. Dasselbe gelte für die Abwehr von Internet-Angriffen: Es komme nicht darauf an, wie stark oder schlau einer sei, sagt Zafrir. Sondern wie schnell man in der Lage ist, neue Realitäten zu begreifen.

Bis zum vierzigsten Lebensjahr müssen Israelis drei Wochen im Jahr an Wehrübungen teilnehmen. Für die Ehemaligen der technischen Einheiten, zu denen die Cyberabteilung „8200“ zählt, heißt es, in dieser Zeit wissenschaftlich im Dienst der Armee zu stehen. Das fördert einen steten Austausch und lebenslanges Lernen: Die zu Unternehmern gewordenen Veteranen bringen sich auf Stand, was die Jungen in „8200“ denken, und die Jungen lernen von den Älteren – nicht an einer Universität „wo vergangenes Wissen gelehrt wird“, wie Zafrir sagt, sondern im Einsatz. Die engen Verbindungen machen es dem ehemaligen General leicht, 8200-Absolventen für sein Unternehmen zu finden.

„Ich will niemanden, der mit einem kleinen Start-up ankommt oder sagt, ich habe eine Lösung gefunden“, sagt Zafrir über die Personalgewinnung. „Dem sage ich: Gratulation und viel Glück.“ Hellhörig werde er dagegen, wenn jemand komme und sage, er habe ein Problem ausfindig gemacht und wolle nach der Lösung suchen. Zurzeit hat Zafrir rund zweihundert Angestellte, es sollen deutlich mehr werden. Der Chef wirbt mit einem großen Versprechen: „Am Ende ist es ein Geschäft. Aber wenn wir die Welt durch unsere Produkte ein bisschen besser machen, wäre es doch toll.“

Quelle: F.A.S.
Jochen Stahnke
Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.
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