Gründer in Deutschland

Verlasst die Höhle!

Von Jonas Jansen
 - 12:25

Die jüngste gescheiterte Start-up-Idee aus Hannover hat mit Carsten Maschmeyer zu tun. Der recht berühmte Sohn der Stadt wollte nämlich mit einer Fernsehsendung namens „Start Up“ den immensen Erfolg der Gründershow „Die Höhle der Löwen“ nachahmen. Das ging allerdings gehörig nach hinten los: Wegen viel zu schwacher Quoten schmiss Sat 1 die Sendung schnell wieder aus dem Programm, da half auch nicht, dass Maschmeyer zu Werbezwecken auf dem Kurznachrichtendienst Twitter 10 000 Euro an die Person auslobte, die ihn besonders kreativ beleidigte.

Nun gehört Scheitern zum Erfolg dazu, und Maschmeyer darf immerhin auch in dem Vox-Format, das von Herbst an in der nun fünften Staffel wohl wieder Millionen an die Bildschirme locken wird, als Löwe sein Urteil zu den Gründern abgeben. Und doch schicken sich in Hannover einige Jungunternehmer an, es besser zu machen als der Investor, um nicht wieder schnell in der Versenkung zu verschwinden.

Noch bis zum 15. Juni findet im Rahmen der Cebit nämlich abermals der Start-up-Wettbewerb Scale 11 statt. Dort präsentieren sich Hunderte Start-ups und treffen auf schon etablierte Unternehmen und Investoren. Um Aufmerksamkeit für gute Gründungsideen zu bekommen, braucht es in Deutschland längst nicht mehr Fernsehshows, in denen Unternehmer sich der Dramaturgie von Privatsendern unterwerfen müssen.

Zwar ist die „Höhle der Löwen“ bei vielen Gründern immer noch sehr beliebt, weil die Zugriffszahlen auf die Online-Shops der Start-ups am Tag der Ausstrahlung für gewöhnlich in die Höhe schießen. Doch um nachhaltigen Erfolg zu haben, gehört einiges mehr dazu, vor allem ein solides Netzwerk.

Ein solches soll der Start-up-Wettbwerb aufbauen. Bei Scale 11 verabreden sich Start-ups mit potentiellen Geldgebern zum „Speeddating“, um ihre Ideen vorzustellen, sie erzählen auf sogenannten „Fuckup Nights“ von ihren größten Misserfolgen als Gründer und treffen auf der Expo an ihren Ständen die Besucher der Cebit.

Zahl der Gründer geht zurück – doch das muss Start-ups nicht sorgen

Die Jungunternehmer gehören zu einer schrumpfenden Gruppe in Deutschland, rein von den Zahlen betrachtet: So wagten im vergangenen Jahr laut Gründungsmonitor der KfW-Bank gerade mal 557 000 Menschen den Schritt in die Selbständigkeit, 17 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die meisten betreiben ihr Unternehmen zudem nur im Nebenerwerb. Vollzeitgründer gab es nur 234 000.

Rund um die Jahrtausendwende, als der Neue Markt blühte, gründeten noch weit mehr als eine Million Menschen im Jahr ein Unternehmen. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist diese Zahl drastisch gesunken. Aber vor allem der wirtschaftliche Aufschwung in den vergangenen Jahren hat das Gründungsgeschehen beeinträchtigt. Denn dadurch, dass fast alle Unternehmen händeringend nach Fachkräften suchen, ist der Anreiz gering, sich mit einer Unternehmensgründung in die Unsicherheit zu stürzen.

Informatiker sind zum Beispiel überall gefragt, da liegt es nicht auf der Hand, ein Tech-Start-up zu gründen. Auch deshalb will das Bundeswirtschaftsministerium die Zahl der Gründer in Deutschland in die Höhe treiben. Gemeinsam mit der KfW hat es das Internetportal „Gründerplattform“ aufgesetzt. Das soll dabei helfen, einen Geschäftsplan aufzustellen und Förderkredite zu beantragen.

Deshalb davon auszugehen, dass es um Start-ups in Deutschland schlecht bestellt ist, wäre allerdings falsch. In ganz Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren ein gesundes Ökosystem für Start-ups entwickelt, mit Schwerpunktzentren rund um die Universitäten in den verschiedenen Großstädten. Absolventen vom Karlsruher Institut für Technologie gründen eher Unternehmen mit Ingenieurs-Schwerpunkt, in München gibt es einen starken Biotechnologie-Cluster, in Frankfurt dominieren die Fintechs, die den Banken ihr klassisches Geschäft abnehmen wollen.

Und Berlin ist auch für Gründer aus ganz Europa ein Magnet – die Hauptstadt profitiert weiterhin von ihrer Internationalität, stark steigenden Mieten zum Trotz. Junge Arbeitskräfte und eine freundlich gestimmte Regulierung für Start-ups und Risikokapitalgeber ziehen beide Gruppen an.

Vor allem für frühe Phasen des Wachstums ist ausreichend Geld da

Dort fließt auch das meiste Geld hin: Im vergangenen Jahr haben 208 Jungunternehmen aus Berlin zusammengenommen knapp 3 Milliarden Euro bekommen und damit fast dreimal so viel wie im Vorjahr. Das geht aus einer Auswertung der Beratungsgesellschaft EY hervor. Damit sind 69 Prozent der bundesweit investierten Summe von 4,3 Milliarden Euro in Start-ups in der Hauptstadt geflossen.

Doch auch mit Blick auf ganz Deutschland war die Höhe der Investitionssumme so hoch wie nie zuvor. So sagt auch Christian Saller, General Partner von Holtzbrinck Ventures: „Für Start-ups in frühen Phasen ist das Geld heute tatsächlich nicht mehr knapp. Insbesondere an den beiden Kernstandorten Berlin und München gibt es inzwischen eine sehr vitale Szene. Jedes Start-up in einer frühen Phase mit einem überzeugenden Konzept und Team wird heute auch finanziert!“

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Holtzbrinck Ventures hat Anfang des Jahres einen neuen, siebten Fonds über 306 Millionen Euro geschlossen. Binnen drei Monaten war genügend Geld vorhanden. Holtzbrinck verwaltet damit nun mehr als eine Milliarde Euro an Investorenkapital für Start-ups und gehört damit zu den größten Fonds in Deutschland.

Der neue Fonds soll vor allem auch für Wachstumsfinanzierungen verwendet werden. Dort sei das Kapital nämlich noch knapp, auch weil in diesem Bereich noch wenig deutsche Fonds aktiv seien. „Hier nimmt allerdings die Aktivität internationaler Fonds zu, so dass zumindest die Top-Start-ups kein Problem haben, an Kapital für Wachstumsfinanzierungen zu kommen“, sagt Saller.

Der Markt für Finanzierungen ist inzwischen global

Damit gemeint sind Jungunternehmen wie die Gebrauchtwagenplattform Auto 1, die zuletzt 460 Millionen Euro einsammeln konnte. Anfang des Jahres hatte das japanische Technologiekonglomerat Softbank angekündigt, über seinen Vision Fund genannten Investitionsfonds in Auto 1 zu investieren. Das war nicht nur die bisher höchste Finanzierung für ein deutsches Start-up, sondern auch die erste Investition von Softbank in Deutschland. Seitdem wird Auto 1 mit 2,9 Milliarden Euro bewertet, durch den Börsengang des Musikstreamingdienstes Spotify sind die Berliner das wertvollste nicht börsennotierte Start-up aus Europa.

In Auto 1 investiert ist auch der Risikokapitalgeber Target Global. Die Investoren haben sich in Deutschland in Berlin niedergelassen. Yaron Valler, einer der General Partner von Target Global, schätzt das Netzwerk in der Hauptstadt. Doch er sagt auch: „Der Markt für Finanzierung ist heute global, in dieser Form hat er vor 15 Jahren noch nicht existiert.“ Deutsche Start-ups kämen heute leichter an Geld aus Asien oder Amerika. „Deutschland ist interessant, weil es hier so viele verschiedene Start-ups gibt, zum Beispiel Industrie-, Fintech- oder Software-Start-ups und es daher auch verschiedene Start-up-Hubs gibt“, sagt Valler.

Was der Region hingegen noch fehle, seien Start-ups, die grundlegende Technologie entwickeln. „Deutschland hat sehr gute Ingenieure, aber die Start-ups besetzen noch nicht jede Lücke, die die Wirtschaft zu bieten hat. Das ist schade.“ Die Berliner Start-up-Szene etwa fokussiert sich stark auf Produkte, die direkt an Endkunden gehen und zusätzlich auf Plattformen. Auch deshalb sind die Gründungen aus der Hauptstadt häufig bekannter, als die Konkurrenz aus anderen deutschen Städten, weil sie viel mehr Werbung machen.

Der unbedingte Wille zum Wachstum

Start-ups aus Berlin wie der Kochboxenversender Hello Fresh oder die Möbelplattform Home 24 hatten daher auch wenig Schwierigkeiten, Investoren für ihre Geschäftsmodelle zu finden. Um noch mehr frisches Geld einzusammeln, ist Hello Fresh im vergangenen Jahr an die Börse gegangen. Home 24, das ebenso wie das Kochboxen-Start-up mehrheitlich der Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet gehört, plant den Sprung aufs Parkett für den 15. Juni.

So weit ist freilich noch keines der Start-ups, das sich in Hannover präsentieren wird. Zwei Jungunternehmer aus Köln stellen dort etwa zum ersten Mal ihren Prototypen eines E-Scooters mit dem Namen „Steereon“ vor. Auf die Straße kommen soll das Gefährt frühestens im nächsten Jahr. Was die Gründer mit ihren schon recht umsatzträchtigen Vorbildern eint, egal ob sie nun in München, Frankfurt oder Berlin ihr Geschäft aufziehen, ist der unbedingte Wille zum Wachstum.

Um das zu finanzieren, brauchen sie freilich Kapital. Wie sie daran kommen, verrät Yaron Valler von Target Global: „Wir suchen sehr ambitionierte Gründer, die ihren Markt genau kennen“, sagt er. Er wolle nicht hören, dass der Markt zwischen 2 und 10 Milliarden Euro groß sei, das müsse konkreter gehen. „Außerdem müssen sie sich anpassen können.“ Neun von zehn Start-ups müssten ihr Geschäftsmodell verändern. „Jede Neugründung durchläuft irgendwann einmal schwierige Zeiten, darauf müssen sie sich einstellen“, sagt Valler.

Bevor es zu den Vorstellungsrunden bei den großen Geldgebern geht, sollten die Gründer indes ihren Pitch gründlich üben. Auf Schwächen prüfen können sie ihn auf der Cebit im Ring: Denn beim sogenannten „Founders Fight“ nehmen andere Gründer als Gegner in einem Kampf die Geschäftsmodelle kritisch unter die Lupe. Nur wer die Kritik gut kontern kann, kann dort bestehen.

Quelle: F.A.Z.
Jonas Jansen
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.
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