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Kommentar

Großes Fressen in der Chemie

Von Bernd Freytag
© AP, F.A.Z.

Dreimal hatten sie ihr Gebot erhöht, dreimal lehnte das Management des niederländischen Chemiekonzerns Akzo Nobel die Offerte ab. Anfang Juni dann war Schluss: PPG wird Akzo Nobel nicht kaufen. Die Angreifer aus Amerika zogen ihr Gebot von 27 Milliarden Euro zurück. In der Öffentlichkeit löste die Übernahmeschlacht kaum Wellen aus. PPG, ein alter Chemiekonzern aus Pittsburgh, ist zu unbekannt. Akzo Nobel bringen die Menschen vielleicht noch mit dem Nobelpreis in Erinnerung. Dass das Zusammengehen der beiden den größten Farbenkonzern der Welt geformt hätte, wissen nur Fachleute.

Das neue iPhone, der neue „Dreier“ von BMW, werden breit diskutiert. Firmen, deren Produkte Toluol-2,4-diisocyanat heißen, schaffen es nur selten ins öffentliche Bewusstsein. Dabei sind weder Handys noch Autos ohne die Chemieindustrie denkbar. Und in dieser Industrie tobt seit Monaten der Bär. Fusionen und Übernahmen erreichten im vergangenen Jahr Rekordwerte, eine Verschnaufpause ist nicht zu erwarten. Einige Beispiele: Bayer übernimmt den amerikanischen Saatgutriesen Monsanto für 66 Milliarden Dollar, so viel hat noch nie ein deutsches Unternehmen für einen Firmenkauf ausgegeben. Das chinesische Staatsunternehmen Chem China verleibte sich den Schweizer Agrarchemiekonzern Syngenta für 43 Milliarden Dollar ein. Die beiden größten Chemieunternehmen der Vereinigten Staaten, Dupont und Dow Chemical, fusionieren, nur um sich danach in drei spezialisierte Gesellschaften aufzuteilen. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. In China könnten die Staatskonzerne Chem China und Sinochem auf Druck der Regierung zusammengehen, damit entstünde das größte Chemieunternehmen der Welt.

Die Fusionitis hat drei Gründe. Der erste ist simpel: Es ist das Geld, billiges Geld. Konzerne kaufen ihre Konkurrenten, weil sie es können. Die Firmenkassen sind gut gefüllt, die Bilanzen sauber, und Kredite gibt es nahezu umsonst. Geld heizt das Übernahmefieber aber noch an andrer Stelle an: „Aktive“ Geldanleger und Hedgefonds haben auf der Suche nach Anlagealternativen die Chemie entdeckt. Die über Jahre gewachsenen Industriekonglomerate bieten Finanzakrobaten eine Menge Angriffsfläche, eine Zerschlagung verspricht kurzfristige Rendite. Investoren dieses Kalibers stehen hinter der Fusion von Dow und Dupont, und sie haben das Management von Akzo bekniet, die PPG-Offerte anzunehmen. Ihr Druck hat gewirkt, der Aktienkurs stieg auch ohne Übernahme, weil sich Akzo in seiner Not zum Verkauf des Chemiegeschäfts entschied.

Amerika mausert sich dank billigem Gas zum Chemieweltmeister

Die zweiten Treiber der Übernahmewelle sind billiges Öl und billiges Gas. Seit die Amerikaner in großem Stil Schiefergas aus der Erde pressen, erlebt die Chemieindustrie in den Vereinigten Staaten eine Renaissance. In einer nie dagewesenen Investitionsoffensive entstehen neue Anlagen und Fabriken. Der Goldrausch lockt Unternehmen aus aller Welt an. Cracker, milliardenteure Großanlagen, in denen Öl und Gas zu Grundchemikalien verarbeitet werden, sind plötzlich Gewinnmaschinen. Die Schwemme an Massenchemikalien sorgt für weitere Investitionen in Anlagen zur Produktion höherwertiger Spezialchemikalien.

Öl- und Gascracker produzieren allerdings unterschiedliche Mengen unterschiedlicher Chemikalien. Manche Folgeprodukte werden dadurch rarer, andere noch billiger, das komplizierte Angebots- und Nachfrage-Gleichgewicht in der Chemie muss neu justiert werden. Sogar den Titel des Chemie-Exportweltmeisters hat Deutschland 2015 an die Vereinigten Staaten verloren – nicht an China, wo zwar mehr Chemikalien hergestellt, aber fast alle auch im Inland verbraucht werden.

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Billiges Gas und Öl unterspülen die althergebrachten Strukturen der Chemiewirtschaft noch an anderer Stelle. Die Ölförderländer, vor allem im Nahen Osten, müssen sich umstellen. Fallende Öleinnahmen zwingen sie dazu, mehr aus ihrem Öl zu machen und die Wertschöpfungskette in Richtung Chemie auszudehnen. Finanzstarke Staatskonzerne wie Sabic aus Saudi-Arabien oder IPIC aus den Vereinigten Arabischen Emiraten drängen an die Fleischtöpfe der Chemie und verändern die Spielregeln ein weiteres Mal.

Das Produkt folgt seinen Kunden

Der dritte Grund für den Tumult schließlich ist ein langfristiger. Auch in dieser Industrie verschieben sich die Machtzentren durch das starke Bevölkerungswachstum nach Asien. Die Chemie folgt ihren Kundenindustrien nach China, wo mittlerweile ein Drittel aller Chemikalien produziert wird. Dort aber verlangsamt sich das Wachstum. Die Investitionsoffensive der vergangenen Jahre hat teils erhebliche Überkapazitäten gezeitigt, die Margen sind unter Druck. Nicht nur Europäer, Amerikaner und Golf-Anrainer suchen jetzt neue Wachstumschancen jenseits ihrer Grenzen, auch die Chinesen zieht es ins Ausland. Zumal der chinesische Staat genaue Vorstellungen hat, wo und wann seine Konzerne sich Wissen durch Übernahmen zu sichern haben.

Der Kauf der Schweizer Hightech-Perle Syngenta war ein Weckruf, der auch den Letzten in Europa wachgerüttelt hat. Nur wer hellwach bleibt, wird überleben. Denn solange Geld und Öl billig bleiben, wird das große Fressen in der Chemie weitergehen.

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Zahlreiche Übernahmen, viele Fusionen: Die Chemiebranche wächst und wächst. Das hat drei einfache Gründe.
Quelle: F.A.Z.
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