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Wirtshaussterben

Letzte Runde

Von Sebastian Balzter, Julia Körner
© Rainer Wohlfahrt, Rainer Wohlfahrt

Am meisten Spaß machte das Geschäft, sagt Rosemarie Juli, bevor es überhaupt richtig anfing. Im Sommer 1970 bauten sie und ihr zukünftiger Ehemann Theo den Gasthof „Zur Linde“ in Gotthards um, einem Dorf in der hessischen Rhön. Sie waren Anfang zwanzig damals und schon zusammen zur Grundschule gegangen, den Gasthof übernahmen sie von seinen Eltern.

Das alte geschindelte Haus rissen sie ab, die Bank finanzierte den Neubau, es ging schnell: Am 6. November wurde die Neueröffnung gefeiert, am 28. November die Hochzeit der Wirtsleute. Während der Bauarbeiten diente das Wohnzimmer des benachbarten Bauernhauses als Gaststube. Es war eng und in der Erinnerung immer voll dort, der Zigarettenrauch hing in dicken Schwaden unter der Decke. Rosemarie Juli sagt: „Das war die tollste Kneipe, die wir je hatten.“

Seit vier Monaten stehen in der „Linde“ nun die Stühle auf den Tischen. Das letzte Bier hat Theo Juli in der Silvesternacht gezapft, es gab Lachshäppchen für die Stammgäste, danach war Schluss. Julis Großvater bekam 1907 die Schankerlaubnis, eine Kopie des Dokuments hat der Enkel säuberlich in einem Ringbuch abgeheftet, damals herrschte in Deutschland noch ein Kaiser. Seitdem war die „Linde“ in Familienbesitz.

Ein Verlust an Lebensqualität und Zusammenhalt

So eine Tradition verliert ihre Kraft nicht schon nach einem Vierteljahr. Der Gasthof steht in der Mitte des 370-Einwohner-Dorfs, gegenüber die Kirche, das Backhaus und die Feuerwehr. Manchmal, wenn es hier noch etwas zu tun gibt für die früheren Wirte und sie deshalb die Rollläden hochziehen, kommen Leute herein und fragen, ob sie jetzt doch weitermachen wollten. „Na klar, am Wochenende machen wir wieder auf“, sagt Rosemarie Juli dann im Scherz.

Wie in Gotthards, eine halbe Stunde Autofahrt von Fulda entfernt, ist es überall in Deutschland: Auf dem Land schließen die Wirtshäuser, ob Dorfkrug im Norden, Eckkneipe im Westen oder Biergarten im Süden - und erst recht die Gaststätten im Osten, wo der Schwund nach der Wiedervereinigung besonders rasant eingesetzt hat. Von den mehr als 70.000 Schankwirtschaften, die das Statistische Bundesamt noch im Jahr 1994 verzeichnete, gibt es heute nicht einmal mehr die Hälfte. Das Wirtshaussterben ist kein neues Phänomen, es hat schleichend schon vor Jahrzehnten begonnen. Doch der Verlust an Lebensqualität und Zusammenhalt, den es für viele Menschen auf dem Land bedeutet, hat nun eine kritische Größe erreicht.

Sonst hätten sich zuletzt in manchen wirtshauslos gewordenen Gemeinden nicht die Bewohner zusammengeschlossen, um in Eigenregie und mit viel ehrenamtlichen Engagement eine Kneipe zu betreiben. Sonst hätte der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband in Hessen, wo bis 2020 noch einmal mit einem Rückgang um 40 Prozent gerechnet wird, nicht im vergangenen Jahr seine Kampagne „Rathaus trifft Gasthaus“ angekurbelt, um die Kommunalpolitik auf das Problem aufmerksam zu machen.

Wo die Wirtschaft stirbt, stirbt der Ort

Sonst würde der Kabarettist und bekennende Wirtshausgänger Gerhard Polt nicht über das Verschwinden der Originale aus der Öffentlichkeit klagen, das nach seiner Meinung damit zusammenhängt, dass ihr natürliches Biotop an Stammtisch und Theke nicht mehr existiert. Sonst hätten die Kulturgeographen von der Katholischen Universität im bayerischen Eichstätt ihrer vor zwei Jahren veröffentlichten ausführlichen Studie zum Thema nicht den düsteren Satz vorangestellt: „Wo die Wirtschaft stirbt, stirbt der Ort.“

Was aber wird die Koalition aus Ortsvorstehern, Bürgern und Verbandsvertretern gegen die Übermacht der Widrigkeiten ausrichten, über die viele Wirte klagen? Fünf davon nennen die meisten, die sich mit der Frage beschäftigen. Die Landflucht vorneweg: Zwei Drittel aller ländlichen Gemeinden verlieren Einwohner, junge Leute ziehen in die Städte, der Stammtisch findet keinen Nachwuchs mehr. Dann die Freizeitgewohnheiten: Wer seine Abende vor dem Flachbildschirm oder mit seinen Facebook-Freunden im Internet verbringt, kann nicht gleichzeitig an der Theke stehen.

„Zur Linde“: Kein Nachfolger in Sicht.
© Rainer Wohlfahrt, F.A.S.

Und wer sonntags nicht in die Kirche geht, kommt danach auch nicht zum Frühschoppen. Drittens die gefühlt stets zunehmende Bürokratie, ob aus Brüssel oder Berlin, vom Gesundheits- oder Gewerbeamt. Sogar die Geschmacksnerven haben sich verschworen: Der Fassbierverkauf ist seit Jahren rückläufig; und für Modegetränke wie Alkopops und Fitnesswasser ging noch nie jemand in die Kneipe. Schließlich die dorfinterne Konkurrenz der Vereine, die in ihren mit Steuergeld gebauten Sportler-, Schützen- oder Feuerwehrhäusern günstige Alternativen anbieten.

Probleme gab es schon früher

Theo und Rosemarie Juli allerdings würde es nicht einfallen, über all das zu jammern. Täten sie es, hätten sie die Stühle schon vor Jahren hochgestellt - und nicht erst jetzt, mit 68. Die Wirte, die erst jetzt aufgeben, zählen zu den widerstandskräftigen, tatkräftigen, anpassungsfähigen. Sie klagen nicht über das Rauchverbot und auch nicht über die Vereine. Stattdessen stellten sie gemeinsam mit der örtlichen Feuerwehr das alljährliche Backhausfest auf die Beine, mit Haxe und Zwiebelkuchen der Höhepunkt des dörflichen Festkalenders.

Das Dorf am Flüsschen Nüst stirbt auch nicht aus, im Gegenteil: Die Bürgermeisterin versichert, ihre Gemeinde sei die jüngste in Hessen, viele Familien mit Kindern zögen hierher, der unberührten Natur und der Arbeitsplätze wegen. Im ganzen Landkreis Fulda liegt die Arbeitslosenquote zurzeit unter 4 Prozent. Und Bürokratie gab es auch vor hundert Jahren schon, wie der zusammen mit der Schankerlaubnis abgeheftete Schriftwechsel um Nutzen und Kosten der damals vom Landratsamt geforderten neuen Eingangstür und Pissoiranlagen belegt.

Disko rettet Wirtschaft

Auch Theresia Liebermann, die den „Jägerhof“ im nordhessischen Seigertshausen führt, gehört zu den Einfallsreichen ihrer Zunft. Deshalb gibt es ihre Gaststätte überhaupt noch, anders als die beiden einstigen Wettbewerber in dem 700 Einwohner zählenden Dorf im Schwalm-Eder-Kreis. Liebermann hat sich daran gewöhnt, dass die meisten Geburtstagsfeiern und Vereinsversammlungen nicht mehr in der Wirtschaft stattfinden. „Früher kamen nach den Kirchenvorstandssitzungen alle in die Kneipe. Der Pfarrer, den wir jetzt haben, ist nicht für die Kneipe zu haben, also kommt davon auch keiner mehr“, sagt Liebermann.

Nicht einmal für die Erstkommunionfeier am Weißen Sonntag ist der „Jägerhof“ mehr die erste Adresse, räumt die Wirtin ein - aber das liege nicht am Pfarrer. Die Leute wollen lieber anonym leben als in der Öffentlichkeit des Dorfes, glaubt sie vielmehr. Und der Stammtisch? Am Freitagabend gibt es noch einen, immerhin. Aber früher waren es, über die Woche verteilt, fünf; dazu kamen regelmäßige Doppelkopfrunden.

Um die Verluste abzufedern, setzt Theresia Liebermann ausgerechnet auf die Kundschaft, unter der gemeinhin am ehesten die Wirtshausmuffel vermutet werden: die Jugend. Am Wochenende macht „Resie“, wie die Wirtin von den jungen Leuten im Dorf genannt wird, für sie spätabends die kleine Diskothek auf, zu der sie den Keller des Gasthofs ausgebaut hat. Auch deshalb lohnt sich das Geschäft für Liebermann und ihren Mann noch. Einen Nachfolger aber wird es vermutlich nicht geben, wenn sie in ein paar Jahren in Rente gehen.

Nach dem Kredit ist vor dem Kredit

Am häufigsten scheiterten Verkäufe an mangelnden Finanzierungsmöglichkeiten. „Die Gastronomie ist für die Sparkassen auf dem Land ein rotes Tuch“, sagt Liebermann. Und so viel Eigenkapital, wie für den Kauf und eine gründliche Renovierung nötig wäre, bringt im Schwalm-Eder-Kreis kaum jemand mit.

Fast 45 Jahre lang haben Theo und Rosemarie Juli ihr Wirtshaus geführt.
© Rainer Wohlfahrt, F.A.S.

Auch die „Linde“ in Gotthards ist in die Jahre gekommen. Die floral gemusterten Tischdecken, die Stoffblumen auf der Theke, die Tische und Stühle aus dunklem Holz taugen nicht für „Landlust“-Leser, die abseits der Städte das bessere Leben vermuten, aber nicht auf modernes Design und ihren liebgewonnenen Lifestyle verzichten wollen. Dabei haben die Wirtsleute sich nicht auf dem Polster der guten alten Zeiten ausgeruht, sondern ihr Geschäftsmodell immer wieder überarbeitet.

Sie haben, kaum war das erste Darlehen abbezahlt, den nächsten Kredit aufgenommen, um ein eigenes Schlachthaus und Ferienwohnungen zu bauen. Sie haben sich nicht auf die wenigen einheimischen Biertrinker und Kartenspieler verlassen, die eine Generation vorher noch die Stammkundschaft bildeten, sondern vor allem auf Ausflügler gesetzt, die zum Essen nach Gotthards kommen.

Als die Welt noch in Ordnung war

Für die Qualität sorgte Theo Juli, der mit 16 Jahren seine erste Hausschlachtung gemacht hat, eigenhändig. Die „Schnitzelparade“ auf der Speisekarte war bis zuletzt der Trumpf im Angebot. „Große Portionen, kleine Preise“ - darauf läuft sogar die eine anonyme Bewertung im Internet heraus, zu der es die „Linde“ in den mehr als hundert Jahren ihres Bestehens gebracht hat.

Dass nun keine mehr hinzukommen, hat einen anderen, in den gängigen Analysen selten erwähnten Grund. „Früher war das ein reiner Familienbetrieb“, sagt Theo Juli. Seine Mutter stand in der Küche, seine Schwestern spülten, die Schwiegermutter schälte Kartoffeln - alles für ein Trinkgeld, sogar am Sonntag. Die Lohnkosten lagen nahe null.

Genauso - mit der unentgeltlichen Hilfe vieler Verwandter - führe am anderen Ende des Dorfes der aus Kroatien eingewanderte Wirt seine Gaststätte noch heute, sagt Juli. Und zum ersten Mal klingt aus seiner Stimme so etwas wie Trauer über vergangene Zeiten. „Die halten zusammen. So war das früher auch bei uns. Als die Welt noch in Ordnung war.“

Sicheres Gehalt und feste Arbeitszeiten statt Dorfschenke

Als seine eigene Mutter nicht mehr konnte, seine Schwestern nicht mehr wollten, stellten die Julis erst eine, dann eine zweite Köchin ein. Die Gäste kamen immer noch. Aber während die Personalausgaben stiegen, blieb der Umsatz gleich. Rund 250.000 Euro in einem gewöhnlichen Jahr, sagt Juli. Großen Spielraum für Preiserhöhungen habe es nicht gegeben. Die Konsequenz: „Wir rackern uns ab, aber am Ende bleibt fast nichts übrig.“ Keine verlockende Aussicht für potentielle Nachfolger.

Eigene Kinder haben die beiden Wirtsleute aus Gotthards nicht. Unter den vielen Neffen und Nichten aber gibt es sogar einen gelernten Koch. Warum auch er das Angebot, die „Linde“ weiterzuführen, dankend abgelehnt hat? Theo Juli muss nicht viel sagen, um die Entscheidung zu erklären: „Er hat eine Stelle im Altenheim, mit festen Arbeitszeiten und einem sicheren Gehalt.“

Quelle: F.A.S.
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