TTIP und Freihandel
Angst vor Protektionismus

Wie Freihandel den Frieden sichert

Von Erich Weede
© dpa, F.A.Z.

Viele Jahrzehnte ist der Welthandel schneller als die Weltwirtschaft gewachsen. Das gilt nicht mehr. Die Wertschätzung des Freihandels hat in den wohlhabenden Ländern abgenommen. Symptom dafür ist nicht nur die Wahl des bekennenden Protektionisten Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten, sondern auch die Bereitschaft Großbritanniens, den freien Zugang zu kontinentaleuropäischen Märkten zu riskieren oder gar aufzugeben, um die Kontrolle über die eigenen Grenzen wiederzugewinnen. Freihandelsverhandlungen sind oft quälend langsam und ergebnislos.

Weil Freihandel heimische Produzenten dem Wettbewerb ausländischer Konkurrenten aussetzt, weil nicht jeder Wettbewerbsteilnehmer sich durchsetzen kann, ist klar, dass es beim Freihandel Verlierer und daraus resultierende Ressentiments geben muss. Analog reicht auch der innerstaatliche Wettbewerb der Produzenten schon aus, um die Verlierer nach staatlichen Maßnahmen rufen zu lassen.

Ähnlich impliziert auch der technologische Fortschritt Verlierer, weil Anbieter mit veralteten Fertigungsmethoden oder Produkten nicht mehr die gewohnten Preise erzielen können. Wer Verlierer nicht ertragen will, muss nicht nur den Freihandel abschaffen, sondern auch technologischen Fortschritt und den Wettbewerb, muss Stagnation statt wirtschaftlicher Freiheit zum Programm machen. Das kann man nicht wollen.

Drei Trends bei der Einkommensentwicklung

Die Lebensbedingungen der Menschen hängen auch von der Einkommensverteilung ab. In der gegenwärtigen Globalisierungsphase kann man drei Trends beobachten. Erstens sind die kaufkraftbereinigten Einkommensunterschiede zwischen den Nationen geringer geworden, jedenfalls dann, wenn man die Nationen nach ihrer Bevölkerungsstärke gewichtet, also nicht etwa den Größenunterschied zwischen China und Mali oder zwischen Indien und Haiti übersieht.

Zweitens hat die Einkommensungleichheit in vielen Staaten zugenommen, wobei oft das oberste Prozent oder gar Promille besonders gut abgeschnitten hat. Das gilt gerade auch für große Länder wie die Vereinigten Staaten oder China. Weil die internationalen Einkommensunterschiede immer noch die bedeutsamere Determinante der interpersonellen Einkommensunterschiede beziehungsweise der Unterschiede zwischen den Haushalten sind als die innerstaatlichen Unterschiede, haben drittens die Einkommensunterschiede unter Personen oder Haushalten der Welt in letzter Zeit abgenommen. Die beiden egalitären Trends dürften allerdings weniger zur Legitimation der freiheitlichen Weltwirtschaftsordnung beitragen als der gegenläufige Trend bei den innerstaatlichen Verteilungen zur Infragestellung der freiheitlichen Ordnung.

Der „kapitalistische Frieden“

Der Beitrag von wirtschaftlicher Freiheit, Freihandel und Globalisierung zur Verringerung des Ausmaßes des Massenelends ist wichtig. Aber es geht um noch mehr, wie die quantitative Konfliktforschung gezeigt hat. Dort stellt man die Frage, unter welchen Bedingungen die Kriegsgefahr zwischen Staaten besonders groß ist. Obwohl die Forschungsergebnisse durchaus nicht frei von Anomalien sind, kann man folgende Zusammenfassung wagen: Wirtschaftliche Freiheit innerhalb von Staaten, Freihandel und allgemein ökonomische Interdependenz zwischen Staaten verringern die Konfliktgefahr. Auch Demokratie hat befriedende Effekte. Deshalb spricht man auch vom „demokratischen Frieden“.

Aber das Ausmaß der Kriegsverhütung durch Demokratie ist begrenzt. Zunächst einmal befriedet die Demokratie nur die Beziehungen unter Demokratien. Zwischen Demokratien und Autokratien ist die Kriegsgefahr eher höher als unter Autokratien. Außerdem kann bezweifelt werden, ob junge, unreife oder gar arme Demokratien schon vom demokratischen Frieden profitieren.

Im Gegensatz dazu sind die befriedenden Effekte der wirtschaftlichen Freiheit oder der ökonomischen Interdependenz nicht so vielen Einschränkungen unterworfen. Deshalb wird in der Forschung zunehmend ein „liberaler“ oder gar „kapitalistischer“ Frieden diskutiert, bei dem der „demokratische Frieden“ zu einer Komponente des umfassenderen „liberalen“ oder „kapitalistischen“ Friedens wird.

Zwischenstaatliche Kriege werden seltener, Bürgerkriege häufiger

Wirtschaftliche Freiheit und Freihandel haben auch die Versöhnung der im Zweiten Weltkrieg besiegten Länder Deutschland und Japan mit dem Westen erlaubt. Ob die Demokratisierung der Verlierer des Zweiten Weltkriegs auf der Basis von Massenelend so gut geklappt hätte wie auf der Basis von Wachstum und Wohlstand, das darf man bezweifeln.

Seit Jahrzehnten hat sich die weltweite Kriegstätigkeit verändert. Zwischenstaatliche Kriege werden seltener, Bürgerkriege - nicht selten mit Einmischung anderer Staaten - werden häufiger. Das wirft die Frage auf, ob wirtschaftliche Freiheit und Wohlstand zur Verringerung des Bürgerkriegsrisikos beitragen. Das ist so. Weil der Nachweis der Wirksamkeit von Entwicklungshilfe deutlich schwieriger als der Nachweis positiver Wachstumseffekte durch Freihandel ist, spricht auch das Interesse der reichen Länder an Stabilität statt Bürgerkrieg und Massenflucht aus armen in reiche Länder für Erhaltung und Ausbau einer freiheitlichen Weltwirtschaftsordnung.

Erich Weede ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Bonn.

Quelle: F.A.Z.
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