Verspätungen

Deutsche Bahn fährt hinterher

Von Kerstin Schwenn, Berlin
 - 12:38

Als Bahnchef Richard Lutz Ende Juli die Halbjahreszahlen der Deutschen Bahn präsentierte, klang alles noch so positiv. Immer mehr Fahrgäste säßen in den Zügen, freute sich Lutz, und auch in Sachen Pünktlichkeit sei der Konzern „auf Kurs“. Tatsächlich lag die Pünktlichkeitsquote im Fernverkehr im ersten Halbjahr bei 81,1 Prozent – und damit leicht über den für das ganze Jahr angestrebten 81 Prozent. Lutz hatte auch eine Erklärung für den Pünktlichkeitsgewinn parat: Die Bahn habe intensiv daran gearbeitet, die Baustellen so zu managen, dass der Verkehr von ICE und IC möglichst wenig beeinträchtigt werde. Regional- und Fernverkehr stimmten sich viel enger als früher mit der Infrastruktur ab.

Der Optimismus des Bahnchefs verhallt jedoch beim Blick auf die aktuelle Lage: Im August fuhren nur 76,3 Prozent der Fernzüge der Deutschen Bahn pünktlich – also mit weniger als sechs Minuten Verspätung. Auch im Juli lag die Quote nur bei 76,3 Prozent. Schon zum Ende des Halbjahres hatte sich die überraschend enttäuschende Entwicklung abgezeichnet: Für Juni meldet die Bahn im Fernverkehr eine Pünktlichkeit von 76,5 Prozent und im Mai von 77,2 Prozent. Das ist weniger, als der Bahnvorstand sich an Qualitätsverbesserung im Rahmen des Programms „Zukunft Bahn“ vorgenommen hatte. Nur im Januar, Februar und April wurde die Zielmarke von 81 Prozent übertroffen, da teilweise aber deutlich, wie im Februar mit 86,4 Prozent. Im Regionalverkehr sehen die Zahlen der Bahn wie üblich besser aus: Dort fahren durchweg mehr als 94 Prozent der Züge pünktlich.

Für Personenverkehrsvorstand Berthold Huber ist das nur ein schwacher Trost. Im Jahr 2016 hatte die Bahn 78,9 Prozent ihrer Fernzüge pünktlich ans Ziel gebracht – und damit das Ziel von 80 Prozent verfehlt. Nach acht Monaten liegt die Pünktlichkeit mit 79,8 Prozent im laufenden Jahr wieder unter dieser psychologisch wichtigen Marke. Somit droht der Vorstand wieder die Latte zu reißen – auch ohne viel Sturm und Streik, die in früheren Jahren schon oft die Pünktlichkeits-Planung verdorben haben.

Baustellen und Anschläge verzögern Betrieb

Dabei hatten Lutz, Huber und Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla vorsorglich Einbußen in den Sommermonaten eingepreist. „Im Juli und August werden wir zeitweise bis zu 1000 Baustellen am Tag im Netz haben. Das geht nicht störungsfrei“, hatte Pofalla angekündigt. Außerdem habe die Bahn mit dem Bund vereinbart, bis Ende 2019 insgesamt 875 Brücken zu erneuern. Damit seien oft zwingend Streckensperrungen verbunden. Um die Baustellenplanung zu optimieren, hat Pofalla ein Lagezentrum eingerichtet, das sich jedoch erst im Aufbau befindet. Die Bahn ist in einem Dilemma: Sie muss bauen, um den Investitionsstau aufzulösen. Doch dadurch behindert sie den laufenden Betrieb – und senkt damit die Attraktivität des Bahnfahrens für die Kunden.

Dass die Pünktlichkeitswerte schon im Frühsommer stärker einbrachen als gedacht, führt die Bahn auch auf mehr als ein Dutzend Anschläge auf Bahnanlagen rund um den G-20-Gipfel in Hamburg zurück. Deswegen kam es zu erheblichen Verspätungen und Zugausfällen. Mitte August verübten Unbekannte zudem Brandanschläge auf Bahnanlagen in der Nähe von Berlin; die Züge aus der Hauptstadt nach Hamburg und Hannover mussten tagelang umgeleitet werden.

Nach den baustellenreichen Sommermonaten verbessert sich üblicherweise die Pünktlichkeitsquote im Herbst. Dieses Jahr könnte es anders kommen: Auf der Hauptachse der Rheintalbahn in Rastatt ist, nachdem an der Tunnelbaustelle die Gleise verrutschten, seit Mitte August Stillstand. Nicht nur Güterzüge müssen Umwege fahren, sondern Fahrgäste müssen auf Busse im Ersatzverkehr umsteigen. Frühstens am 7. Oktober soll auf der Strecke wieder Normalität einkehren. Für den Endspurt in Sachen Pünktlichkeit bleiben dann noch knapp drei Monate.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schwenn, Kerstin
Kerstin Schwenn
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
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