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Transfermarkt dreht durch

220 Millionen Euro auf Wanderschaft

Von Michael Ashelm und Uwe Marx
© dpa, F.A.Z.

Auch die Aktionäre von Borussia Dortmund gehören zu den großen Gewinnern der aktuellen Fußball-Hausse. Ihr einst zum Pennystock verkümmertes Papier stieg in dieser Woche auf Kurse von mehr als 6,60 Euro, so hoch hatte die Aktie zuletzt Anfang September 2001 gestanden. Innerhalb eines Jahres legte der Wert um mehr als 62 Prozent zu. Schub erhält der Anteilsschein des einzigen börsennotierten Fußballklubs in Deutschland von der vielen Phantasie im Markt: durch rasant steigende Fernsehgelder für die Übertragungen aus Bundesliga, englischer Premier League oder spanischer Liga, aufgrund investitionsfreudiger Klubbesitzer und Werbepartner, aber auch durch die riesige Nachfrage der Fans für das Produkt Premiumfußball.

Der Neymar-Deal hat dem nochmal die Krone aufgesetzt. Der brasilianische Dribbler wurde von den Scheichs aus Qatar für eine gigantische Ablösesumme von mehr als 220 Millionen Euro vom FC Barcelona zu ihrem Klub Paris Saint-Germain gelotst – und könnte eine einzigartige Kettenreaktion auslösen. Dieser Betrag sei jetzt im Fußballkreislauf, so der Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge gegenüber dieser Zeitung. „Barcelona wird einkaufen. Sie wollen ja offensichtlich Dembelé aus Dortmund. In der Folge würde der BVB wieder neu investieren. Und so weiter, und so fort.“ Die Erfahrung zeige, dass die Ablösesummen und Gehälter durch solche außergewöhnlichen Geschäfte weiter steigen.

So gräbt Barcelona jetzt am 20 Jahre alten französischen BVB-Juwel Ousmane Dembelé. Auch dass der Spieler am Donnerstag nicht zum Training der Dortmunder erschien und seinen Wechsel zum spanischen Weltklub trotz laufenden Vertrags mit seinem Berater offenbar bis zum Schluss der Transferperiode Ende August erzwingen will, sorgte für ein Plus der BVB-Aktie – und für eine Reaktion des Vereins, der sich per Ad-hoc-Meldung vorerst gegen den Transfer stellte. Taxiert wird die von Barcelona zu zahlende Ablösesumme auf 100 bis 120 Millionen Euro. Die Preisentwicklung überschlägt sich und wird durch den globalen Investitionsboom im Fußball angetrieben. Aktien von Fußballklubs steigen seit einiger Zeit wieder. Der Football-Stoxx-Index, der verschiedene Werte beinhaltet, gewann in einem Jahr mehr als 25 Prozent.

2016 mehr als 4 Milliarden für Spielertransfers

Inzwischen bietet auch die chinesische Liga für Stars aus Europa mit und verschärft den Wettbewerb. Im vergangenen Sommer galt der Wechsel des französischen Nationalspielers Paul Pogba für 105 Millionen Euro von Juventus Turin zu Manchester United als teuerster Transfer der Fußballgeschichte. Jetzt ist es Neymar. Vielleicht ist schon bald jemand bereit, die festgeschriebene Ablösesumme für den portugiesischen Superstar Cristiano Ronaldo an Real Madrid zu zahlen – Eine Milliarde Euro. Es passte zum Trend: 2016 wurden global mehr als 4 Milliarden Euro für Spielertransfers ausgegeben.

In der Bundesliga sorgt diese Entwicklung eher für Entrüstung und Sorge. Der poetischste Satz dazu kam aus Freiburg, wo Trainer Christian Streich sagte: „Der Gott des Geldes wird immer größer, und irgendwann verschlingt er alles.“ Axel Hellmann, Vorstandsmitglied von Eintracht Frankfurt, nannte Neymars Transfer „absurd in der Größenordnung“. Allerdings lässt der Rechtsanwalt durchblicken, dass der Trend zu immer höheren Ablösesummen wohl nicht zu stoppen ist. „Ich habe auch bei 40 Millionen Euro gedacht, das ist absurd. Und bei 80 Millionen und bei 120 Millionen“, sagt er. „Wir werden irgendwann bei 500 Millionen Euro sein und dann bei einer Milliarde. Dann werde ich auch sagen: Das ist absurd.“

„Die Flut hebt alle Boote“

Dass die gewaltige Summe nicht nur die großen Vereine durchschüttelt, die sich gegenseitig ihre Besten abspenstig machen, verdeutlicht Heribert Bruchhagen. Der Bundesliga-Routinier ist seit fast 30 Jahren in der ersten Liga aktiv, bis vor kurzem bei Eintracht Frankfurt, seit Ende vergangenen Jahres beim Hamburger SV, jeweils als Vorstandsvorsitzender. Bruchhagen nennt eine fiktive Verwertungskette, in der die Millionen von Verein zu Verein weitergereicht werden, die Gehälter explodieren und Verhandlungen immer schwieriger werden, weil jeder weiß, dass viel Geld im Markt ist: „Barcelona hat 200 Millionen und sucht in Dortmund nach einem Nachfolger, Dortmund sucht in Frankfurt oder beim HSV, die in Heidenheim und Heidenheim bei Hansa Rostock.“ Teile der Wahnsinnssummen werden nach unten weitergereicht. „Wenn Dortmund 120 Millionen Euro für Dembelé bekommt, dann müssen sie was tun“, sagt er. „Sie können das Geld ja nicht aufessen.“

Wer Gehaltsverhandlungen mit Spielern und deren Beratern führt, hat es ohnehin schon schwer. Der neue Fernsehvertrag, den die Deutsche Fußball Liga 2016 abgeschlossen hat, bringt Einnahmen von 1,2 Milliarden Euro jährlich – und dementsprechend hungrige Verhandlungspartner. Bruchhagen sagt, der Klassiker in solchen Verhandlungen sei der Satz: „Die Flut hebt alle Boote.“ Denn jeder will ein größeres Stück vom immer größeren Kuchen. Die Spielergehälter hätten sich in den vergangenen 8 Jahren verdreifacht – und zwar ohne dass die Spieler in dieser Zeit wesentlich besser geworden wären.

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Was mit irrwitzigen Investitionen in der englischen Premier League begonnen hat, vor allem beim FC Chelsea durch den russischen Milliardär Roman Abramowitsch, und was jetzt mit den qatarischen Millionen für Paris seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, will Bruchhagen trotzdem nicht verteufeln. „Wenn das Geld von Verein zu Verein wandert, schadet das dem Fußball nicht“, sagt er. Es dürfe nur nicht in den falschen Taschen landen, etwa in denen von Spielerberatern.

Quelle: F.A.Z.
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