Kassel

Die große Pleite der Documenta

Von Ralph Bollmann
 - 20:25
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Die diesjährige Documenta, die am heutigen Sonntag zu Ende geht, ist genau das, was linke Kulturpolitiker normalerweise hassen: Eventkultur. Alle fünf Jahre pilgern Kunstfreunde aus ganz Deutschland und der Welt ins nordhessische Kassel, das gewöhnlich einen eher öden Ruf genießt, und schauen sich dort Kunstwerke an, die sie selbst bestenfalls halb verstehen (und die sie in jeder anständigen Metropole auch in anderen Jahren zu sehen bekämen).

Erst das Prinzip der künstlichen Verknappung macht die Sache attraktiv, schafft einen Hype, heizt die Nachfrage an. Mehr als sonst gilt das in diesem Jahr, als die Schau besonders politisch sein wollte, nach Meinung von Kritikern besonders unverständlich erschien – und medienwirksam ein zweites Standbein in Athen eröffnete. Auch der Antikapitalismus, den die Macher zur Schau tragen, ist in diesen Zeiten gewöhnlich ein erfolgversprechendes Geschäftsmodell.

Geld für restliche Gehälter fehlt

Dagegen lässt sich gar nichts sagen, ganz im Gegenteil. Dumm ist es nur, wenn die Rechnung am Ende nicht aufgeht. Obwohl die öffentliche Hand dieses Jahr so viel Geld zuschoss wie noch nie, fehlen in der Schlussbilanz dem Vernehmen nach rund sieben Millionen Euro, je nach Berechnung bis zu ein Fünftel des Etats. Nur noch bis zum Monatsende ist die Betreibergesellschaft liquide, für die restlichen Gehälter, den Rücktransport der Kunstwerke und sonstige Folgekosten braucht sie Bürgschaften der öffentlichen Hand. Der Aufsichtsrat, in dem vor allem Stadt und Land das Sagen haben, will kommenden Donnerstag über das weitere Vorgehen beraten. Bis dahin gibt es einen Bericht der Wirtschaftsprüfer von PWC. Dann wird man Genaueres wissen über Umfang und Ursachen des Finanzlochs.

Einige wurden schon hellhörig, als Geschäftsführerin Annette Kulenkampff im März eine mangelnde Finanzausstattung beklagte. „Im Verhältnis zur Finanzierung von Theatern ist die Documenta durch die öffentliche Hand unterfinanziert“, schimpfte sie. Mulmig wurde ihr wohl angesichts der hochfliegenden Pläne des diesjährigen Kurators Adam Szymczyk, der auf die Idee des zweiten Standbeins in Athen verfallen war. Das Konzept wurde von den beteiligten Politikern in den Aufsichtsgremien abgesegnet, größere Mehrkosten sollten – jenseits der bereits erfolgten Etaterhöhung – nicht anfallen. Das wollten alle gern glauben, vermutlich auch, weil es am bequemsten war. Das Vorgehen erinnert an Hauptstadtflughafen, Elbphilharmonie oder die Berliner Opernsanierung.

Kassel
Impressionen von der documenta 14
© dpa, reuters

Keine Aussagen zur Ursache des Finanzlochs

Um über eigene Versäumnisse nicht reden zu müssen, werden der hessische Kulturminister Boris Rhein (CDU) und der neue Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) vermutlich nicht allzu streng sein mit der Documenta. Geselle ließ schon wissen, die Ausstellung sei „untrennbar mit Kassel verbunden“. Das deutet darauf hin, dass die öffentliche Hand die Verluste am Ende schon ausgleichen wird. Der vermeintliche Hauptschuldige, Kurator Szymczyk, geht sowieso. Womöglich trennt man sich auch von der Geschäftsführerin. Die Politik wäre dann fein raus.

Über die genauen Ursachen der Finanzierungslücke schweigen sich die Beteiligten noch aus, aber Indizien gibt es. Der zweite Standort verursachte hohe Kosten für Reisen, Kooperationspartner, den Transport der Kunstwerke. Ihnen standen kaum Einnahmen gegenüber, weil die Documenta in Athen keine eigenen Eintrittsgelder erhob. Der Zugang zu den Ausstellungsorten war entweder frei, oder das Geld floss an die örtlichen Institutionen. „Mehr als 330 000 Besuche zählten die Veranstaltungsorte in Athen“, sagen die Veranstalter. Besuche sind aber keine Besucher. Wer mehrere Documenta-Stätten inspizierte, wurde mehrfach eingerechnet. Das bedeutet: Auch in Bezug auf die Publikumsresonanz war Athen eher ein Flop.

Die Besucherzahlen reichen nicht aus

Besser sieht es in Kassel aus. Dort gab es, wie die Documenta am Donnerstag mitteilte, immerhin 850 000 Besucher (nicht bloß Besuche) – obwohl die deutschen Feuilletons überwiegend Verrisse druckten (die „New York Times“ war gnädiger). Gegenüber dem Rekordjahr 2012 mit 905 000 Interessenten bedeutet auch das einen empfindlichen Rückgang. Er wiegt umso schwerer, als die Betreibergesellschaft auf die Karteneinnahmen von 22 Euro je Tagesticket stark angewiesen ist. Um die Sache zu retten, so heißt es, hätten die Mitarbeiter ihren Merchandising-Krimskrams dem Publikum zuletzt penetrant aufgedrängt.

Auf einmal will Kurator Szymczyk alles schon vorher gewusst haben. Es sei doch eine Tatsache, „dass dieses neue Projekt notwendigerweise größere und offensichtliche Folgen für die finanzielle Seite haben würde“. In den Haushaltsplan der Documenta fand diese Erkenntnis keinen Eingang, so wenig wie der Umstand, dass Szymczyk von Besucherzahlen als Erfolgsindikator nun nichts mehr wissen will. „Forderungen nach weiterem Wachstum entstammen einem Traumbild von der Documenta als weiterem Zahnrad der Industrie des Kulturtourismus“, findet er – um beinahe im selben Atemzug höhere Subventionen mit der Umwegrentabilität eben dieser Kulturindustrie zu rechtfertigen: „Das Geld, das während Dauer und Vorbereitung der Documenta in die Stadt fließt, übersteigt die Summe, die Stadt und Region in die Ausstellung investieren, und zwar um ein Vielfaches.“

Andere Festival erhalten geringere Zuschüsse

Tatsächlich ist die Documenta, an den Verhältnissen des deutschen Kulturbetriebs gemessen, eine vergleichsweise kapitalistische Veranstaltung. Sie erwirtschaftet, wenn es gutgeht, einen relativ hohen Teil ihres Etats selbst. Wie viel genau, darüber gehen die Ansichten auseinander. Die Documenta selbst sagt, sie erhalte von Stadt und Land jeweils sieben Millionen Euro, plus 4,5 Millionen von der Bundeskulturstiftung. Macht 18,5 Millionen Euro, zu denen gleich hohe Eigeneinnahmen hinzukommen – aus Eintritt, Souvenirs, Sponsorengeldern.

Das Land rechnet vor, dass es mit den vier Vorbereitungsjahren insgesamt 13,8 Millionen Euro in das diesjährige Projekt gesteckt habe, das zugehörige Museum Fridericianum eingeschlossen. Die Stadt kommt für die fünfjährige Periode auf eine noch etwas höhere Summe. Im Vergleich zu den großen Kulturtankern in den Metropolen ist das nicht viel Geld, für einen sommerlichen Festivalbetrieb sind es beträchtliche Summen: Für die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele etwa schießt die öffentliche Hand nicht mal sechs Millionen Euro zu.

Auch bei dieser Rechnung würde die Documenta rund ein Drittel ihres Geldes selbst erwirtschaften, selbst das wäre ein hoher Wert. Die deutschen Theater und Orchester spielen im Schnitt nur 20 Prozent ihrer Kosten ein. Erfolgreiche Häuser wie die Bayerische Staatsoper kommen sogar auf 40 Prozent Eigeneinnahmen, ähnlich wie die Documenta. Statt über die hohe Quote zu jammern, könnten die Veranstalter ganz stolz sein auf ihren kapitalistischen Erfolg. Wenn da das Finanzloch nicht wäre.

Quelle: F.A.S.
Ralph Bollmann - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ralph Bollmann
Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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