Ermittlungen gegen Audi-Chef

Jetzt wird der VW-Aufsichtsrat aktiv

Von Christian Müßgens, Hamburg
 - 18:18

Am kommenden Montag ist es wieder soweit. In Wolfsburg trifft sich der Aufsichtsrat des VW-Konzerns zu seiner regulären Sitzung. Die Themen sind breit gefächert. Neben dem laufenden Geschäft wird es vor allem um die Aufarbeitung des Dieselskandals gehen. In diesem Kontext ist jetzt ein weiterer, unschöner Punkt hinzugekommen, über den die Kontrolleure um den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch sprechen wollen: Die Betrugsermittlungen gegen den Vorstandsvorsitzenden der Tochtergesellschaft Audi, Rupert Stadler.

Wie die Staatsanwaltschaft München II in dieser Woche mitgeteilt hatte, hat sie ihre schon seit längerem laufenden Ermittlungen gegen Mitarbeiter von Audi jetzt auch auf Stadler und ein weiteres amtierendes Mitglied des Audi-Vorstands ausgeweitet. Dabei handelt es sich nach Informationen der F.A.Z. um den Einkaufsvorstand Bernd Martens. Wie aus Konzernkreisen zu hören war, will der Aufsichtsrat von den hausinternen Juristen erfahren, was genau die Ermittler in der Hand haben.

Eine Abberufung Stadlers steht aber offenbar nicht zur Debatte, denn noch halten die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch ihm die Treue. „Erst wenn die Staatsanwaltschaft offiziell Anklage erhebt, könnte sich daran etwas ändern“, sagt ein Vertrauter der Familien, der nicht genannt werden will.

Noch kann sich Stadler an der Spitze halten

Die Ermittler werfen Stadler Betrug und „mittelbare Falschbeurkundung“ vor. Konkret soll er es versäumt haben, nach Bekanntwerden des Dieselskandals im Jahr 2015 dafür zu sorgen, dass in Europa nicht länger Fahrzeuge mit manipulierter Abgastechnik in Verkehr kommen. Es geht also nicht um die technische Entwicklung und den Einbau von Manipulations-Software in früheren Jahren, sondern um den Umgang mit der Krise, der aus Sicht vieler Kritiker zu abwartend und zögerlich war. Stadler hingegen sieht sich zu Unrecht am Pranger. Er hat bislang stets betont, sich immer an Recht und Gesetz gehalten zu haben.

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Der 55 Jahre alte Manager steht schon seit längerem in der Diskussion. Schließlich gilt Audi als Keimzelle des Dieselskandals, wurde hier doch jene Betrugssoftware für die Drei-Liter-Dieselmotoren entwickelt, mit denen später auch die Marken Volkswagen und Porsche auffällig wurden. Während die Affäre den früheren Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn den Posten kostete, konnte Stadler sich bislang an der Audi-Spitze halten. Aus Sicht der Familien hat er sich durch seine Leistung in früheren Jahren bewährt. Auch der VW-Vorstandsvorsitzende Herbert Diess, der im April die Nachfolge von Matthias Müller in Wolfsburg antrat, setzt für die Runderneuerung des Konzerns neben anderen Managern auch auf den erfahrenen Stadler.

VW verpasst sich neue Unternehmenskultur

Selbst wenn offiziell Anklage erhoben wird, heißt das nicht automatisch, dass Stadlers Zeit an der Audi-Spitze vorbei ist. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, könnte der Aufsichtsrat ihm auch dann noch das Vertrauen aussprechen – und zwar aus klarem Kalkül: Wer auch immer sein Nachfolger würde, müsste mit der Gefahr leben, dass weitere Abgasmanipulationen ans Licht kämen. Dadurch würde jede neue Führungskraft sofort beschädigt, zitiert die Agentur eine mit den Überlegungen vertraute Person. Stadler wird also vorerst weiter gebraucht, auch wenn es mittelfristig zu einem Wechsel an der Audi-Spitze kommen könnte.

VW wollte sich zu dem Thema am Donnerstag nicht offiziell äußern. Für alle Beschuldigten gelte zunächst die Unschuldsvermutung, hatte es zuletzt in Wolfsburg geheißen. Dort steht das Thema Ethik und Compliance, also regelkonforme Unternehmensführung, im Moment hoch im Kurs, besonders seit sich das Unternehmen gegenüber den amerikanischen Behörden bereit erklärt hat, einen offiziellen Aufseher, den sogenannten Monitor, ins Unternehmen zu lassen.

In Abstimmung mit diesem externen Fachmann hat der Konzern jetzt eine neue Initiative namens „Together 4 Integrity“ entwickelt, die alle bisherigen Programme unter einem gemeinsamen Dach zusammenfassen soll. Damit verbunden ist ein konkreter Katalog aus 110 Kriterien, der den Fortschritt in Sachen Compliance konkret messbar machen soll. Auch der Vorstandsvorsitzende Diess hatte zuletzt mehrfach hervorgehoben, VW brauche eine neue Unternehmenskultur.

Quelle: F.A.Z.
Christian Müßgens
Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
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