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Fachkräfte

Daimler und Bosch holen die Rentner zurück

Von Susanne Preuß, Sindelfingen
 - 12:47
Ein „Space Cowboy“ auf festem Boden: Daimler holt Ingenieure wie Peter Linden aus dem Ruhestand zurück, um ihre Erfahrung weiter zu nutzen. Bild: Wohlfahrt, Rainer, F.A.Z.

Der „Rentnermarathon“ ist so ganz nach Peter Lindens Geschmack: Ein Tag Radfahren, ein Tag Schwimmen, ein Tag Walken sei das, erklärt er schmunzelnd. Dabei ist er nicht zimperlich mit seinem Pensum. Gerade erst hat er das schöne Herbstwetter genutzt, um eine Tour im Allgäu zu machen, von Füssen aus über den Plansee hinauf zum Königsschloss Linderhof - das macht schon mal 1000 Meter Höhenunterschied. Aber für jeden Tag sei das ja auch nichts, sagt Linden, der seit knapp zwei Jahren im Ruhestand ist. Und so ist er froh, dass sein alter Arbeitgeber Daimler ihn wieder engagiert hat. Lindens Job ist es, kurz gesagt, den chinesischen Kooperationspartnern von Mercedes klarzumachen, dass sie beim Bau der nächsten E-Klasse die nötigen Werkzeuge für das Formen der Blechteile nicht etwa selbst herstellen oder bei den Japanern kaufen, sondern direkt bei Mercedes in Sindelfingen.

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Peter Linden ist dafür prädestiniert: Er kennt den Betriebsmittelbau aus dem Effeff, hat sogar Erfahrung gesammelt in der Entwicklung der entsprechenden Verfahren und lässt sich als promovierter Metall-Physiker so schnell nicht aufs Glatteis führen. Außerdem: „Mein Alter verschafft mir einen gewissen Respekt.“

Linden ist damit die Idealbesetzung für die Truppe von „Space Cowboys“, wie man bei Daimler die Rentner nennt, die auch im Ruhestand noch für den Autokonzern tätig werden. So wie die Space Cowboys um Clint Eastwood im gleichnamigen Film aus dem Jahr 2000 durch den Einsatz ihrer Uralt-Kenntnisse die Welt vor einem atomwaffenbestückten Satelliten retteten, so soll auch bei Daimler das Spezialwissen ehemaliger Kollegen genutzt werden. Seit dem Start des Programms vor eineinhalb Jahren haben sich 480 frühere Mitarbeiter registrieren lassen - macht in Summe die Erfahrung aus vielen tausend Berufsjahren. Vor allem aus den Bereichen Forschung und Produktion ist die Nachfrage hoch, heißt es bei Daimler.

Reisen nach China

Im Fall des China-Projekts hat man sich an Peter Linden, den früheren Abteilungsleiter, erinnert, als klar war, dass einige Reisen nötig würden. Das ist ein Kraftakt, den die eigentlich zuständige Mitarbeiterin aus familiären Gründen nicht stemmen konnte. Schnell geht in China nämlich gar nichts. „Unser stärkstes Argument ist, dass wir die Werkzeuge für die Produktion in Sindelfingen bauen“, sagt Linden. Bessere Referenzen gibt es nicht. Wenn Mercedes selbst die Werkzeuge liefert, aus denen die Bleche für den neuen Mercedes geformt werden, dann muss das „top“ sein, so die Logik. Doch ein Selbstläufer ist das deswegen nicht. Denn die Werkzeuge aus Sindelfingen kosten mehr als bei der Konkurrenz, daher lassen sich die chinesischen Geschäftspartner schon sehr genau jedes technische Detail erklären.

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Sechsmal war Peter Linden dieses Jahr schon in Peking, eine siebte Reise zeichnet sich ab; da wird es dann darum gehen, gemeinsam mit dem Werkstattmeister zu klären, wie der Einsatz der Werkzeuge im Detail laufen soll. Immerhin geht es nicht nur um ein paar Blechteile, wie man laienhaft vermuten mag: Allein die Außenhaut der E-Klasse besteht aus elf Blechen, insgesamt werden zwischen 300 und 400 vorgeformte Blechteile in jedem Auto verbaut.

Der „Bosch-Mumien-Service“

Pionier für diese Art von Rentner-Arbeit ist Bosch. Der Stuttgarter Konzern gründete schon vor 15 Jahren die Tochterfirma BMS, was korrekt Bosch Management Support heißt, aber schnell scherzhaft mit „Bosch-Mumien-Service“ übersetzt wurde. Mancher, der von Anfang dabei war, ist mittlerweile hoch in den Siebzigern und immer noch quer durch die Bosch-Welt tätig. In der BMS-Kartei stehen 1600 Namen. Allein im vergangenen Jahr gab es mehr als 1000 Beratungsaufträge mit insgesamt 50 000 Einsatztagen. Das Modell beschränkt sich längst nicht mehr auf die Rentner der deutschen Bosch-Gesellschaften, sondern findet auch in Großbritannien, Nordamerika, Brasilien, Japan und neuerdings in Indien Nachahmer.

„Unsere Seniorexperten sind wichtige Leistungsträger. Ihr langjähriges Know-how hilft bei Problemlösungen, liefert neue Ideen und stärkt unsere Innovationsfähigkeit“, erklärt Christoph Kübel, Personalgeschäftsführer der Robert Bosch GmbH. Wilfried Porth, Personalvorstand der Daimler AG, stimmt zu: „Durch die Zusammenarbeit zwischen den Generationen gewinnen wir wertvolle Impulse“, sagt er. Die Vorteile für die Unternehmen haben sich offenkundig herumgesprochen. So setzen etwa ABB und Bayer, der Anlagenbauer SMS Siemag, aber auch der Versandhändler Otto und die Drogeriekette Budnikowsky ehemalige Arbeitnehmer ein.

Aus Sicht der Senioren gibt es wohl gerade im Handel handfeste materielle Gründe für Sondereinsätze beim früheren Arbeitgeber: ältere Frauen, die oft jahrelang schlecht bezahlte Teilzeitarbeit hinter sich haben, bessern damit ihre Rente auf. Bei Bosch und Daimler, wo tendenziell Ingenieure oder Meister ihre Erfahrung zu Geld machen, ist auch im Rentenalter das Honorar höher, die Notwendigkeit des Zuverdiensts indes geringer. Der Spaß an der Arbeit, die sozialen Kontakte und der Wunsch, geistig fit zu bleiben, sind die häufigsten Argumente fürs Arbeiten in fortgeschrittenem Alter, wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung aus einer Befragung von 5000 Menschen im Alter zwischen 55 und 70 Jahren herausfand. Außerdem schätzten die Senioren das Gefühl, gebraucht zu werden.

Peter Linden sagt über seine Motivation: „Ich war einfach noch nicht müde.“ Sein Arbeitsvertrag endete, wie bei Daimler jahrelang im Führungskräftebereich üblich, eigentlich mit 60 Jahren. Ein Jahr hat er verlängert, dann war im November 2012 Schluss. In den Wochen und Monaten danach beobachtete Peter Linden an seinem Wohnort in Ulm die alten Männer, die offenbar gelangweilt bis deprimiert ihren Tag in der Stadt verbrachten: „So will ich mein Leben nicht verbringen“, beschloss er und war froh, als wenige Monate danach bei Daimler das „Space Cowboys“-Programm aufgelegt wurde. Er gehörte zu den Ersten, die sich registrieren ließen.

Wenn Peter Linden in Sindelfingen in seiner alten Abteilung auftaucht, wird er freudig begrüßt. Es gefällt ihm, seine Erfahrung weiterzugeben, gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich. Gelegentlich sieht er sich auch als Kummerkasten, schließlich will nicht jeder Mitarbeiter mit seinem Ärger gleich zum Chef gehen. Nur sehr vereinzelt hat Linden negative Reaktionen auf sein Engagement erfahren. Dann kamen schon mal Bemerkungen wie: „Der kann wohl nicht genug kriegen.“

Einem möglichen Konkurrenzdenken zwischen Stammbelegschaft und Senior-Experten beugt die Regelung vor, die solche Tätigkeiten auf klar definierte Projekte beschränkt und die Einsatzdauer auf 50 Tage im Jahr oder auf maximal sechs Monate für ein Projekt. Danach darf ein Rentner, der immer noch weiter arbeiten will, nur in einem anderen Bereich tätig werden. Kein Problem, findet Peter Linden, der daran erinnert, dass viele Produktionstechniken von heute unter seiner Mitwirkung in der Forschungsabteilung in Ulm entwickelt worden sind. Gut möglich also, dass weitere Anfragen aus anderen Abteilungen an ihn herangetragen werden. Vorläufig beschäftigt sich der gelernte Werkzeugmacher weiter mit dem China-Projekt. „Solange ich gesund bin, will ich weitermachen“, sagt Linden. Dabei schaut er weit über den Produktionsstart der nächsten E-Klasse hinaus: Auch die Produktion aller anderen künftigen Mercedes-Modelle beim chinesischen Partnerunternehmen soll mit Werkzeugen aus Sindelfingen erfolgen, so ist sein Ziel. „Natürlich habe ich Ehrgeiz“, sagt er: „Das gehört doch zum Geschäftsleben dazu. Ohne das wäre ich nie Abteilungsleiter geworden.“

Quelle: F.A.Z.
Susanne Preuß
Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.
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