Stadtflucht

Land, Stadt, Glück

Von Lisa Nienhaus
 - 14:22

Paula Henriquez Kries und ihr Mann Arndt Großkopf sind Rückkehrer. Zusammen mit ihren vier Kindern sind sie zurück in die Stadt gezogen. Acht Jahre lang haben sie auf dem Land gewohnt, in einer Kleinstadt namens Grünberg nahe Gießen, 50 Minuten Autofahrt von Frankfurt entfernt: eine Grundschule, eine Gesamtschule und ganz viel Grün.

Dort konnte sich das Mediziner-Paar ein großes Haus leisten, und Arndt Großkopf hatte seine Praxis um die Ecke. Nur Mutter Paula musste nach Frankfurt pendeln, wo sie damals in der Klinik arbeitete. Heute ist sie als Kinderärztin niedergelassen.

Was nach einem perfekten Lebensplan klingt, funktionierte nicht. „Wir haben uns nie richtig wohl gefühlt“, sagt Henriquez. Schon sechs Jahre nach dem Umzug war klar: „Wir wollten zurück nach Frankfurt.“ 2006 fanden sie das passende Haus mit Garten für die Rückkehr – mitten in Frankfurt, im Dichterviertel, wo es beschaulich aussieht, aber zentral ist. „Wenn schon zurück, dann mittendrin“, sagt Henriquez.

Das Abschiednehmen fiel nur dem älteren Sohn schwer, der in Grünberg groß geworden war. Der Rest der Familie war in der Stadt sogleich glücklich – und ist es bis heute. „Ich würde das nie wieder aufgeben“, sagt Henriquez. Wenn sie heute nach Grünberg fährt, fällt ihr vor allem auf, dass der Ort sich leert. Geschäfte ziehen weg, Häuser stehen zum Verkauf. Familie Henriquez-Großkopf ist nicht die einzige, die den idyllischen Ort verlassen hat.

Das Kind ist da – ab in die Stadt

Mittlerweile gilt für ganz Deutschland: Nur noch wenige ziehen aufs Land, die meisten wollen in die Städte. Flüchtete man einst vor der lauten, dreckigen, gefährlichen Großstadt ins Grüne, ist es nun umgekehrt. Gerade in Großstädten wird es eng, weil immer mehr Menschen dorthin ziehen – und bleiben.

Den Trend treiben zuallererst die Jungen zwischen 18 und 24 Jahren, rechnet Nikola Sander vor, deutsche Geographin am Vienna Institute of Demography. Noch im Jahr 1995 zog von 100 Personen zwischen 18 und 24, die auf dem Lande lebten, weniger als einer weg im Jahr – so ihre Auswertungen. 2010 waren es schon mehr als drei von 100 jungen Leuten, die weggingen. In den Städten wächst diese Altersgruppe hingegen rasant durch Zuzüge: jährlich um vier Prozent in Großstädten, in Kleinstädten sogar um sechs Prozent.

Die Jungen mochten die Städte natürlich immer schon. Wirklich überraschend ist, dass auch eine andere Altersgruppe die Städte liebgewonnen hat: die 30- bis 49-Jährigen. Noch in den neunziger Jahren zogen sie in einer breiten Bewegung aufs Land. Wenn die Kinder kamen oder man ein Häuschen baute, war es Zeit, die Stadt zu verlassen. Jahr für Jahr verloren deutsche Städte Familien an die Vororte. Das ist vorbei. Zwar ziehen noch heute etwas mehr Menschen dieser Altersgruppe ins Umland oder aufs Land als in die Städte. Aber die Städte holen auf.

„Das ist in der Stadt anders; hier bin ich normal“

Viele junge Familien bleiben jahrelang mitten in der Stadt wohnen, oft in kleinen Wohnungen ohne Garten oder später in Häusern, die sie auf dem Land für die Hälfte haben könnten. Schon 2010 war es so, dass die Städte kaum mehr Personen zwischen 30 und 49 verloren haben. Die meisten Großstädte gewinnen seit zwei, drei Jahren sogar. In Berlin, Frankfurt, München ziehen Familien, Paare, Singles zwischen 30 und 59 zu.

So wie Familie Henriquez-Großkopf. Von ihnen kann man lernen, was die Menschen an der Stadt schätzen. Für Mutter Paula sind zwei Dinge ausschlaggebend: Hier gibt es viele Angebote, gerade für Kinder. „Was macht man auf dem Land mit Kindern, wenn es regnet? Hier kann man ins Kindertheater, ins Museum, ins Schwimmbad.“ Und hier gibt es Gleichgesinnte – damit meint sie Frauen, die genauso viel arbeiten wie sie.

„Ich bin immer zehn Monate nach der Geburt wieder arbeiten gegangen“, sagt sie. Auf dem Land war sie damit Exotin. Da kamen eher mitleidige Fragen wie: „Musst du überhaupt arbeiten?“ Schließlich verdiene ihr Mann genug. „Keiner hat verstanden, dass ich gerne arbeite. Das ist in der Stadt anders; hier bin ich normal.“

Ihr Mann genießt in Frankfurt zuallererst, dass ihn nicht jeder kennt und dass er alles mit dem Fahrrad erledigen kann. Und beide freuen sich über die vielen Möglichkeiten: Theater, Kino, Café. Man muss dort ja gar nicht hingehen, aber es ist schön, dass man es könnte.

In der Stadt kann man sich das Auto sparen

Der Hauptgrund dafür, dass die Menschen in die Städte ziehen, ist nach wie vor der gleiche wie einst: die Arbeit, die Ausbildung, die Bildung. Universitäten und Jobs locken die jungen Leute in die Stadt. Die Gründe dafür, dass sie später nicht mehr wegziehen, auch mit Kindern, sind andere.

Da ist zum einen das Geld. Die Eigenheimzulage, die einst zum Häuschenbauen im Grünen verleitete, gibt es seit 2006 nicht mehr (dafür niedrige Zinsen, mit denen man aber auch eine Stadtwohnung kaufen kann). Ein Vorteil fürs Umland ist damit weg. Das Pendeln in die Stadt ist zudem teurer geworden. Auch wenn der Benzinpreis zurzeit sinkt, 1995 kostete der Sprit noch die Hälfte. In der Stadt hingegen kann man sich nicht nur den Sprit, sondern häufig sogar das Auto sparen. Viele Familien haben hier nur ein, manche sogar gar kein Auto – undenkbar auf dem Land.

Allerdings gibt es auch einen gegenläufigen Trend. In den Städten – besonders in den großen – steigen die Mieten und vor allem die Kaufpreise für Häuser und Wohnungen seit Jahren. So stark, dass unklar ist, ob es sich finanziell überhaupt noch rechnet. Geld kann nicht der einzige Grund sein.

Ein Haus in der Stadt können sich nur wenige leisten

Familie Henriquez-Großkopf beispielsweise zahlt drauf für das Leben in der Stadt. Und sie weiß, dass sie privilegiert ist. Denn ein Haus mit Garten mitten in Frankfurt können sich die meisten Leute nicht leisten. Zumal die Preise in den vergangenen Jahren so rasant gestiegen sind, dass ihr eigenes Haus heute auch für die Familie selbst unbezahlbar wäre.

Das muss man sich allerdings auch nicht leisten. Viele, die in der Stadt bleiben, wohnen zur Miete. Zum Beispiel Susann Quasdorf und ihr acht Jahre alter Sohn Ben. Als sie schwanger war, ließ sie sich von ihrem damaligen Partner in eine Reihenhaussiedlung nahe Sindelfingen entführen. Sie war nicht glücklich dort.

Als die Beziehung zerbrach, entschied sie sich dafür, wieder dahin zu gehen, wo es ihr gefällt: in die Stadt. Jetzt wohnt sie in einer Altbauwohnung im Stuttgarter Heusteigviertel, das sie das Prenzlauer Berg von Stuttgart nennt. „In Sindelfingen gingen schon mal abends um sechs die Rollläden runter“, erzählt sie. „Mal eben ins Café oder in den Bioladen, das ging nicht.“

Jetzt geht das alles. Zwar hat die Wohnung keinen Garten mehr, dafür kann der Sohn zur Schule und zum Sport mit dem Fahrrad fahren. Im Haus wohnt eine Klassenkameradin, sie essen gemeinsam, machen Hausaufgaben zusammen. Einiges ist natürlich teurer in der Stadt: die Miete vor allem. Dafür braucht Quasdorf kein Auto mehr, kann mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, notfalls sogar laufen. Und wenn sie doch ein Auto braucht, nutzt sie Car2Go. „Sicherlich ist es eine Frage des Geldes, ob man sich das Leben in der Stadt leisten kann“, sagt sie. „Aber ich kann es mir nicht mehr anders vorstellen.“

Wo ist die Sehnsucht nach dem Wald hin?

Susann Quasdorfs Entscheidung zeigt: Nicht die Knappheit an Geld spricht für die Stadt, sondern die Knappheit an Zeit. Je mehr Familien es gibt, in denen beide Partner arbeiten, und je mehr Alleinerziehende, desto umständlicher, weil zeitraubender ist Pendeln. Und desto wichtiger wird die knappe Zeit, die man gemeinsam verbringt. Auf einmal werden kurze Wege zur Arbeit und zu Kinderbetreuungseinrichtungen oder Schulen wichtig. Und da die Arbeit in der Regel in der Stadt ist, findet man diese kurzen Wege nirgendwo so gut wie in der Stadt.

Mittlerweile arbeiten in der Mehrzahl der Familien beide Eltern, auch die Zahl der Alleinerziehenden wächst. Das erklärt einen Teil der Liebe zur Stadt. Der andere Teil hat damit zu tun, dass die Deutschen sich verändert haben. Jahrhundertelang wohnte die deutsche Seele im Wald; kaum in der Stadt, sehnte man sich nach Feldern und Hainen. Selbst Großstadtdichter Erich Kästner schrieb:

„Die Jahreszeiten strolchen durch die Felder. / Man zählt die Tage, und man zählt die Gelder. / Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt.“ Nein, urban waren die Deutschen nie – sie sind es bis heute nicht. Noch in den siebziger Jahren zog man aufs Land, um alternativ und gut zu leben. Doch heute sind die Städte schöner und sicherer geworden. Und die Deutschen fangen an, ihre Vorzüge zu genießen.

„Das Schönste ist, dass ich hier alles machen kann, was ich will. Cafés, Kinos, Shoppen – alles ist nebenan“, sagt Anika Theis. Sie ist 20 Jahre alt und vor drei Jahren mit ihrer Familie nach Berlin gezogen, weil der Vater dort eine gute Stelle bekam. Vorher wohnten sie ländlich in einem großen Haus in einem Dorf nahe Düsseldorf. Dann zogen sie in eine Altbauwohnung wenige Minuten vom Ku’damm. Drei Kinos gibt es in Laufweite, zahllose Restaurants, Bars, Theater in der Nähe. Zunächst gaben Theis und ihre Mutter etwas zu viel Geld beim Klamottenkauf aus – es war alles so nah – mittlerweile haben sie sich an diese Verlockung gewöhnt. „Meine Eltern und ich könnten uns nicht mehr vorstellen, die Stadt zu verlassen“, sagt Theis.

Die Ansprüche haben sich gewandelt. Auf einmal sind die Menschen bereit, in kleineren Wohnungen zu wohnen, wenn sie dafür zwei Theater in der Nähe haben, 25 Fußballvereine, fünf Fitness-Studios und so viele Schulen, dass sie Wochen damit verbringen können, die richtige auszuwählen.

Berlin ist dabei die Stadt, die die meisten Menschen anzieht. Interessanterweise war das 1995, als Berlin gerade hip war, noch lange nicht so stark wie 2010, als es dort auch Arbeit gab. Beliebt sind auch weitere Städte im Osten wie Dresden oder Leipzig, wo die Mieten noch günstig sind. Dort ziehen sogar mittlerweile wieder viele Leute aus dem direkten Umland zu. Das haben teurere Städte wie München, Frankfurt und Hamburg noch nicht geschafft.

Quelle: F.A.S.
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