„Sharing Economy“

Können Sozialisten besser teilen?

Von Dominik Reintjes
 - 15:47

Muss man alles besitzen, was man benutzen will? Natürlich nicht. Deshalb gibt es am Badesee den Bootsverleih und in jeder Stadt eine Autovermietung. An den Universitäten wurden schon vor Jahrzehnten am Schwarzen Brett Mitfahrgelegenheiten vermittelt. Landwirte teilen sich seit jeher Mähdrescher und anderes teures Gerät, das Konzept heißt Maschinenring. Aber das klingt viel zu verstaubt im Zeitalter der Digitalisierung. Da passt „Sharing Economy“ besser, zu Deutsch „Wirtschaft des Teilens“. Das hört sich jedenfalls auf Englisch schwer nach Silicon Valley und außerdem fast schon wohltätig an. Teilen, ist das nicht sogar eine Form von christlicher Nächstenliebe?

Die deutschen Aushängeschilder der „Sharing Economy“ heißen Flinkster, Drive Now, Car-2-Go. Autos mit diesen Aufschriften sind im Großstadtverkehr in München und Frankfurt, Hamburg und Berlin immer öfter zu sehen. An der roten Ampel werden sie von Radfahrern überholt, die auf Leihrädern der Deutschen Bahn unterwegs sind. „Carsharing“ und „Bikesharing“ sind in den vergangenen Jahren in Deutschland populär geworden. Jeweils mehr als eine halbe Million Kunden haben Car-2-Go, ein Gemeinschaftsunternehmen von Daimler und dem Mietwagenunternehmen Europcar, sowie Drive Now, der von BMW und Sixt betriebene schärfste Wettbewerber. Tendenz steigend.

Ähnlich wie in Europa

Noch schneller allerdings wächst die gefühlte Mutter aller „Sharing“-Plattformen, der Wohnraumvermittler Airbnb. Warum auch sollte man die eigene Wohnung während der Ferien oder einem längeren Auslandsaufenthalt leer stehen lassen? Das wäre doch Verschwendung. Viel besser, jemand anders zieht dort zeitweise ein, der vorübergehend eine Bleibe sucht. Airbnb bringt Angebot und Nachfrage zusammen, ist also im Silicon-Valley-Jargon ein Community-Marktplatz. Und tatsächlich, die Firma hat ihren Sitz in Kalifornien, wo nach allgemeiner Überzeugung die Zukunft und mit ihr die „Sharing Economy“ zu Hause ist.

Aber gerade diese Überzeugung entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein Irrtum. Nicht Amerika, sondern ausgerechnet China liegt beim „Sharing“ ganz weit vorne. Das hat jetzt die Bank of America Merrill Lynch herausgefunden. In China sind einer Studie der Großbank zufolge 78 Prozent der Internetnutzer nach eigener Auskunft dazu bereit, eigene Güter leihweise und gegen Bezahlung zu teilen, sogar 81 Prozent würden demnach Güter von anderen gegen eine Leihgebühr nutzen. In Nordamerika dagegen sind nur 52 Prozent der Internetnutzer bereit, eigene Güter zu teilen; nur 43 Prozent würden Güter von anderen Privatleuten nutzen. Ähnlich sieht es in Europa aus.

Dynamischer Kapitalismus in China

Wie lässt sich dieser große Unterschied erklären? Die Fachleute aus der Bank liefern die Antwort gleich mit, vielleicht inspiriert vom alten chinesischen Sprichwort „Wenn du unaufhörlich gibst, wirst du unaufhörlich haben“. Die Bewohner von sozialistisch geprägten Ländern mit traditionell geringer wirtschaftlicher Freiheit sind demnach der Idee des Teilens besonders zugewandt, deshalb habe die „Sharing Economy“ in China einen eindeutigen Standortvorteil. Besser als in China, wo der Staat seit Maos Zeiten die Wirtschaft zentral steuert und Privatbesitz lange keine große Rolle spielen durfte, so lautet das Argument, können es „Sharing“-Anbieter kaum haben. Umgekehrt sieht es in den Vereinigten Staaten aus, wo der Privatbesitz schon immer im Vordergrund gestanden und jede Form von Kollektivismus einen miesen Ruf gehabt habe. Denkbar schlechte Voraussetzungen fürs Teilen, Tauschen und Leihen.

Dumm nur, dass es bei der „Sharing Economy“ nach dem Vorbild von Airbnb und Drive Now nicht um nachbarschaftliche Gefälligkeiten, um die gemeinschaftliche Nutzung vormals privater Güter oder gar deren selbstloses Überlassen an bedürftige Dritte geht. Wer teilt sich beispielsweise beim Carsharing überhaupt ein Auto mit wem? Kunde A mit Kunde B und C, die vor oder nach ihm denselben Wagen von Drive Now fahren? Oder der Dax-Konzern BMW mit ihnen allen nacheinander? Oder ist das Ganze nicht doch einfach nur eine mehr oder weniger spontane Automiete ohne feste Mietstationen, technisch ermöglicht durch die Ortungsfunktion des Smartphones?

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Bei Airbnb gibt es zwar Privatleute, die ihre eigenen Wohnungen an andere Privatleute vermieten. Aber unter sie mischen sich sehr viele gewerbliche Vermieter, die gleich mehrere Wohnungen inserieren. Noch eine Widersprüchlichkeit: Die Plattform will nach eigener Auskunft steigenden Mieten und Wohnraumknappheit in Großstädten entgegensteuern, immerhin sollen ja möglichst keine Wohnungen mehr leerstehen. Aber wenn in manchen Vierteln reihenweise Wohnungen ausschließlich als Airbnb-Unterkünfte genutzt werden, vergrößert sich das Ursprungsproblem dadurch sogar noch zusätzlich.

All das spricht dafür, die „Sharing Economy“ nicht als Spätform sozialistischer Kollektivierungsversuche einzuschätzen, sondern als eine durch und durch kapitalistische Angelegenheit. „Plattformkapitalismus“ wäre dann die bessere Bezeichnung. Das verträgt sich übrigens bestens mit der Beobachtung, dass nicht die Amerikaner, sondern die Chinesen dafür besonders empfänglich sind. So dynamisch wie in China kommt der Kapitalismus inzwischen schließlich kaum irgendwo auf der Welt zum Zug.

Eine App, die fast alles kann

In China fährt man nicht nur auf dem geliehenen Fahrrad zur Arbeit. Bei schlechtem Wetter leiht man auch kurzerhand den Regenschirm gegen einen kleinen Preis aus. Wenn der Akku des Smartphones mal wieder leer ist, lädt ihn die geliehene Power Bank wieder auf. Und für eine Runde Basketball muss niemand einen eigenen Ball mitbringen, den spuckt der Automat am Court nach dem Bezahlen aus. Aber hinter all dem stehen nicht private Leihgeschäfte, sondern kommerzielle Anbieter, die nicht bloß zwischen Privatleuten mit zueinander passenden Angeboten und Bedürfnissen vermitteln, sondern die auszuleihenden Güter gleich selbst bereitstellen.

Eine Voraussetzung dafür, dass all das funktioniert, ist die Verbreitung von Bezahl-Anwendungen für das Smartphone. Sie sind in China heute fast so normal wie bei uns das Bezahlen mit Bargeld an der Kasse. Das ist für die „Sharing“-Angebote wichtig, weil sie in der Regel ohnehin mit einer App genutzt werden. Man benutzt das Smartphone, um das nächste freie Auto oder Fahrrad zu finden. Da liegt es nah, auch damit zu bezahlen.

Die chinesischen Internetkonzerne Alibaba und Tencent haben hierfür ihre eigenen Online-Bezahldienste. Während Alipay ein reiner Bezahldienst ist, so ist We-Chat von Tencent mit fast einer Milliarde Nutzern eine App, die fast alles kann: Damit versenden die Leute Sprachnachrichten, Fotos oder Videos, telefonieren und können ihren aktuellen Standort mitteilen, so ähnlich wie mit Whatsapp also. Aber darüber hinaus können sie mit We-Chat auch Essen bestellen, den Termin beim Arzt vereinbaren, einen Tisch im Lieblingsrestaurant reservieren und beinahe im Vorbeigehen die Flasche Wasser am Kiosk bezahlen. Oder eben die Leihgebühren für Regenschirm, Basketball und Power Bank.

In Deutschland ist das Bezahlen mit dem Smartphone längst noch nicht so weit verbreitet. Die Mehrheit der Deutschen steht der Technik skeptisch gegenüber, hat das EHI Retail Institute in einer Befragung herausgefunden. 28 Prozent halten das Bezahlen per Smartphone demnach für eher nicht attraktiv, 26 Prozent für gar nicht attraktiv.

30 Prozent der fälligen Gebühr

Das sind keine guten Voraussetzungen für die „Sharing Economy“. Wer deren Angebote in Deutschland intensiv nutzen will, hat überdies schnell eine unübersichtliche Menge verschiedener Apps auf dem Telefon. Jeder Anbieter setzt auf seine eigene Lösung, gemeinsame Vermarktungskanäle sind nicht in Sicht. Und für jede App muss mühsam ein eigenes Konto erstellt werden, eine schnelle Verknüpfung etwa mit dem Facebook- oder Google-Profil ist für gewöhnlich nicht möglich. Komfortabel geht anders.

Aber auch in China läuft nicht alles rund. Der „Sharing“-Boom bringt dort seine ganz eigenen Probleme mit sich. Der Regenschirm-Sharing-Anbieter Sharing E Umbrella beispielsweise vermisste jüngst 300.000 Regenschirme, die seine Kunden in elf Städten gegen einen Preis von umgerechnet sechs Cent leihen konnten. Trotz eines Pfands von rund 2,50 Euro und eines eingebauten GPS-Trackers tauchten nur wenige Schirme wieder auf. Die übrigen dürften in den Wohnungen der Kunden längst getrocknet sein, aber vermutlich nicht so schnell wiederauftauchen.

Am größten ist in China indes nicht die Nachfrage nach Leihschirmen, sondern die nach Leihfahrrädern. Das Ausleihen mit der App ist einfach, die vielen Staus und der Parkplatzmangel in den chinesischen Großstädten machen das Autofahren mühsam und die Fahrrad-Leihe zusätzlich interessant. Die meisten der Räder sind knallgelb und stammen vom Marktführer Ofo. Die Fahrräder sind so beliebt, dass sich inzwischen die Beschwerden darüber häufen, dass jeder freie Platz in den Innenstädten mit ihnen zugestellt werde. Hinzu kommt, dass viele der Räder reif für die Werkstatt sind. Oft sind auch die Strichcodes an den Rädern, ohne die das Bezahlsystem nicht funktioniert, unkenntlich gemacht worden. Diese Fahrräder kann also niemand mehr ausleihen.

Es gibt auch für die „Sharing Economy“ Grenzen, sogar in China, lautet die Lehre aus diesen Beispielen. Aber noch sind diese Grenzen in den meisten Ländern lange nicht erreicht. Die Bank of America jedenfalls rechnet damit, dass der Umsatz der „Sharing“-Anbieter in absehbarer Zukunft von zurzeit 250 Milliarden auf rund 2 Billionen Dollar im Jahr steigen wird. Genug neue Ideen gibt es jenseits von Carsharing, Bikesharing und Airbnb auch hierzulande. In Großstädten versucht sich die Plattform Ampido beispielsweise am Parkplatz-Sharing. Hier können Privatleute mit wenigen Klicks Parkplatzsuchenden ihre eigene Hofeinfahrt für eine gewisse Zeit als Parkplatz anbieten. Ampido bekommt 30 Prozent der fälligen Gebühr. Ein Strom-Sharing will der Elektrizitätslieferant Lichtblick möglich machen. Wer Strom mit einer Solaranlage produziert und nicht die gesamte erzeugte Menge selbst verbraucht, kann die überschüssige Energie damit den Nachbarn anbieten, anstatt sie ins allgemeine Netz einzuspeisen. Ganze Wohnanlagen sollen auf diese Weise miteinander vernetzt werden und sich künftig unabhängig von den großen Energiekonzernen selbst mit Strom versorgen können. Auch für die Logistikbranche gibt es ein passendes neues Konzept, das Truck-Sharing. Speditionen oder Firmen mit zeitweise unbenutzten Lastern stellen ihre Fahrzeuge Wettbewerbern zur Verfügung, die gerade einen Engpass an Lkw haben. Nicht aus Nächstenliebe oder Sehnsucht nach dem Sozialismus. Sondern um damit Geld zu verdienen.

Quelle: F.A.S.
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