Amazon-Chef Jeff Bezos

Der Unerbittliche

Von Roland Lindner
 - 12:14
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Pilotenbrille, schwarze Lederjacke, offenes Hemd und Jeans: Jeff Bezos gab sich betont lässig, als er in dieser Woche in Colorado Springs auf der Bühne stand. Zum Draufgänger-Outfit passte die Kulisse. Hinter dem Vorstandschef des Online-Händlers Amazon stand das Modell einer Raumkapsel, die schon im nächsten Jahr Touristen mit dem nötigen Kleingeld ins All befördern soll. Bezos, seit jeher ein Fan der Science-Fiction-Serie „Star Trek“, war in seinem Element. Er rief „ein goldenes Zeitalter für die Erforschung des Weltalls“ aus.

Szenenwechsel: Los Angeles, Ende Februar. Jeff Bezos sitzt bei der Oscar-Verleihung im Publikum, inmitten von Weltstars wie Meryl Streep und Emma Stone. Wie es sich gehört, trägt er einen Smoking. Moderator Jimmy Kimmel sagt in seinem Eröffnungsmonolog, erstmals seien Filme von Amazon für die Oscars nominiert. Er gratuliert Bezos und macht ein paar harmlose Witze auf dessen Kosten. Die Kameras schwenken auf den 53 Jahre alten Unternehmer, der sich köstlich zu amüsieren scheint.

Das Schicksal meint es im Moment gut mit Jeff Bezos. Wer kann sonst schon von sich sagen, in Hollywood genauso zu Hause zu sein wie im Weltall? Die Erinnerung an die bescheidenen Gründungstage von Amazon Mitte der neunziger Jahre, als Bezos anfing, aus seiner Garage in Seattle heraus Bücher über das Internet zu verkaufen, ist längst verblasst. Heute ist Amazon ein Koloss, der seine Finger überall im Spiel zu haben scheint, sogar in der Unterhaltungsbranche.

Bezos ist damit so reich geworden, dass er sich sein teures Weltraumprojekt leisten kann, in das er nach eigenem Bekunden eine Milliarde Dollar im Jahr pumpt. Als zweitreichsten Mann der Welt führt ihn die jüngste Ausgabe des „Bloomberg Billionaires Index“: Einzig Bill Gates, der Mitgründer des Softwarekonzerns Microsoft, hat demnach noch mehr Geld als Bezos, dessen Vermögen auf mehr als 77 Milliarden Dollar beziffert wird. Zu verdanken ist das dem rasant gestiegenen Aktienkurs von Amazon. Der Konzern ist an der Börse 422 Milliarden Dollar wert. Ein Analyst der Bank Barclays sagte kürzlich, nach seiner Meinung könnte Amazon eines der ersten Unternehmen mit einem Börsenwert von einer Billion Dollar werden. Bisher war meist der Elektronikkonzern Apple als heißester Kandidat gehandelt worden, diesen Meilenstein zu erreichen.

Bezos ist besessen vom Erfolg

Ursprünglich hat Bezos mit dem Gedanken gespielt, sein Unternehmen „Relentless“ zu nennen, also „unerbittlich“. Er sicherte sich sogar die Internetadresse www.relentless.com, die bis zum heutigen Tag direkt auf die Seite von Amazon führt. Das Adjektiv beschreibt Bezos gut. Er hat zwar eine freundliche Fassade, sein Markenzeichen ist ein schallendes Lachen. Aber er ist auch berüchtigt dafür, seine Ziele mit Besessenheit zu verfolgen. Und dabei bisweilen zu rabiaten Mitteln zu greifen, ähnlich wie dies früher auch seinem Milliardärskollegen Bill Gates bei Microsoft nachgesagt wurde.

Bezos ist vorgeworfen worden, traditionelle Händler in den Ruin zu treiben, Lieferanten zu schröpfen und sich um Steuern zu drücken. Regelmäßig gibt es auch Kritik an den Arbeitsbedingungen. Bei der deutschen Tochtergesellschaft kam es zu Streiks. In Amerika sorgte vor einiger Zeit ein Bericht der „New York Times“ über das vermeintlich harsche Betriebsklima für Aufregung. Ein früherer Angestellter wurde darin mit den Worten zitiert, er habe fast jeden, mit dem er bei Amazon gearbeitet habe, an seinem Schreibtisch weinen sehen. Zugleich entwickelt der Konzern Ideen, die Arbeitsplätze überflüssig machen könnten. Das reicht von Robotern in den Verteilzentren über Drohnen für die Auslieferung von Waren bis hin zu einem neuen Ladenkonzept, das auf Kassenpersonal verzichtet. Kaum Grund zur Beschwerde haben üblicherweise die Kunden. Es ist das oberste Gebot von Bezos, sie auf Händen zu tragen, er verwöhnt sie mit Niedrigpreisen und einer großzügigen Rückgabepolitik.

Vom Computerspezialist zum Internetmagnaten

Unbestreitbar ist Bezos ein Visionär, so früh hat er das Potential des Online-Handels erkannt. Sein Aha-Erlebnis, sagt er, sei es gewesen, als ihm 1994 eine Statistik mit gigantischen Zuwachsraten in der Internetnutzung in die Hände kam. Er überlegte sich, wie er davon profitieren könnte, und beschloss, Bücher online zu verkaufen. Er schmiss seinen Job als Computerspezialist bei einem New Yorker Hedgefonds hin und fuhr mit dem Auto nach Seattle, um dort Amazon zu gründen. Nach nicht einmal drei Jahren brachte er das Unternehmen an die Börse. Zweifler gab es genug. 1999 veröffentlichte die renommierte Wirtschaftszeitung „Barron’s“ eine Titelgeschichte mit der berühmt gewordenen Überschrift „Amazon.bomb“ und einer düsteren Zukunftsprognose. Aber im Gegensatz zu manch anderen Internetstars der neunziger Jahre stürzte Amazon nicht ab. Und Bezos weitete das Sortiment zielstrebig aus. Er machte aus Amazon Schritt für Schritt einen Universal-Laden, in dem es fast jedes nur erdenkliche Produkt zu geben scheint, ob nun Fernseher, Spielzeug, Bekleidung, Möbel oder Lebensmittel.

Aber nicht einmal das reicht ihm. Für Bezos soll Amazon mehr sein als ein Vertriebskanal. Deshalb bringt das Unternehmen auch eigene elektronische Produkte heraus: Das Lesegerät „Kindle“ verhalf elektronischen Büchern zum Durchbruch, zuletzt wurde ein Lautsprecher mit dem digitalen Assistenzsystem „Alexa“ zum Verkaufsschlager. Und anstatt seine Online-Bibliothek von Filmen und Fernsehshows nur mit den Inhalten von Hollywood-Studios zu füllen, wurde Amazon selbst zum Produzenten und imitiert damit den Videodienst Netflix.

Bezos verfolgt mit Eigenproduktionen wie der Serie „Transparent“ oder dem Film „Manchester by the Sea“ ein ungewöhnliches Geschäftsmodell. Abonnenten des kostenpflichtigen Versandangebots „Prime“ bekommen diese Filme und Serien als kostenlose Dreingabe. Das Kalkül: Je attraktiver die Videobibliothek, umso mehr Menschen abonnieren Prime – und diese Kunden sind für Amazon besonders wertvoll, weil sie überdurchschnittlich viel bestellen. „Wenn wir einen Golden Globe gewinnen“, sagt Bezos, „hilft uns das, mehr Schuhe zu verkaufen, und zwar auf sehr direktem Weg.“

Amazon wird zum stationären Einzelhändler

Noch viel wichtiger, wenngleich gänzlich unglamourös, ist indes ein anderes Geschäft: die Tochtergesellschaft Amazon Web Services (AWS). Hinter dem sperrigen Namen steht die Sparte, die auf „Cloud Computing“ spezialisiert ist und ihren Kunden Rechnerkapazitäten vermietet. Anders als in seinem Kerngeschäft bedient Amazon damit keine Verbraucher, sondern Unternehmen. Dazu gehören junge Start-ups, die sich Investitionen in eigene Rechenzentren sparen wollen, aber auch etablierte Konzerne. AWS könnte Bezos zufolge eines Tages sogar die größte Sparte von Amazon werden. Während die Gewinne im Online-Handel mager sind, bringt dieses Geschäft vergleichsweise üppige Margen. Das freut die Wall Street, war Amazon früher doch geradezu berüchtigt dafür, regelmäßig Verluste einzufahren. Jetzt aber hat das Unternehmen dank AWS eine Serie profitabler Quartale hinter sich.

Doch damit nicht genug. Amazon wagt sich nun auch mehr und mehr aus der virtuellen Welt heraus und wird selbst zum klassischen stationären Einzelhändler. Vor eineinhalb Jahren wurde der erste Buchladen eröffnet, mittlerweile gibt es fünf Standorte, sieben weitere sind angekündigt. Einen vergleichbaren Vorstoß gibt es auch im Lebensmittelhandel, in Seattle betreibt Amazon einen in der Branche vieldiskutierten Laden ohne Kassierer. Hier sollen Sensoren und Algorithmen automatisch registrieren, was aus dem Regal genommen wird. Die Kunden können das Geschäft verlassen, ohne an eine Kasse gehen zu müssen.

Spektakulärer Flop mit dem Smartphone

Angeblich denkt Jeff Bezos nun schon über Fachgeschäfte für Möbel und Elektrogeräte nach. Es ist aber längst nicht so, dass alle seine Ideen funktionieren. Auch ihm gelingt nicht alles, was er anpackt. Der Lebensmittelladen funktioniert offenbar noch nicht so reibungslos wie erhofft: Bisher ist er den Mitarbeitern von Amazon vorbehalten, die ursprünglich für März geplante Eröffnung für die Allgemeinheit wurde verschoben. Wie das „Wall Street Journal“ schrieb, ist die Technik noch anfällig für Fehler, wenn sich mehr als 20 Personen im Laden aufhalten.

Einen spektakulären Flop hat sich Bezos vor ein paar Jahren mit der Einführung eines eigenen Smartphones geleistet. Doch von solchen Rückschlägen lässt sich der Mann nicht beeindrucken. Vielmehr hat er es zur Unternehmensphilosophie erklärt, sich Misserfolge leisten zu dürfen. Amazon sei „der beste Ort in der Welt, um zu scheitern“, sagt er gerne. Um etwas zu erfinden, müsse man experimentieren – und wenn man vorher schon wisse, dass es klappt, dann sei es kein Experiment.

Man sollte meinen, mit Amazon habe Jeff Bezos alle Hände voll zu tun. Aber nebenbei kultiviert er auch noch seine Leidenschaft für den Weltraum, für die er in der vergangenen Woche in Colorado Springs geworben hat. Er will nicht bloß Kurztrips ins All anbieten. „Unsere Vision ist es, dass Millionen von Menschen im Weltraum leben und arbeiten“, sagt er. Da drängt sich die Parallele zu Elon Musk auf, dem Vorstandschef des Elektroautoherstellers Tesla, der mit seinem Raumfahrtunternehmen Space X eines Tages den Mars besiedeln will.

Schlagabtausch mit Trump

Vor gut drei Jahren hat Bezos seine Sammlung an Unternehmen mit dem Kauf der amerikanischen Traditionszeitung „Washington Post“ weiter ausgebaut. Hier ist er offenbar mehr als nur stiller Eigentümer. Er beteuert zwar, sich nicht in redaktionelle Belange einzumischen. Aber er hat Einfluss darauf genommen, den digitalen Auftritt der Zeitung auszubauen und ihren Kundendienst zu verbessern.

Als Eigentümer der „Washington Post“ hat Jeff Bezos auch gelernt, wie es sich anfühlt, zum Ziel von Donald Trumps Twitter-Attacken zu werden. Trump unterstellte Bezos während des Wahlkampfs, die Zeitung nur zu benutzen, um sich politischen Einfluss zu verschaffen und seine Steuern bei Amazon niedrig zu halten. Bezos beschrieb Trump umgekehrt als Gefahr für die Demokratie und scherzte, ihn mit seiner Weltraumfirma Blue Origin ins All schicken zu wollen. Seit Trumps Wahl zum Präsidenten scheint der Amazon-Chef aber zu versuchen, sich mit der neuen Realität zu arrangieren. Zusammen mit anderen Vorstandschefs aus der Technologiebranche kam er zu einem Treffen mit Trump nach New York, außerdem hat er öffentlichkeitswirksam versprochen, Arbeitsplätze in Amerika zu schaffen. Damit dürfte Bezos den Präsidenten zunächst einmal versöhnlich gestimmt haben. Dass die Mitarbeiter eines Tages von Robotern ersetzt werden könnten, davon war bei dem Treffen nicht die Rede.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Lindner, Roland (lid.)
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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