Kommentar

Bücherrausch, Bücherkater

Von Georg Giersberg
 - 13:46

Die Buchmesse ist das eine, der deutsche Buchhandel das andere. In den kommenden Tagen wird in Frankfurt das Buch wieder gefeiert, mehr denn je wird die Buchmesse zum Festival. Ein neues „Bookfest“ wendet sich speziell an ein junges Publikum. In Zukunft sollen die Autoren noch stärker im Vordergrund stehen, das Publikumswochenende soll ausgebaut werden. Der amerikanische Erfolgsautor Dan Brown wird zu den Helden der Messe gehören, und das Fernsehen wird das „Literarische Quartett“ erstmals von der Buchmesse senden.

Die Öffentlichkeit will ihre Autorenlieblinge sehen und erleben. Die Vorbuchungen für Lesungen zur Messe lagen schon weit vor dem Termin dreimal höher als in früheren Jahren. Der Wunsch nach Literatur und nach Literaten ist also weiterhin ungebrochen. Alles spricht dafür, dass es wieder ein rauschendes Fest wird, zumal in diesem Jahr mit Frankreich ein sehr attraktives Gastland auftritt, das dem gesamten französischen Sprachraum auf der Messe eine größere Präsenz verspricht. Mehr als hundert deutsche Verlage präsentieren mehr als 500 Neu- oder Erstübersetzungen aus dem Französischen.

Der Umsatz sinkt weiterhin

Daraus aber auf eine ebenso berauschende Buchkonjunktur zu schließen wäre falsch, jedenfalls hierzulande. In Asien sieht das anders aus. Die deutsche Branche zittert dem Weihnachtsgeschäft mehr entgegen, als dass sie es mit großen Hoffnungen verbindet. Der Geschäftsverlauf dieses Jahres lässt nichts Gutes oder gar Großes mehr erwarten, selbst wenn der eine oder andere Bestseller aus der Herbstproduktion noch einschlagen sollte. Die angelsächsischen Autoren Dan Brown oder Ken Follett haben zwar durchaus das Zeug dazu, das Geschäft zu beleben, aber sie würden bestenfalls den Wegfall alter Bestseller ausgleichen, wie zum Beispiel die Harry-Potter-Bücher aus dem vergangenen Jahr.

Das Abebben der Harry-Potter-Konjunktur war denn auch mitverantwortlich dafür, dass vor allem der Umsatz mit Jugendbüchern in den vergangenen Wochen stark zurückblieb hinter dem Vorjahr. Dieser August war überhaupt ein Horrormonat für den Buchhandel, der Umsatz blieb insgesamt fast drei Prozent hinter dem des Vorjahresmonats zurück. Von Januar bis August war im deutschen Buchhandel damit ein Umsatzminus von einem halben Prozent gegenüber dem Vorjahr aufgelaufen – mit steigender Tendenz. Der Rückstand zum Vorjahr, das der stationäre Handel ebenfalls schon negativ abgeschlossen hatte, wird immer größer.

Der Online-Handel trifft nicht nur die Buchbranche

Dass die gesamte Buchbranche – Händler und Verlage – seit Jahren bei 9 Milliarden Euro Umsatz stagniert, liegt daran, dass Online-Versender – und hier an allererster Stelle Amazon – zulegen und damit wettmachen, was der stationäre Buchhandel verliert. Aber auch das wird immer schwieriger. Die jüngsten Zahlen signalisieren, dass insgesamt weniger Bücher gekauft werden.

Den 4700 Buchhandlungen – 3500 davon sind selbständige Geschäfte, der Rest Filialen – machen dabei nicht nur die Online-Versender Kopfzerbrechen, die ihnen Umsatz wegnehmen. Wer viel online kauft, gleichgültig ob ein Buch oder ein anderes Produkt, geht seltener in die Stadt. Den Einkaufsstraßen fehlt daher zunehmend das Laufpublikum und somit viele Spontankäufer. Die sinkende Kundenfrequenz ist inzwischen ein Hauptgrund für Unternehmensaufgaben im Buchhandel – neben der Konkurrenz durch den Online-Handel, der ungeregelten Unternehmensnachfolge oder steigenden Mieten. Aufgefangen wird die Buchhandlung vor Ort teilweise dadurch, dass ihr die Vielkäufer treu bleiben, die eher mehr als weniger kaufen. Aber das wird auf Dauer nicht reichen, um den Umsatzrückgang auszugleichen. Irgendwann ist die sinkende Kundenfrequenz tödlich für das stationäre Geschäft. Das ist natürlich eine Strukturfrage, die nicht nur den Buchhandel betrifft, sondern den gesamten stationären Einzelhandel.

Immer weniger kleine Buchläden überleben

Auch innerhalb der Branche setzt sich der Wandel fort. Zwei Drittel des Umsatzes entfallen heute auf nur noch zehn Prozent der Buchhandlungen. Das sind bundesweit führende Unternehmen wie Thalia, Weltbild oder Hugendubel sowie große Filialisten auf regionaler Ebene wie Mayersche, Osiander oder Rupprecht. Diese Unternehmen können von ihrer Größe her auch mit dem reinen Online-Handel konkurrieren. Viele kleinere Geschäfte können das nicht. Die Zahl der kleinen, selbständigen Einheiten ist in den vergangenen zehn Jahren stark gefallen.

Das alles wird auf der Messe eine Rolle spielen, aber eher in den Gesprächen hinter verschlossenen Türen oder am Rande. Äußerlich wird das rauschende Fest zu sehen sein, denn das Buch hat von seinem Status als Zeichen gesellschaftlicher Bedeutung bisher nichts verloren, in manchem aufstrebenden Land gewinnt es sogar noch hinzu. Das wird sich im kommenden Jahr mit Georgien als Gastland deutlich zeigen. Der Wunsch nach Literatur bleibt groß. Das ist das eine. Dass davon immer weniger Buchhändler leben können, das andere.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Giersberg, Georg (geg.)
Georg Giersberg
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.
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