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Elektroautos

Ende einer Weltrekordfahrt

Von Thiemo Heeg
© Picture-Alliance, F.A.Z.

Mit seiner Weltrekordfahrt ist Mirko Hannemann weit gekommen. Zunächst per Elektroauto von München nach Berlin, immerhin 605 Kilometer. Und das, ohne die Batterie einmal nachzuladen. Am Abend dieses denkwürdigen Tages im Oktober 2010 schließlich bis in die „Tagesschau“. Schöne Fotos mit dem damaligen Wirtschaftsminister beweisen, dass Rainer Brüderle den damals erst 27 Jahre alten Jungunternehmer wirklich ins Herz geschlossen hatte. Schließlich hatte Hannemann offenbar etwas entwickelt, an dem zuvor eine ganze Branche gescheitert war: Einen Akku für Elektromobile, der tatsächlich praktikabel ist.

Schnell jedoch wurden Zweifel laut. Diese Fahrt eines umgebauten Audi A2 mit Akkus namens Kolibri sei „ein nicht erklärtes Wunder“, resümierte der ADAC. „Ist der Kolibri eine Ente?“, fragte sich damals die F.A.Z., sie war mit ihrer Skepsis nicht allein. Andere Medien machten den „großen Batterie-Bluff“ aus und räsonierten, ob Hannemann, der sich als Bill Gates der Elektromobilität inszeniere, jetzt ein Blender oder ein Wunderkind sei. Die Sache nicht besser machte die Tatsache, dass das Testauto wenig später in einer Berliner Lagerhalle in Flammen aufging.

Lange Zeit war nicht mehr viel von Hannemanns Unternehmen DBM – was eine Abkürzung für „Die Basis für morgen“ sein soll – und seiner Kolibri-Batterie zu hören. Erst im vergangenen Jahr suchte der Erfinder wieder das Licht der Öffentlichkeit. Er habe die Zeit genutzt, um sein Start-up mit Hilfe des Unternehmensberaters und einstigen AEG-Managers Helmuth von Grolman „vollkommen umzubauen“, hieß es. Tatsächlich gab es zwischenzeitlich einige Tests, die die Sicherheit der Batterien bestätigten.

Das Unternehmen wirft ihm einen „Griff in die Kasse“ vor

Und im vergangenen Sommer konnte das Unternehmen, das inzwischen als Kolibri Power Systems AG firmiert, sogar einen echten ökonomischen Erfolg aufweisen. Qatar Airways bestellte für den Antrieb von Gepäckwagen auf dem neuen Flughafen von Doha 70 Hochleistungsspeicher „made in Germany“ – Batterien, die auch „bei den hohen Wüstentemperaturen extrem leistungsfähig bleiben“, wie Kolibri wirbt. Das Bundeswirtschaftsministerium hatte den Erfinder schon während der Rekordfahrt gefördert. Und dementsprechend freute sich Staatssekretärin Brigitte Zypries über das knapp zwei Millionen Euro schwere Arabien-Geschäft, als sei es ein Milliardendeal: „Der Auftrag ist aus industriepolitischer Sicht ein wichtiges Signal.“

Ende gut, alles gut? Leider nicht. Hannemann wurde Ende März fristlos gefeuert, wie Kolibri-Vorstand Grolman der F.A.Z. auf Anfrage bestätigte. Hannemann habe seine Kompetenzen als Gesellschafter und Geschäftsführer missbraucht. Das Unternehmen wirft Hannemann einen „Griff in die Kasse“ vor – mehrfach, systematisch und seit 2012. Der dadurch entstandene Schaden wird auf zwei bis fünf Millionen Euro geschätzt. Dem Erfinder, der zuletzt als Geschäftsführer der Technologie-Tochtergesellschaft DBM Energy arbeitete, wurde Hausverbot erteilt. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft nach einer Strafanzeige des Unternehmens.

Kolibri steckt nun in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation, wie es in einem Informationsbrief an Kunden und Geschäftspartner heißt. Der Vorstand hat ein Insolvenzverfahren beim Amtsgericht Charlottenburg beantragt. Ziel sei eine Restrukturierung im Wege einer übertragenen Sanierung. Wer mit Grolman spricht, spürt den Ärger und die Enttäuschung über Hannemann. Zugleich will der Manager das Unternehmen keinesfalls aufgeben: „Wir haben uns in den vergangenen vier Jahren zu einem Spezialanbieter für stationäre Batteriespeichersysteme und Traktionsbatterien entwickelt und sind fest entschlossen, diesen Weg in neuer Konstellation erfolgreich weiter fortzuführen.“

Auf dem Spiel stehen die Arbeitsplätze von 30 Mitarbeitern – alle „hochkompetent und unglaublich motiviert“, sagt Grolman. Er verweist zugleich darauf, dass die technische Entwicklung, die Produktion und der Vertrieb nicht beeinträchtigt seien und alle Stellen erhalten bleiben sollen. Und Hannemann? Für einen Kommentar war er zunächst nicht zu erreichen. Aus seinem Umfeld ist zu hören, dass er mit dem Geld ein recht luxuriöses Leben geführt habe. Von Helikoptern und 1000-Euro-Übernachtungen ist die Rede. Schließlich sei ihm das alles offenbar zu Kopf gestiegen: Ende einer Weltrekordfahrt.

© dpa, Deutsche Welle
Quelle: F.A.Z.
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