BASF

Die Suche nach den vergifteten Polstern

Von Bernd Freytag
 - 22:20

Auch Tage nachdem der Chemiekonzern BASF die Lieferung von schadstoffbelasteten Schaumstoffvorprodukten einräumen musste, geht die Suche nach belasteten Matratzen und Polstern weiter. Dutzende, meist mittelständische weiterverarbeitende Betriebe, haben ihren Betrieb zwischenzeitlich eingestellt. Der Matratzenhersteller Dunlopillo rief vorsorglich Teile seiner Matratzen zurück. BASF hat seit Dienstag einen Krisenstab eingesetzt.

Noch sei völlig unklar, wie groß das Problem tatsächlich sei und wo genau welche möglicherweise belastenden Schäume weiterverarbeitet wurden, sagt Klaus Junginger vom Fachverband Schaumkunststoffe und Polyurethane, dessen 160 Mitgliedsunternehmen mit dem Aufschäumen von Kunststoffpolstern fast zehn Milliarden Euro im Jahr umsetzen. Jede neue Erkenntnis werde an die Kunden, also etwa die Hersteller von Matratzen oder Autositze, weitergegeben.

Matratzenhersteller geben Untersuchungen in Auftrag

Die Matratzenhersteller als letztes Glied der Wertschöpfungskette sehen sich hingegen weiter im Regen stehen gelassen. Fragen an die Schaumstoffhersteller würden zum Teil gar nicht oder inhaltlich „nicht wesentlich weiterführend“ beantwortet, Haftungen würden nicht übernommen, beklagte der Fachverband Matratzen-Industrie am Donnerstag. „Am Ende ist es die Matratzen herstellende Industrie und der Verbraucher, die doppelt geschädigt werden.“ Die Matratzenhersteller haben nach Angaben ihres Verbandes Untersuchungen in Auftrag gegeben, um die möglichen Schadstoffe zu überprüfen. Mit Ergebnissen sei in einigen Tagen zu rechnen, pauschale Urteile nicht möglich. „Der derzeitige Kenntnisstand rechtfertigt keine allgemeine Rückrufaktion.“ In Deutschland werden im Jahr etwa sechs Millionen Matratzen verkauft, das Marktvolumen beläuft sich auf rund eine Milliarde Euro.

BASF teilt am frühen Donnerstagnachmittag mit, im Rahmen einer Risikobewertung hätten Fachleute des Unternehmens erste Untersuchungen an verunreinigten Schäumen durchgeführt. Die Ergebnisse und weitergehende Berechnungen zeigten, dass nicht von einer Gesundheitsgefährdung auszugehen sei. Die Details der Bewertung stellt BASF den zuständigen Behörden und relevanten Verbänden zur Verfügung.

Tausende Tonnen Schaumstoff

Der Konzern hatte zwischen Ende August und Ende September 7500 Tonnen des flüssigen Kunststoffgrundprodukts TDI hergestellt, mit einer deutlich erhöhten Konzentration an Dichlorbenzol (DCB). DCB kann Haut, Atemwege und Augen reizen und steht im Verdacht, Krebs zu verursachen. Nach Angaben des Konzerns war der DCB-Anteil in den betroffenen Chargen stark erhöht. Statt der sonst üblichen weniger als drei Anteile je Million (ppm) seien es mehrere hundert gewesen. BASF wurde erst durch den Hinweis eines Kunden überhaupt auf die fehlerhafte Produktion aufmerksam. Üblicherweise teste man den DCB-Gehalt einmal im Monat. Das, so eine Sprecherin, entspreche den Kundenanforderungen.

TDI ist ein Ausgangsstoff für den Kunststoff Polyurethan, der zur Herstellung von Matratzen sowie für Polsterungen benutzt wird. Der Konzern hat nach eigenen Angaben 50 betroffene Kunden in Europa informiert und die Auslieferung des Produkts gestoppt. Die eine Milliarde Euro teure neue TDI-Anlage steht still und soll erst Anfang der kommenden Woche wieder angefahren werden. Von den belasteten 7500 Tonnen TDI seien rund zwei Drittel noch nicht weiterverarbeitet und würden von BASF zurückgeholt. Aus den verbliebenen 2500 Tonnen Grundstoff können nach Angaben des Konzerns grob bis zu 5000 Tonnen Schaumstoff entstehen. 5000 Tonnen, die nun gesucht, gefunden und im Zweifel entsorgt werden müssten.

Bei den Herstellern herrscht Chaos

Der Konzern hat ein Krisenteam mit 75 Spezialisten zur Beratung abgestellt und eine telefonische Hotline geschaltet. Die Matratzenhersteller als Weiterverarbeiter hatte BASF nicht direkt informiert, sie haben von den Problemen nach eigenem Bekunden erst durch ihre Lieferanten erfahren. BASF nimmt nach eigenen Angaben nur unverarbeitetes TDI oder noch nicht verarbeitete Schaumblöcke zurück, bereits weiterverarbeitete Produktmengen nicht.

In der weiterverarbeitenden Industrie haben die Produktionsprobleme des Konzerns für Chaos gesorgt. Der Schaumstoffhersteller Carpenter hat mit Blick auf die Lieferprobleme bereits „Force Majeure“ gemeldet. Damit berufen sich Unternehmen auf höhere Gewalt und befreien sich so ihrerseits von Lieferverpflichtungen. Der Verband der Matratzen-Hersteller geht davon aus, dass weitere Schaumstoffproduzenten diesem Beispiel folgen. Der Autositzhersteller Grammer hat nach eigenen Angaben einen Krisenstab eingerichtet.

Wie verwoben die Lieferketten sind, zeigt ein Blick in eine Pflichtinformation des börsennotierten Schaumstoffherstellers Conzzeta. Das Schweizer Unternehmen hat die Produktion in drei Werken gestoppt. In einem Werk sei belastetes TDI gerade verarbeitet worden, in einem zweiten habe man noch unverarbeitete kontaminierte Chargen gefunden. In einem dritten Werk sei das Rohmaterial bereits restlos verarbeitet gewesen. In diesem Fall habe man die Kunden informiert.

Quelle: F.A.Z.
Bernd Freytag  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Bernd Freytag
Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBASF