Buchbranche

Wo wir Bücher kaufen

Von Carsten Knop
 - 09:35

Wäre man heute lieber Birgit Lange-Grieving, Inhaberin einer kleinen Stadtteilbuchhandlung in Dortmund? Oder möchte man Michael Busch sein, der als Chef die Buchhandelsgruppe Thalia zurück auf die Erfolgsspur bringen muss? Mit Carel Halff, dem Geschäftsführer der katholischen Verlagsgruppe Weltbild, die wegen ihrer prekären finanziellen Lage unmittelbar vor Beginn der Frankfurter Buchmesse Schlagzeilen macht, möchte man gewiss nicht tauschen.

Dann scheint schon eher ein Tausch mit Jeff Bezos attraktiv zu sein, dem Gründer des Internetversandhändlers Amazon, der in den vergangenen knapp zwanzig Jahren die gesamte Branche umgekrempelt hat. Wenn es allein ums Geld ginge, wäre Bezos ohnehin erste Wahl. Der Mann ist mindestens 26 Milliarden Dollar schwer und hat gerade erst aus seinem Privatvermögen die „Washington Post“ gekauft. Das ist nicht zu schlagen. Gewinn hat er mit Amazon zuletzt zwar auch mal wieder nicht gemacht, aber seine Aktionäre stört das nicht.

Wer hat gegen Bezos Effizienzmaschine eine Chance?

Sie gewähren Amazon auch so gern eine Börsenbewertung von knapp 150 Milliarden Dollar. Denn sie glauben, dass gegen Bezos und die Effizienzmaschine Amazon, die alles über ihre Kunden weiß und immer schneller liefern kann, im Handel sowieso kaum jemand eine Chance hat. Oder vielleicht doch? Aber wer? Auf die Fragen gibt es keine klaren Antworten – selbst die Bischöfe, die über ihre Diözesen an der Weltbild-Gruppe beteiligt sind, haben auf ihrem jüngsten Treffen vor ein paar Tagen im hessischen Fulda keine gefunden.

Sie tagten in räumlicher Nähe zu zwei großen Auslieferungslagern von Amazon im nordhessischen Bad Hersfeld – und leben, wie so viele im Buchgeschäft, auch wegen der zahlreichen Bestellungen, die die „Picker“ und „Packer“ in diesen Lagern gut und manchmal sogar zu gut beschäftigen, nur noch von der Hoffnung: Für die kommenden beiden Jahre fehlen Weltbild dem Vernehmen nach 70 Millionen Euro Liquidität. Für die Bischöfe ist das ein Problem, für Amazon wäre so etwas ein Klacks.

Weltbild mit Stammsitz in Augsburg beschäftigt nach eigenen Angaben 6.800 Mitarbeiter. Der Umsatz belief sich nach den letzten, zum 30. Juni 2012 veröffentlichten Zahlen auf annähernd 1,6 Milliarden Euro. Das ist in etwa der Umsatz, den auch Amazon im vergangenen Jahr gemacht hat, aber allein in Deutschland und allein im Buchgeschäft.

Gegen Amazon sind Thalia und Weltbild winzige Tretboote

Insgesamt hat Amazon im vergangenen Jahr 61,1 Milliarden Dollar umgesetzt – hier begegnen sich also Welten. Amazon ist der Supertanker; Weltbild und sein deutscher Wettbewerber Thalia sind im Vergleich dazu winzige Tretboote, in denen einem bei Sturm durchaus schlecht werden kann. Michael Busch sitzt in dem Boot mit der Aufschrift Thalia. Er glaubt – natürlich – den richtigen Kurs zu kennen. Aber auch er muss Filialen schließen. Der Umsatz sinkt. Und wann wieder Gewinn gemacht wird, weiß er auch nicht.

Anfang 2012 hatte sich das Unternehmen dafür bis zu zwei Jahre Zeit gegeben; seither hat man solche Angaben nicht mehr gehört. Im Geschäftsjahr 2011/12 war ein Vorsteuerverlust von 175 Millionen Euro aufgelaufen. Von ursprünglich 290 Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden 20 geschlossen; zudem ziehen Läden in kleinere Flächen um. „Die Zeit der ganz großen Buchhandlungen ist vorbei“, hat Busch erkannt. Nur Jeff Bezos von Amazon kam dieser Gedanke gewiss schon einige Jahre früher.

An wenigen ausgewählten Standorten will Thalia noch Geschäfte mit einer Fläche von 2.000 Quadratmetern und mehr betreiben, aber das ist dann die Ausnahme. Und die Läden, die bleiben, entwickeln sich zu Mini-Kaufhäusern mit einer Produktpalette, die eher an eine Tchibo-Filiale als an einen gutsortierten Buchhändler erinnert: Spiele, CDs und DVDs, Markenshops für Bastelbedarf und Lederaccessoires.

Ein neuer Anlauf, mit Service und Kinderecke

Sieht so die Buchhandlung der Zukunft aus? Schon entfallen 25 bis 30 Prozent des stationären Geschäfts auf diese Zusatzangebote. Aber Amazon hat so etwas längst im Programm – und noch viel mehr. Bremsen können wird man die Amerikaner, die wegen diverser legaler Steuertricks zudem noch dem deutschen Fiskus ein Schnippchen schlagen, auch auf diesem Feld nicht.

Weltbild schlingert also, Thalia auch, und Hugendubel geht es nicht viel besser. Was bleibt? Vielleicht die Antwort von Birgit Lange-Grieving, die hier pars pro toto für verschiedene neue inhabergeführte Buchhandelskonzepte stehen soll? Auf so einen Gedanken kann man kommen, wenn man den Dortmunder Stadtteil Hörde besucht. Das ist in diesem Zusammenhang reizvoll, denn Hörde musste schon mehrere Jahre auf eine Buchhandlung verzichten. Ein Stadtteil mit mehr als 50.000 Einwohnern und einem großen Einzugsgebiet umliegender Dortmunder Stadtteile hatte für Bücher keine Anlaufstelle mehr, nachdem die alte Buchhandlung im Jahr 2008 ihre Pforten schloss. Nun wird ein neuer Anlauf gewagt, die Bücher sind nach Hörde zurückgekehrt.

Über dem Eingang der Buchhandlung steht: „transfer. bücher und medien“. Drei Buchhändlerinnen kümmern sich um die Kunden, die aber an einem großen Lesetisch auch stundenlang allein vor sich hin schmökern können. Für Kinder gibt es eine eigne Leseecke, dazu einen Veranstaltungsraum für Lesungen, die regelmäßig stattfinden und vom Publikum gut angenommen werden.

Die sehr persönliche „Buchhandlung des Jahres“

Um als Plattform Aufmerksamkeit zu bekommen, suchte sich die Buchhandlung Partner – Institutionen, Organisationen, aber auch einzelne lokal verankerte und bekannte Personen, die den Plattformgedanken mit Leben und Aktionen füllen. Deshalb bietet Transfer neben Events und literarischen Veranstaltungen ein Format mit dem Namen „Forum“ an, in dem Menschen aus Kunst, Wissenschaft, Technik und Handwerk über ihre Arbeit berichten, oder Workshops, die zum Mitmachen zu Projekten aus Kunst, Musik und Naturwissenschaften anregen. Alle Veranstaltungen werden über Eintrittsgelder finanziert.

Diese Art der Antwort hat Lange-Grieving gemeinsam mit ihrem Mann gefunden. Am 5. Juli 2011 hat sie ihr Geschäft eröffnet – und schon ein Jahr später wurde das Konzept von einer Fachzeitschrift auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Preis „Buchhandlung des Jahres“ in der Kategorie „Newcomer“ ausgezeichnet. Und wenn man Lange-Grieving unangemeldet einen Besuch abstattet, um zu schauen, wie persönlich die Buchhandlung nun wirklich ist, wird man prompt überrascht. Die drei Buchhändlerinnen, die für Lange-Grieving arbeiten, sind an diesem Tag im Kundengespräch; die Chefin aber ist spontan bereit, bei einer Tasse Kaffee aus dem hauseigenen Profi-Automaten über ihr Konzept Auskunft zu geben.

„Die Buchhandlung als Kommunikationsort etablieren“

„Ich möchte die Buchhandlung auch als Kommunikationsort etablieren“, sagt Lange-Grieving. Die „inhabergeführte Stadtteilbuchhandlung“ solle vor allem Familien und ein kulturinteressiertes Publikum ansprechen. Neben Belletristik, Krimi, Sachbuch, Kinder- und Jugendbuch, Comic und Manga ist, so wie es schon im Konzept stand, der Bereich „Architektur, Design und Kunst“ mit einer engagierten Auswahl vertreten.

Ein Jahr lang hatte die gelernte Verlagsfachfrau gemeinsam mit ihrem Mann Jochen Grieving, der hauptberuflich als Systementwickler in einem Dortmunder Versicherungsverbund tätig ist, an dem Konzept für die eigene Buchhandlung gearbeitet. Dazu gehörte eine genaue Analyse der kulturellen Einrichtungen im Stadtteil, ihrer Angebote und Defizite sowie parallel auch der Programme der Bildungseinrichtungen im gesamten Dortmunder Raum.

Untersucht wurde zudem die Vereinsstruktur, um das thematische Interesse am Ort in Erfahrung zu bringen. Gespräche mit den kommunalpolitischen Vertretern ergänzten diese Informationen und gaben Einblick in deren Einschätzung zur geplanten Buchhandelsneugründung: „Wir haben uns schließlich zeitgemäß und regional vernetzt aufgestellt“, sagt Lange-Grieving.

Zeitgemäß heißt für sie, dass die neue Buchhandlung ganz selbstverständlich nicht mehr nur auf das klassische gedruckte Buch setzt; digitale Inhalte haben ebenfalls einen hohen Stellenwert. So hat Lange-Grieving eine umfangreiche technische Medieninfrastruktur installiert, zeigt Beamerprojektionen im Schaufenster und experimentiert mit Medienendgeräten wie zum Beispiel Tabletcomputern und den entsprechenden Anwendungen. Über den eigenen Webshop werden zudem elektronische Bücher und entsprechende Reader angeboten.

Dafür, dass sich die Kunden im Geschäft wohl fühlen, sorgt unter anderem ein vier Meter langer, massiver Holztisch; hier können sich die Bücherinteressierten wie in einer Bibliothek fühlen. Und wer es richtig gemütlich haben möchte, für den findet jeden ersten Freitag im Monat eine „Buch nach acht“-Lesenacht statt. Dann können 15 Kunden nach Voranmeldung von 20 bis 24 Uhr stöbern und lesen.

Nur wer seine Kunden kennt, hat Erfolg

„Das ist sehr begehrt“, sagt Lange-Grieving, die Plätze für die Nächte seien immer ganz schnell weg. Ohne Zweifel bedient dieser Ansatz ein kleines Publikum in der Nische, aber immerhin. Und eines weiß Jochen Grieving nach einiger Zeit der Buchhandelserfahrung auch: „Unsere Branche braucht mehr Selbstbewusstsein und überzeugende Konzepte. Das Jammern über Amazon hilft nicht weiter.“

Das sehen zum Beispiel auch die Inhaber der Website „buch7.de“ so. Sie spenden und sponsern 75 Prozent ihres Gewinns für soziale, kulturelle oder ökologische Projekte. Neue Alternativen zu Amazon gibt es also – und glücklicher als die Manager von Weltbild und Thalia wirkt das Dortmunder Gründerehepaar, das angesichts der vielen Abendveranstaltungen in seinem Laden kaum noch einen Feierabend kennt, ebenfalls.

Für solche Gründer hätte gewiss auch Jeff Bezos Sympathie. Denn er weiß: Nur wer seine Kunden kennt, hat Erfolg. Ihm gelingt das für seine mehr als 180 Millionen aktiven Kunden mit der Hilfe einer riesigen Datensammlung in weit entfernten Rechenzentren. Doch vielleicht ist für den einen oder anderen das persönliche Gespräch auch in Zukunft durch nichts zu ersetzen.

Quelle: F.A.Z.
Carsten Knop - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Carsten Knop
verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung und Unternehmen.
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