Spaniens Wirtschaft

Erste Bank verlässt Katalonien

Von Philip Plickert
 - 20:57

Die spanische Bank Sabadell zieht Konsequenzen aus der Katalonien-Krise. Das Geldhaus verlagert seinen juristischen Sitz in die spanische Hafenstadt Alicante an der Costa Blanca, wie das Institut am Donnerstagabend mitteilte. Das Direktorium des fünftgrößten spanischen Geldhauses hatte zuvor auf einer Sondersitzung über einen Abzug aus der katalanischen Stadt Sabadell beraten. Die Chefetage der heimischen Konkurrentin Caixabank will nach Informationen eines Insiders am Freitag zusammenkommen, um eine Entscheidung über einen möglichen Umzug zu treffen.

Die spanische Zentralregierung will nach Informationen von Insidern ein Dekret auf den Weg bringen, das Unternehmen einen Abzug aus Katalonien erleichtern soll. Der Erlass sei auf die Caixabank zugeschnitten, sagten mit der Angelegenheit vertraute Personen. Damit könnte das Geldhaus seinen juristischen Sitz verlagern, ohne eine Aktionärsversammlung einberufen zu müssen. Das Vorhaben wäre ein harter Schlag für die Finanzbranche in Katalonien, das nach Unabhängigkeit strebt. Die Regierung in Madrid und die Caixabank lehnten einen Kommentar ab.

Die Nerven liegen blank, in Madrid und Barcelona. Katalonien mit seinen 7,5 Millionen Einwohnern zählt zu den reichsten, exportstärksten Regionen Spaniens und könnte nach einer Abspaltung wohl mittelfristig gut auf eigenen Beinen stehen. Kurzfristig wären aber Verwerfungen zu erwarten. Nach der tiefen Wirtschaftskrise der Jahre 2008 bis 2013 hat Spanien, das viertgrößte Euroland, seit 2014 die Rezession überwunden. Es befindet sich eigentlich auf dem Weg der Besserung. Ein politischer Großkonflikt wäre jedoch Gift für die Konjunktur und dürfte Investoren verschrecken, sowohl inländische als auch ausländische.

„Einige Investitionen in Katalonien werden jetzt erstmal auf Eis gelegt“, sagt Klaus Schrader vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) im Kiel. Der spanische Großverlag Grupo Planeta hat angekündigt, Barcelona im Fall einer Unabhängigkeit zu verlassen. So schnell werde jedoch kein Großunternehmen umsiedeln, glaubt Schrader. „Solche Standortentscheidungen trifft man langfristig, bislang überzeugt Katalonien durch gut ausgebildete Fachkräfte und die gute Infrastruktur. Nur wenn sich Katalonien zu einem dauerhaften Krisenherd entwickelt, könnten Unternehmen abziehen.“ Der deutsche Industrieverband BDI warnte vor den Folgen eines Bruchs in Spanien, der „für beide Seiten tiefe Einschnitte“ brächte. Auch für deutsche Unternehmen steht einiges auf dem Spiel. „Katalonien ist eine hochindustrialisierte Region, in der mehr als die Hälfte der rund 1600 Firmen mit deutscher Beteiligung in Spanien angesiedelt ist“, erinnert der BDI.

Viel Geld für den spanischen Finanzausgleich

Mitte dieser Woche hatte die Verunsicherung an der Madrider Börse zu einem Kursrutsch geführt. Der Leitindex Ibex verlor am Mittwoch um 3 Prozent, besonders Banken mit großen Kreditportfolios in Katalonien kamen unter Druck. Die Sparkasse Caixa musste versichern, dass alle Einlagen sicher seien. Am Donnerstag erholte sich der Ibex um 1,4 Prozent.

Ein Argument der Sezessionsbewegung in Katalonien ist, dass die Region viel Geld sparen könnte, wenn sie nicht mehr in den spanischen Finanzausgleich einzahlen müsste. Die Katalanen fühlen sich über Gebühr belastet. „Der Finanzausgleich ist leider sehr intransparent, das ist ein Problem“, sagt IfW-Ökonom Schrader. Das reiche Katalonien gehört wie auch die Region Madrid zu den Gebern in dem System. Barcelona fordert seit Jahren mehr Steuerautonomie, wie sie das Baskenland hat. Es gibt Schätzungen, dass Katalonien jedes Jahr mehrere Milliarden Euro mehr in den Finanzausgleich einzahlt als es herausbekommt. Wie viel es wirklich ist, weiß keiner. Ohne die Fiskaltransfers könnte die Katalonien Überschüsse erzielen, meint die DZ Bank.

Unabhängigkeitskonflikt
Kataloniens Regierungschef stößt auf Ablehnung der Zentralregierung
© HANDOUT/EPA-EFE/REX/Shutterstock, reuters

Kurzfristig könnte eine Sezession auch zu fiskalischen Turbulenzen führen. Denn Katalonien ist hochverschuldet und musste von der Zentralregierung vor fünf Jahren mit einem Hilfspaket gerettet werden. Die Zinsen für einen neuen Kleinstaat könnten in ungeahnte Höhen schießen. Gesamtspanien selbst ist auch verletzlich, seine Schuldenquote liegt bei knapp 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Renditen sind gestiegen – von 1,6 Prozent auf 1,75 Prozent für die zehnjährigen Anleihen seit Anfang September – , was einen etwas größeren Risikoaufschlag anzeigt.

Eine entscheidende Frage für Katalonien wäre, ob bei einer Sezession der neue Staat Mitglied der Europäischen Union wäre. Die spanische Zentralregierung und die EU-Kommission haben das verneint. Im Extremfall würde sich Katalonien also aus dem EU-Binnenmarkt herauskatapultieren und wäre dann von Zollbarrieren umgeben – was für die exportorientierte Wirtschaft der Region eine Katastrophe wäre. Aus Katalonien kommen Ausfuhren im Wert von 65 Milliarden Euro, mehr als ein Viertel der spanischen Gesamtexporte. Im Falle einer Loslösung von Spanien wären zudem die Lieferketten gefährdet. „Die katalanische Exportindustrie ist auf die regionale Liefer- und Abnehmerverflechtung innerhalb des spanischen Gesamtstaats angewiesen“, hebt das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in einer Analyse hervor.

Katalonien ist eine prosperierende Region mit einer modernen Industrie als Rückgrat. Besonders die Chemie- und Pharmabranche ragt heraus, auch der Maschinen- und Automobilbau ist stark vertreten. Das Pro-Kopf-Einkommen ist das vierthöchste aller spanischen Regionen, hinter Madrid, dem Baskenland und Navarra; die restlichen Regionen liegen deutlich dahinter. Abgehängt sind die Extremadura, Spaniens Armenhaus an der Grenze zu Portugal, sowie das agrarisch geprägte Andalusien im Süden. Die Beschäftigungslage ist aber auch im Nordosten schlecht. „Massenarbeitslosigkeit ist ein gesamtspanisches Problem, von dem Katalonien nicht ausgenommen ist“, schreibt das IfW. Im spanischen Durchschnitt gibt es 17 Prozent Arbeitslose, in Katalonien rund 15 Prozent. Viel höher ist noch die Jugendarbeitslosigkeit.

Um die politischen Spannungen abzubauen, wären Verhandlungen zwischen der Zentralregierung und den Regionen über einen transparenteren Finanzausgleich und eine klarere Aufgabenverteilung nötig, sagt IfW-Ökonom Schrader. „Eine vernünftige Diskussion erscheint jetzt aber in der aufgeheizten Atmosphäre leider kaum noch möglich.“

Quelle: FAZ.NET
Philip Plickert - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philip Plickert
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.
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