Gamescom

Spielerisch ungebunden

Von Martin Gropp, Köln
 - 07:18
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Manchmal müssen sich auch unabhängige Menschen ungeahnten Zwängen unterwerfen. Und so läuft am Mittwochmittag ein Mitarbeiter des amerikanischen Unternehmens Indiemegabooth.com noch schnell mit kleinen bunten Aufklebern durch die Halle 10 auf dem Kölner Messegelände. Dort hat mit einem Fachbesuchertag gerade die Gamescom eröffnet, die größte Computerspielemesse der Welt. Von diesem Donnerstag an kommen bis Sonntag Hunderttausende Besucher aller Altersklassen zur Gamescom. Deshalb müssen auch die Spiele auf dem Gemeinschaftsstand „Indie Megabooth“ alle mit einem Aufkleber für die Altersfreigabe gekennzeichnet werden - von weiß für freigegeben ab „0 Jahre“ bis rot für Spiele, die nur Besucher nutzen dürfen, die mindestens 18 Jahre alt sind. „In Amerika kennen wir so etwas gar nicht“, sagt Kelly Wallick, die Organisatorin der „Indie Megabooth“, dem Gemeinschaftsstand der unabhängigen Spieleentwickler.

In der Halle 10.1 lernt so jeder von jedem. Denn auf der Gamescom ist das Konzept eines Gemeinschaftsstands der Unabhängigen neu. In diesem Jahr haben sich hier 34 Entwickler zusammengefunden. Manche sind Einzelkämpfer, andere Unternehmen haben drei, vier oder zehn Mitarbeiter. Sie kommen aus Dänemark, Kroatien, Deutschland, Kanada oder den Vereinigten Staaten. 70 Prozent der hier ausstellenden Entwickler seien europäisch, schätzt Wallick. Sie alle haben ein Ziel: Die Gamescom nutzen, um ihre eigenen Spiele bekannter zu machen.

Das ist gar nicht so einfach, allein schon räumlich. Der Stand der Unabhängigen liegt abseits der großen Hallen, wo die etablierten Hersteller und Studios mit ihren lauten, grellen Riesenausstellungsflächen locken. Und mit ihren Spielen, die das Etikett „AAA“ tragen, ähnlich den Bonitätsnoten der Ratingagenturen. „Triple A“ ist die Massenware, die Millionen Spieler anlockt. Die Spiele der Unabhängigen rangieren irgendwo darunter, manche sehr weit. Für die Organisatorin Wallick haben sie aber dennoch ihre Berechtigung. Es gebe kein Entweder-Oder, sagt Wallick. „Die meisten Spieler nutzen beide Arten von Spielen, die großen und die kleinen.“

Abbey Games präsentiert sein zweites Spiel

Das weiß auch Manuel Kerssemakers. Der 24 Jahre alte Informatiker trägt ein graues T-Shirt, auf dem ein Joystick abgebildet ist. Kerssemakers ist Mitgründer des niederländischen Spieleentwicklerrs Abbey Games. „Reus“ hieß das erste Spiel des Unternehmens, das sich für einen Preis von 10 Euro rund 500.000 Mal verkauft hat. Auf der Gamescom präsentiert Abbey Games nun sein zweites Spiel „Renowned Explorers“. Das Spiel, in dem der Nutzer in die Rolle eines Entdeckers schlüpft, soll im nächsten Jahr auf den Markt kommen. Inzwischen arbeiten 15 Mitarbeiter in Kerssemakers’ Unternehmen. „Es läuft ziemlich gut“, sagt er.

Dabei war der Schritt, ein eigenes Unternehmen zu gründen, mehr oder weniger aus der Not geboren. Kerssemakers und seine drei Mitgründer wollten nach ihrem Abschluss als Informatiker Arbeit in der niederländischen Spieleindustrie finden. Aber es gab nicht viele offene Stellen. So machten sie ihr eigenes Ding, erst noch neben dem Studium, später dann in Vollzeit. Heute sagt er, dass es auch ein Traum sei, ein eigenes Unternehmen zu führen. Wenn jetzt auf der Gamescom ein Investor auf ihn zukäme und Interesse für sein Unternehmen äußerte, würde er sich durchaus geschmeichelt fühlen. „Aber momentan sind wir gut finanziert, wir haben unsere Spielerbasis. Wir schaffen das auch allein.“

Ein paar Stände weiter ist Jonas Byressen dagegen der Idee nicht abgeneigt, einen Investor für die Weiterentwicklung des Spiels „Back to Bed“ zu finden. Darin steuert der Nutzer zum Beispiel auf einem Tabletrechner einen Schlafwandler über Dächer, die einem surrealistischen Gemälde entsprungen scheinen - inklusive der zerfließenden Taschenuhren des Malers Salvador Dalí. „Zu einer Außenfinanzierung würde ich nicht nein sagen“, sagt der 26 Jahre alte Däne Byressen. Bis dahin wollen er und seine Mitgründer kontrolliert weiter wachsen. Bisher haben laut Byressen mehrere tausend Menschen „Back to Bed“ für 4 Dollar auf ihre Smartphones oder Tablets geladen.

Erfolgreiche Kooperationen in der Spieleindustrie

Dabei sind auch die großen Spieler der Branche nicht abgeneigt, mit den Unabhängigen zusammenzuarbeiten. „Das Wachstum der unabhängigen Entwickler sehen wir als einen sehr positiven Trend“, sagt etwa Andrew House, der beim Technikkonzern Sony das Unterhaltungsgeschäft leitet, zu dem unter anderem die hauseigene Spielkonsole Playstation 4 gehört. „Dass neue Talente nachkommen, ist wichtig für die Gesundheit unseres Geschäfts“, sagt House. Und das soll sich auch langfristig niederschlagen durch dauerhafte Verbindungen und Verträge zwischen den Großen der Branche und den Kleinen. „Wir gehen fair mit kleinen Entwicklern um. Wir wollen schließlich, dass sie nicht nur ein erfolgreiches Spiel liefern, sondern mehrere.“

Von erfolgreichen Kooperationen über alle Größengrenzen der Spieleindustrie hinweg kann auch Kelly Wallick berichten, die Organisatorin des Gemeinschaftsstandes. „Wir haben auf unseren Ständen inzwischen eine ganze Reihe von Spielen präsentiert, die mit den Großen der Branche zusammenarbeiten“, sagt Wallick. Und sie sei sich sicher, dass auch ein paar der Aussteller in Köln demnächst mit den Branchengrößen zusammenarbeiten.

Quelle: F.A.Z.
Martin Gropp - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Martin Gropp
Redakteur in der Wirtschaft.
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