Konjunktur-Kommentar

Boom ohne Investitionen

Von Maja Brankovic
 - 13:55

Die Öffentlichkeit hat es in diesem goldenen Herbst kaum mitbekommen: Deutschland ist im internationalen Standort-Ranking der Weltbank nun auf den 20. Rang abgerutscht. In Neuseeland, in den Vereinigten Staaten, aber auch im von den Brexit-Verhandlungen gebeutelten Großbritannien und sogar in Georgien haben es Unternehmer leichter als hier. Das ist erstaunlich, denn dieser Abstieg fällt in eine Zeit, in der die deutsche Wirtschaft alle Rekorde bricht und Volkswirte in Jubelstimmung sind.

Desto mehr wirft die Nachricht ein Schlaglicht darauf, dass gerade etwas anders läuft als in vergangenen Phasen des Aufschwungs. Obwohl die Zinsen niedrig sind, die Unternehmen (und der Staat) seit Jahren für ihre liquiden Mittel erhalten und die sie für neue Kredite bezahlen, halten sie sich mit Investitionen zurück. Zwar haben sie in diesem Jahr endlich wieder etwas mehr Gebäude gebaut und mehr Geld in Maschinen oder Software gesteckt. Doch im Vergleich ist auch das nur ein laues Lüftchen.

Ein Ende des Fachkräftemangels ist nicht in Sicht

Leider gibt es für die Zurückhaltung gute Gründe. Die wohl wichtigste Ursache für die Sparsamkeit der Unternehmen liegt darin, dass an allen Ecken und Enden mittlerweile das notwendige Personal fehlt. Sicher, von einem flächendeckenden Fachkräftemangel kann in Deutschland noch keine Rede sein. Niemand kommt allerdings an der Erkenntnis vorbei, dass es derzeit vor allem in den technischen Berufen an Personal und Nachwuchs fehlt – das spürt jeder, der Wochen oder gar Monate auf einen Handwerker warten muss. Ein Ende des Fachkräftemangels ist nicht in Sicht.

Diese Diagnose wirkt sich direkt auf die Bereitschaft der Unternehmen aus, ihre Produktionskapazitäten zu erweitern. Investitionen in neue Bauten, Maschinen oder Computersoftware sind schließlich nicht sinnvoll, wenn zu befürchten ist, dass es nicht genügend Arbeitskräfte geben wird, die die neuen Hallen bauen, die angeschafften Maschinen installieren, bedienen und warten oder sich um die neue Software kümmern.

Personalmangel ist auch ein Grund, warum selbst der Staat noch immer nicht stärker investiert. Noch vor wenigen Jahren fehlte ihm das nötige Geld, um Straßen und Schulen instand zu halten oder Stadt und Land mit schnellerem Internet zu versorgen. Doch jetzt, da es wieder deutlich mehr Mittel gibt, fehlen die Strukturen, um dieses Geld gut zu nutzen. Öffentliche Mittel werden auch deshalb nicht abgerufen, weil es in den Bauämtern viel zu wenig Planungspersonal gibt. Allein in Nordrhein-Westfalen hat die Straßenbauverwaltung vor kurzem noch 70 Ingenieure gesucht. Doch weil die Länder und Kommunen mit den Löhnen in der Privatwirtschaft nicht mithalten können, bleiben viele Stellen unbesetzt.

Die hohen Standards darf Deutschland nicht opfern

Ein weiterer Grund für die niedrigen Investitionen ist die überbordende Bürokratie. Nicht selten vergehen in Deutschland Jahre, bis ein Unternehmen ein geplantes Gebäude tatsächlich bauen kann. Vorher steht ein ungeahnter Spießrutenlauf an: Was sagt zum Beispiel die Untere Wasserbehörde zu dem Bauvorhaben? Und wie lange lässt sie sich Zeit? Wie ist das angedachte Grundstück im Flächennutzungsplan ausgewiesen? Ist die Brandschutzverordnung eingehalten? Ist das Vorhaben mit dem Europarecht vereinbar? Und funkt am Ende noch irgendeine Bürgerinitiative dazwischen?

Für jede dieser Hürden mag es gute Argumente geben. Niemand will, dass in Deutschland Häuser wegen nicht eingehaltener Mindeststandards brennen oder die Wasserqualität leidet. Trotzdem überrascht es wenig, dass viele Bauvorhaben zunächst einmal vor einem der überlasteten Verwaltungsgerichte landen – wo es derzeit noch langsamer vorangeht, weil sich diese Gerichte auch um Asylangelegenheiten kümmern. Wer schließlich irgendwann einen genehmigten Bauantrag in der Hand hält, steht sogleich vor dem zuerst genannten Problem: Die Bauunternehmen arbeiten am Anschlag und haben zu wenig Personal.

Was ist also zu tun? Seine hohen Standards sollte Deutschland natürlich nicht einfach opfern. Aber genauer hinsehen, ob jede einzelne Verordnung tatsächlich gebraucht wird, sollte man schon. Politischen Handlungsspielraum gibt es auch bei den Personalengpässen. Zum einen muss der Staat aktiv daran arbeiten, die Zahl der Fachkräfte im Land zu erhöhen. Die Schulabbrecherquote müsste sinken, Ausbildungsberufe müssten für junge Menschen attraktiver werden.

Höhere Löhne könnten auch ein Lösungsansatz sein. Sie ändern zwar nichts daran, dass sich Deutschland aufgrund der Altersstruktur seiner Bevölkerung auf weniger Erwerbstätige einstellen muss. Aber sie könnten das Angebot an Arbeitskräften – auch aus dem Ausland – erhöhen. Zudem sollte die neue Bundesregierung ihre Kräfte darauf verwenden, ein vernünftiges Einwanderungsgesetz zu formulieren, das den Zuzug von Fachkräften von außerhalb der EU vereinfacht. Auch in puncto Bürokratieabbau muss mehr passieren. Es ist ein Armutszeugnis für den Standort Deutschland, dass die hiesigen Unternehmen ihr Geld oft lieber im Ausland investieren. Denn Geschäftsideen haben die Deutschen zur Genüge – auch wenn ihr Standortvorteil langsam schwindet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brankovic, Maja
Maja Brankovic
Redakteurin in der Wirtschaft.
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