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Zukunft der Menschheit

Künstliche Intelligenz überall

Von Roland Lindner, New York
 - 14:38
Künstliche Neuronale Netze sind eine große Hoffnung - Computer sollen so lernen wie das menschliche Gehirn. Bild: © Steven T. Caputo, CereberallHack.com, F.A.Z.

Ke Jie hatte keine Chance. Der 19 Jahre alte Chinese gilt als der Weltbeste im traditionsreichen asiatischen Brettspiel Go, und im Mai traf er auf einen besonderen Gegner. Er stand Alphago gegenüber, einem Computerprogramm der Alphabet-Holding um den Internetkonzern Google. Der Chinese verlor drei Spiele hintereinander. Es ging ihm dabei nicht besser als dem Koreaner Lee Sedol, ebenfalls ein Weltklassespieler, der im vergangenen Jahr von fünf Partien gegen Alphago nur eine einzige gewann.

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Ke Jie zeigte sich nach seiner Niederlage frustriert. Im vergangenen Jahr habe der Google-Computer noch wie ein Mensch gespielt, aber diesmal sei er „wie ein Gott“ gewesen.

Tatsächlich hat die Alphabet-Tochtergesellschaft Deepmind, in der Alphago entstanden ist, das Programm erheblich weiterentwickelt. Ursprünglich bekam es Millionen von Zügen aus Duellen menschlicher Go-Spieler eingespeist. Dann aber fing Deepmind an, Alphago gegen sich selbst spielen zu lassen. Das tat das Programm millionenfach und machte sich damit selbst zu einem immer besseren Go-Spieler. Es wurde sein eigener Lehrer und machte sich ohne großes menschliches Zutun unschlagbar. Der Sieg gegen Ke Jie war eine Demonstration, wozu künstliche Intelligenz imstande sein kann.

Es geht um viel mehr als Spielerei

Es hat in der Technologiebranche eine gewisse Tradition, Menschen zu spielerischen Duellen gegen Maschinen antreten zu lassen. Schon im Jahr 1997 sorgte IBM mit seinem Supercomputer Deep Blue für Furore, der den damaligen Schachweltmeister Garri Kasparow bezwang. Im Jahr 2011 gelang dem Konzern ein weiterer Coup mit dem Hochleistungsrechner Watson, der in der amerikanischen Quizshow „Jeopardy“ seinen menschlichen Mitkandidaten keine Chance ließ. Go galt freilich als besonders große Herausforderung: Das Spiel ist komplexer als Schach und erlaubt mehr mögliche Züge.

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Die Go-Duelle waren für Alphabet ein öffentlichkeitswirksames Spektakel. Aber Künstliche Intelligenz ist für den Konzern viel mehr als eine Spielerei. Sie ist gerade dabei, ein zentraler Teil von vielem zu werden, was er heute tut. Das gilt nicht nur für die Tochtergesellschaft Waymo, die selbstfahrende Autos entwickelt und mit Hilfe Künstlicher Intelligenz daran arbeitet, dass sich solche Fahrzeuge sicher im Straßenverkehr bewegen können.

Auch in der Kerngesellschaft Google, zu der die gleichnamige Suchmaschine und eine ganze Reihe anderer Produkte wie das Handy-Betriebssystem Android und die Videoseite Youtube gehören, spielt Künstliche Intelligenz eine immer größere Rolle. Der Vorstandsvorsitzende Sundar Pichai hat für Google sogar die Devise „AI First“ ausgegeben, also „Künstliche Intelligenz zuerst“.

Eine neue Ära

Er meint damit, die Welt bewege sich vom Smartphone-Zeitalter in eine neue Ära. Hätten sich die vergangenen zehn Jahre darum gedreht, Smartphones zu Fernsteuerungen für das Leben zu machen, werde die Interaktion mit Informationstechnik künftig vielfältiger sein und auf einer Reihe verschiedener Plattformen stattfinden. Beispiele aus dem eigenen Haus sind der digitale Assistent „Google Home“ und die zugehörige Software „Google Assistant“, künstliche Helfer, die auf Sprachbefehle reagieren.

Im Mai demonstrierte Google auf seiner jährlichen Konferenz für Softwareentwickler einmal mehr, wie wichtig Künstliche Intelligenz für das Unternehmen ist. Nicht nur wurde angekündigt, dass die „Assistant“-Software bald auch Deutsch und viele andere Sprachen verstehen werde – die deutsche Version ist am 8. August auf den Markt gekommen.

Das Unternehmen stellte auch neue Produkte vor, die mit Künstlicher Intelligenz arbeiten. Etwa den Dienst „Google Lens“, der Smartphones in die Lage versetzt, Objekte wie Blumen zu identifizieren, wenn man die Kamera auf sie richtet. Google demonstrierte auch, wie sich das Programm automatisch in ein W-Lan-Netzwerk einwählen kann, wenn die Handy-Kamera auf das zugehörige Passwort gehalten wird.

Auch Informatiker müssen dazulernen

Und Google rüstet mit Künstlicher Intelligenz auch existierende Produkte auf. Der E-Mail-Dienst Gmail zum Beispiel schlägt jetzt Antworten auf Nachrichten vor, und Googles Foto-Software regt an, mit welchem Bekanntenkreis man bestimmte Bilder teilen könnte. Pichai sagte auch deutlich: In der „AI First“-Welt überarbeitet das Unternehmen alle seine Produkte.

Dass das auch ein Technologieunternehmen wie Google vor manche Herausforderung stellt, machte vor kurzem einer seiner leitenden Forscher für künstliche Intelligenz klar. Peter Norvig erklärte während einer Diskussion an der UNSW-Universität im australischen Sydney, dass gerade Tausende Google-Mitarbeiter intern weitergebildet werden in Künstlicher Intelligenz. Und zumal in den wichtig gewordenen Methoden des Deep Learning und der künstlichen neuronalen Netze, die dem Netzwerk von Nervenzellen im menschlichen Gehirn nachempfunden sind. Zu hören ist, dass das auch für erfahrene Informatiker nicht immer ein Kinderspiel ist.

Zwei Deutsche und ihre Idee

Ein besonders beeindruckendes Beispiel für Künstliche Intelligenz wiederum hat Google schon im vergangenen Jahr geliefert. Damals stellte das Unternehmen eine völlig überarbeitete Version seines Übersetzungsdienstes „Google Translate“ vor. Dieses Angebot gibt es seit mehr als zehn Jahren in verschiedenen Sprachen. Es war zwar immer hilfreich, aber oft mit Fehlern gespickt. Für die neue Version setzte Google künstliche neuronale Netze ein und dabei eine Konstruktionsmethode, die sich hinter dem Kürzel LSTM verbirgt.

Diese Idee stammt ursprünglich aus Deutschland, die beiden Forscher Sepp Hochreiter und Jürgen Schmidhuber entwickelten sie schon in den neunziger Jahren, als die Rechner noch nicht so schnell und Daten in geringerem Umfang verfügbar waren. Während die alte Variante von „Google Translate“ Sätze in mehrere Wörter und Phrasen unterteilte, für die dann weitgehend unabhängig voneinander eine Übersetzung geliefert wurde, erlaubte es die Neuauflage, einen ganzen Satz als einzelne Einheit zu betrachten. Dieser Ansatz führte zu einer dramatischen Reduzierung der Fehler, und das Google-Programm ist der Qualität menschlicher Übersetzungen viel näher gekommen.

Google und die Mutterholding Alphabet haben mehrere Forschungseinheiten, die auf Künstliche Intelligenz spezialisiert sind und deren Arbeit im ganzen Konzern Anwendung findet. Darunter ist der Alphago-Entwickler Deepmind, ein britisches Unternehmen, das Google im Jahr 2014 für 500 Millionen Dollar gekauft hat. Jenseits seiner Fertigkeiten im Go-Spiel reklamiert Deepmind auch die Entwicklung einer auf Künstlicher Intelligenz basierenden Technologie für sich, die Google dabei geholfen habe, 40 Prozent weniger Energie für die Kühlung seiner Rechenzentren zu verbrauchen.

Neben Deepmind beschäftigt sich auch die Forschungsgruppe „Google Brain“ mit künstlicher Intelligenz. Sie wurde im Jahr 2011 gegründet und machte im Jahr danach mit einem Experiment von sich reden, in dem ein grob an das menschliche Gehirn angelehntes Computersystem aus Youtube-Videos von selbst lernte, Katzen zu identifizieren. Und zwar ohne vorher gewusst zu haben, wie eine Katze aussieht. Die Arbeit von Google Brain ist auch maßgeblich für den neuen Übersetzungsdienst verantwortlich.

Krankheiten heilen und mehr

Jenseits seiner eigenen Forschungsaktivitäten hat Google kürzlich auch eine eigene Wagniskapitalgesellschaft ins Leben gerufen, die sich auf Investitionen rund um Künstliche Intelligenz konzentrieren soll. Sie heißt „Gradient Ventures“ und soll Start-up-Unternehmen in diesem Bereich nicht nur mit Geld helfen, sondern auch mit technischer Expertise, sprich: dem Zugriff auf den mittlerweile enormen Pool an führenden KI-Fachleuten, den Google angeheuert hat.

Triumphe im Go-Spielen sind indessen von Google und Alphabet wohl nicht mehr zu erwarten. Kurz nach dem Sieg gegen Ke Jie teilte Deepmind-Chef und Mitgründer Demis Hassabis mit, künftig werde es keine öffentlichen Go-Wettbewerbe mit Alphago mehr geben. Das Programm habe mit seinen Erfolgen „den höchstmöglichen Gipfel“ in dieser Disziplin erreicht.

Stattdessen wolle sich das für Alphago verantwortliche Forschungsteam nun anderen Dingen zuwenden. Es solle künftig dabei helfen, Wissenschaftlern bei „einigen unserer komplexesten Probleme“ zu helfen, beispielsweise Krankheiten zu heilen oder „revolutionäre neue Materialien“ zu erfinden. Deepmind nimmt sich also viel vor – auch ohne Spiel und Spaß.

Quelle: F.A.Z.
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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