„Stammzellen-Zeitreise“

Wie das Silicon Valley das Sterben abschaffen will

Von Alexander Armbruster
 - 08:26

Der Traum vom ewigen Leben ist uralt und Gegenstand unzähliger Sagen. Im Silicon Valley arbeiten namhafte Unternehmen mit teils beachtlichen Summen daran, ihn Wirklichkeit werden zu lassen. Der Technologiekonzern Alphabet (Google) beispielsweise hat schon vor vier Jahren eine eigene Unternehmung mit dem Namen Calico gegründet und mit einem Milliardenbetrag ausgerüstet, die nicht weniger tun soll als das Altern zu attackieren. Echtes Anti-Aging. In Mountain View, wo das Google-Hauptquartier steht, hat wiederum auch die SENS-Stiftung ihren Sitz, die sich mit der Frage beschäftigt, warum Menschen altern und wie das manipuliert werden kann. Ihr visionärer Forschungschef Aubrey de Grey, der sich früher ausführlich mit künstlicher Intelligenz beschäftigte, erklärte sein Ziel einmal so: „Mir geht es nicht darum, tausend Jahre alt zu werden. Mein Ziel ist, dass Menschen einmal den Tod so lange vermeiden können, wie sie das wollen.“

Eine Hoffnung verbindet sich dabei mit Blut und Stammzellen. Darauf setzt zumindest das Start-up Forever Labs, das aus dem in Mountain View ansässigen Gründerzentrum Y Combinator hervorgegangen ist. Das Unternehmen bietet an, Stammzellen aufzubewahren – und diese gegen mit der Alterung verbundene Krankheiten einzusetzen oder gar gegen das Altern selbst.

Mäuse zusammengenäht

Der zugrunde liegende Gedanke lautet: Stammzellen sind vielseitig verwendbar, werden mit zunehmendem Alter aber nicht nur zahlenmäßig weniger, sondern auch weniger funktional. Deswegen nun das Angebot, in jungen Jahren Stammzellen zu bunkern und für später aufzubewahren. Steven Clausnitzer, der das Unternehmen führt und mitgegründet hat, bezeichnete dies gegenüber dem Internetdienst „Techcrunch“ als „Stammzellen-Zeitreise“. Er selbst habe beispielsweise vor zwei Jahren, im Alter von 38, Stammzellen eingelagert – die seien nun im Gegensatz zu ihm nicht älter geworden.

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© reuters, reuters

Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat das Lagern der Stammzellen des Unternehmens schon genehmigt. Eine Genehmigung dafür, die Stammzellen für Verjüngungstherapien zu modifizieren und anzuwenden, gebe es jedoch bislang noch nicht. Jason Camm, der leitende Medizin-Fachmann der Wagniskapitalgesellschaft des Internetunternehmers Peter Thiel, berät auch Forever Labs. Eine finanzielle Verflechtung zwischen Thiel und dem Unternehmen gebe es aber nicht. Gleichwohl darf man davon ausgehen, dass Thiel das Ziel durchaus sympathisch ist. „Meiner Ansicht nach kann man sich zum Tod auf dreierlei Weise verhalten“, sagte er bekanntlich einmal: „Man kann ihn akzeptieren, man kann ihn leugnen, oder man kann ihn bekämpfen. Ich glaube, unsere Gesellschaft besteht vor allem aus Leuten, die ihn hinnehmen oder leugnen. Ich bekämpfe ihn lieber.“

Forever Labs ist bei weitem nicht die einzige Unternehmung, die in Stammzellen oder dem Blut von jüngeren Menschen Hoffnung sieht, das Altern aufzuhalten oder zumindest dessen Folgen. Jesse Karmazin hat eine Firma mit dem vielversprechenden Namen Ambrosia gegründet und bietet Menschen, die älter als 35 Jahre sind, Bluttransfusionen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen an – für mehrere tausend Dollar. Mehr als hundert Menschen haben sich nach seinen Worten schon als Kunden registriert, sagte er vor einiger Zeit schon dem Finanzsender CNBC während der „Code Conference“, einer prominenten jährlichen Zusammenkunft von Vertretern der Technologiebranche in Kalifornien.

Karmazin geht nicht so weit, seinen Kunden wirklich zu versprechen, dass sie nicht mehr älter werden. Er sieht sich offenkundig als Unternehmer und Forscher zugleich und will vor allem herausfinden, ob das Blut (oder genauer wohl das Blutplasma) junger Menschen bestimmte mit der Alterung einhergehende Symptome lindern kann – wie ein nachlassendes Erinnerungsvermögen oder ein schwächer werdendes Herz. Das Blut kauft er von Blutbanken, die zum Beispiel auch Pharmaunternehmen beliefern.

Mit seinem Angebot knüpft er wiederum an Forschung aus den vergangenen Jahren an. Der aus der Schweiz stammende und gegenwärtig an der Universität Stanford arbeitende Neurologe Tony Wyss-Coray hat dafür den Weg mit bereitet. In Experimenten nähte er jeweils eine junge mit einer alten Maus operativ derart zusammen, dass Gefäße der beiden Tiere miteinander verwuchsen. Das Blut der jungen Tiere gelangte auf diese Weise über eine längere Zeit, teils mehrere Wochen, in den Kreislauf der älteren Artgenossen. Dann wurden beide Tiere durch eine zweite Operation wieder voneinander getrennt.

Das Ergebnis war erstaunlich. „Irgendwelche Stoffe, die mit dem Blut der jungen Tiere in den Kreislauf der greisen Mäuse flossen, stärkten offenbar deren Muskeln. Sie erneuerten Leber und Bauchspeicheldrüse. Die Knochen waren stabiler geworden, die Herzleistung verbesserte sich“, beschrieb der Biologe Ulrich Bahnsen die Auswirkungen vor einiger Zeit in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Besonders beeindruckend aber war die Wirkung des jungen Bluts im Gehirn. Vergreiste Mäuse lernen nur noch schlecht, auch ihr Gedächtnis wird schwach. Die Hirne von Wyss-Corays Versuchstieren zeigten Leistungen, als wären sie jugendlich.“

„Keine klinische Evidenz“

Unklar ist, ob sich das von Mäusen auf Menschen übertragen lässt. Und auch, welche Stoffe im Blut genau die entsprechenden Effekte auslösen. Und eine wichtige Unterscheidung zwischen diesen Experimenten und dem Angebot von Ambrosia-Gründer Karmazin, der Medizin studierte, besteht darin, dass er eben „nur“ Bluttransfusionen anbietet: Es werden nicht wie im Falle der Mäuse zwei Lebewesen wirklich miteinander verbunden.

Über die Behandlung mit Bluttransfusionen äußerte sich Wyss-Coray, der selbst eine Unternehmung namens Alkahest ins Leben gerufen hat, denn auch selbst kritisch. Gegenüber dem Internetportal „Business Insider“ sagte er zur Frage, ob das Prozedere wirklich hilft: „Es gibt keine klinische Evidenz.“

In einer Untersuchung, die Irina Conboy von der University of Berkeley mit Mitteln der Google-Tochtergesellschaft Calico und des National Institute of Health durchgeführt hat, zeigte sich dann auch: Tauscht man das Blut alter Mäuse gegen das junger Artgenossen aus, ohne die Organsysteme miteinander zu verbinden, findet nur eine stark eingeschränkte Regeneration statt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Armbruster, Alexander (ala.)
Alexander Armbruster
Redakteur in der Wirtschaft.
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