Größte Einzelinvestition

Bosch baut Halbleiterfabrik in Dresden für eine Milliarde Euro

Von Susanne Preuß, Stuttgart
 - 10:16

Der Technikkonzern Bosch baut seine Position als Chip-Lieferant weiter aus. Nachdem das Stuttgarter Unternehmen vor sieben Jahren im schwäbischen Reutlingen eine erste Halbleiterfabrik für 600 Millionen Euro gebaut hatte, in der Tag für Tag mehr als vier Millionen Sensoren produziert werden, legt Bosch nun nach: In Dresden soll eine weitere Chipfabrik entstehen, in die das Unternehmen mehr als eine Milliarde Euro investiert.

Dies wird die „größte Einzelinvestition in der mehr als 130-jährigen Geschichte von Bosch sein“, sagte der Bosch-Vorstandsvorsitzende Volkmar Denner. Schon vor einigen Tagen deutete sich ein entsprechender Schritt an: Bosch hatte für diesen Montag zu einer Pressekonferenz im Bundeswirtschaftsministerium eingeladen, die den etwas sperrigen Titel trug: „Halbleiterfertigung von Bosch und Fördermaßnahme IPCEI-Mikroelektronik“.

Für Deutschland wichtig

Das Kürzel IPCEI in der Einladung steht für „Important Project of Common European Interest“. Das Etikett weist darauf hin, dass die europäischen Länder besonders große Fördertöpfe zur Verfügung stellen dürfen, wenn es bei den Investitionen um „wichtige Vorhaben von gemeinsamem europäischen Interesse geht“, und dass außerdem die Förderquote außergewöhnlich hoch sein darf. In Deutschland wurde aufgrund einer Analyse von der Bundesregierung die Mikroelektronik als ein solches strategisch bedeutsames Zukunftsfeld definiert.

Hochspezialisierte Halbleiterprodukte wie Prozessoren und Speicherchips seien ausschlaggebend für den Erfolg der für Deutschland so wichtigen Autobranche sowie den Maschinen- und Anlagenbau, so die Argumentation – da will man die eigenen, schon vorhandenen Kompetenzen in der Wirtschaft fördern. Der Bund will daher bis zum Jahr 2020 der investitionswilligen Industrie eine Milliarde Euro Subventionen gewähren. Im Gegenzug habe die Wirtschaft, so berichtete Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) im vergangenen Sommer, Investitionen von mehr als 2,3 Milliarden Euro für die Sparte Mikroelektronik zugesagt.

Mittlerweile ist das Projektvolumen, für das Brüssel entsprechende Ausnahmen vom sonst strengeren Beihilferecht gewähren soll, sogar deutlich höher. Nicht nur Bosch greift tief in die Kasse. Auch der Münchener Chiphersteller Infineon plant Investitionen im mittleren dreistelligen Millionenbetrag in seinen drei deutschen Werken in Regensburg, Dresden und Warstein. Der amerikanische Wettbewerber Globalfoundries hat angekündigt, die Kapazitäten in Dresden um 40 Prozent zu erhöhen und dafür mehr als 1,5 Milliarden Euro zu investieren.

Ballungsraum „Silicon Saxony“

Wie hoch die Subventionen für die Bosch-Fabrik letztlich sind, ist noch nicht klar. Das Beihilfeverfahren ist noch nicht abgeschlossen. Etwa ein Drittel der Ausgaben dürften aber aus Steuermitteln finanziert werden. Gleichwohl hat sich Bosch nicht von vornherein auf einen Standort in Deutschland festgelegt, sondern auch Alternativen in Asien und Nordamerika geprüft, wo die Halbleiterbranche ihre Schwerpunkte hat. Lediglich noch 6 Prozent aller Chips werden in Europa produziert. Bosch-Chef Volkmar Denner, der auch Mitglied des Innovationsbeirats der Bundesregierung ist, lässt allerdings immer wieder durchblicken, dass er die grundsätzlichen Überlegungen der Politik teilt: Danach ist es für die Zukunftssicherung des Standorts Deutschland sinnvoll, hierzulande in strategische Felder zu investieren.

Für Dresden spricht zudem die Ballung der Kompetenzen in Sachen Mikroelektronik. Unter dem Titel „Silicon Saxony“ haben sich Wissenschaft und Wirtschaft zu einer Art Ökosystem zusammengefunden, das immer weitere Spezialisten anlockt. Bei den 320 angeschlossenen Unternehmen sind 20.000 Menschen tätig. Hier, so hofft man offenbar bei Bosch, wird man kein Problem haben, die 700 Arbeitsplätze in der neuen Fabrik mit Fachkräften besetzen zu können.

In einem Teilsegment der Halbleitertechnik ist Bosch selbst führend: bei den mikromechanischen Sensoren (Mems), die in Reutlingen hergestellt werden. Die Chips, die teilweise kaum größer als ein Sandkorn sind, können die Temperatur oder die Feuchtigkeit messen, Schritte zählen oder erkennen, ob ein Laptop gerade zu Boden fällt, um diesen rechtzeitig noch in einen Notmodus zu schalten. In jedem zweiten Mobiltelefon auf der Welt sind solche Sensoren von Bosch eingebaut, und natürlich ist das Einsatzfeld auch im Auto besonders groß. Zunehmende Anwendungsmöglichkeiten finden die Sensoren innerhalb der zahlreichen Fahrassistenzsysteme, die letztlich im autonomen Fahren münden werden. Auch für die neue Fabrik in Dresden, die bis zum Jahr 2021 fertig sein soll, wird die Fahrzeugindustrie der Hauptabnehmer sein. Dort sollen vorwiegend Asics hergestellt werden, programmierte Chips, die je nach Anwendungsfall zu spezifischen Schaltkreisen verbunden werden.

Das Traditionsunternehmen Bosch steht vor der Herausforderung, die Position als führender Zulieferer der Autoindustrie zu behaupten. Im Zuge dessen wird auch der Einstieg in die Produktion von Batteriezellen für die Elektromobilität geprüft – eine Investition, die wohl ein Vielfaches dessen kosten würde, was das Unternehmen jetzt für die Chipfabrik veranschlagt.

Der Konzern, der auch Hausgeräte, Heizungen, Elektrowerkzeuge, Medizintechnik, Sicherheitstechnik und vieles mehr verkauft, setzt zudem darauf, dass sich in einer zunehmend vernetzten Welt für einen so diversifizierten Anbieter neue Geschäftschancen, ergeben. Um dieses Potential auszuschöpfen hat Bosch Investitionen von 300 Millionen Euro in die künstliche Intelligenz angekündigt. Für Forschung und Entwicklung hat Bosch im vergangenen Jahr 6,6 Milliarden Euro ausgegeben. Die 390.000 Mitarbeiter erwirtschafteten einen Umsatz von 73 Milliarden Euro.

Quelle: FAZ.NET
Susanne Preuß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Susanne Preuß
Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.
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