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Doc Morris muss Video-Apotheke schließen

Von Susanne Preuß, Stuttgart
 - 16:53

Der Versandhändler Doc Morris hat nicht lange Erfahrung mit der Video-Apotheke sammeln können: Nachdem das Pilotprojekt am Mittwoch im baden-württembergischen Hüffenhardt startete, ist es schon wieder beendet. Die Räumlichkeiten wurden von den Doc-Morris-Mitarbeitern nach Aufforderung durch Mitarbeiter des Regierungspräsidiums Karlsruhe am Freitagnachmittag geschlossen.

Die Behörde hat Einwände gegen diese besondere Apotheke geltend gemacht: „Die Automatenabgabe verwischt in unzulässiger Weise die Grenze zwischen dem Versandhandel und der Abgabe von Arzneimitteln in einer Präsenzapotheke.“ Die Abgabe der Medikamente sei nicht von der Versandhandelserlaubnis für Doc Morris gedeckt, heißt es. Dazu müsste der individuelle Versand aus einer öffentlichen Apotheke erfolgen.

„Jetzt werden Politiker und Gerichte entscheiden müssen“, sagte Max Müller vom Doc-Morris-Vorstand der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er deutete damit an, dass der Fall für die Branche grundsätzliche Bedeutung hat. Für den Versandhändler aus dem niederländischen Heerlen ist das Projekt in Hüffenhardt ein Modell für die zukünftige Versorgung ländlicher Räume. Überall, wo sich mangels dichter Bevölkerung keine Präsenzapotheke halten könne, wäre eine Video-Apotheke wie in Hüffenhardt denkbar, sagte Müller – halb Europa käme also dafür potentiell in Frage. Ein entsprechendes Angebot gibt es aber bisher noch nirgends.

Hallo von der „Welcome-Managerin“

Seit Anfang 2016 ist das System von Doc Morris entwickelt worden. Gemeinsam mit der Telekom hat man ein verschlüsseltes Videosystem aufgebaut, das mit einem Automaten zur Ausgabe der Medikamente verknüpft ist. Seit Mittwoch wurden erste Kunden in Hüffenhardt bedient, technisch unterstützt durch eine von Doc Morris sogenannte „Welcome-Managerin“. Der eigentliche Beratungsvorgang durch pharmazeutisches Fachpersonal erfolgt aber über Video. Die Gesprächspartner sitzen bei Doc Morris in Heerlen und geben die erforderlichen Medikamentenpackungen frei, „über den digitalen Arm“, wie Müller das umschrieb, kontrolliert noch einmal durch eine Kamera. Vorrätig sind in Hüffenhardt 8000 verschiedene Arzneimittel und 500 gekühlte Präparate.

„Wir glauben weiterhin, dass man in Deutschland digitale Projekte zum Wohle aller umsetzen kann“, lautet die Reaktion aus dem Hause Doc Morris auf die Schließung des Projekts. In Baden-Württemberg sei ausdrücklich im Koalitionsvertrag der grün-schwarzen Regierung festgehalten, dass für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum auch digitale Lösungen erprobt werden sollen, gab Müller zu bedenken.

Sein Angebot an den grünen Sozialminister Manfred Lucha, das Projekt einmal vorzustellen, habe dieser aber nicht angenommen, berichtete Müller. Lucha verweise darauf, dass man bewährte Strukturen erhalten wolle. Außerdem könne ein automatisiertes System das persönliche Gespräch nicht ersetzen. Diesem Argument widersprach Müller. Die Video-Verbindung ermögliche ja das Gespräch. Es handele sich nicht einfach um einen Automaten.

Quelle: F.A.Z.
Susanne Preuß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Susanne Preuß
Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.
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