Industrie 4.0

Wie fünf Mittelständler Siemens und Co. trotzen wollen

Von Georg Giersberg und Uwe Marx
 - 08:13

Der Aufschlag war gewaltig: Der größte Werkzeugmaschinenbauer der Welt DMG Mori, der führende Hersteller von Lackieranlagen und Holzbearbeitungsmaschinen (Marke Homag) Dürr, der Optikkonzern Zeiss, das Softwareunternehmen Software AG und der Hersteller von Maschinen zur Leiterplattenbestückung ASM hatten gemeinsam nach Frankfurt geladen. Die Spannung war groß. Christian Thönes, Vorstandsvorsitzender von DMG Mori, brachte es mit seinem ersten Satz auf den Punkt: Der Maschinen- und Anlagenbau nimmt die Digitalisierung selbst in die Hand und gestaltet sie aktiv mit.

Die fünf großen Mittelständler hoben in Frankfurt das gemeinsame Unternehmen Adamos GmbH mit Sitz in Darmstadt aus der Taufe. In diesem haben alle Partner – zum allergrößten Teil die Software AG – ihre Digitalisierungsaktivitäten eingebracht, um künftig den Kunden über die Datenwolke (Cloud) Serviceleistungen rund um die Maschinen anbieten zu können. Das ist nicht die erste Digitalplattform. Es gibt bestehende von General Electric, von Siemens oder Trumpf. Aber Adamos soll sich unterscheiden. Die hinter ihr stehenden fünf Partner, die zu je 20 Prozent an der GmbH beteiligt sind, fangen nicht bei null an. Sie haben bewusst kein Start-up gegründet oder übernommen, sondern starten offiziell am 1. Oktober mit mehr als 200 Mitarbeitern, mehr als 30 Applikationen und auf 5 digitalen Marktplätzen. Die Anfangsinvestitionen betragen 60 Millionen Euro. Größe, davon sind die Partner überzeugt, ist in der digitalen Welt noch wichtiger als in der analogen.

Hinter der Plattform Adamos – der Name ist ein Akronym aus der Langfassung „Adaptive Manufactoring Open Solutions“ – stehe auch nicht ein großer Anbieter von Anlagen oder Software, sondern es sei bewusst eine „Mittelstandslösung auf Augenhöhe“ gesucht worden, wie die Vorstände der Gesellschafter-Partner betonten. „Wir teilen die Markteinschätzung, dass je Branche nur zwei oder drei Internetplattformen überleben werden“, beschreibt Thönes die Ausgangslage. Unter den Hunderten, die in der Entwicklung sind, müsse man sich also erfolgreich absetzen, um zu den wenigen Überlebenden zu gehören. „Eine Eigenentwicklung kam für keinen von uns in Frage. Das hätte zu lange gedauert und zu viel Geld gekostet“, sagt Thönes. Und man könne nicht einmal sicher sein, dass man die notwendigen Mitarbeiter gefunden hätte. DMG Mori habe inzwischen zwar rund 150 IT-Fachleute, weil auch ein Maschinenbauer ohne Expertise auf diesem Gebiet keine Chance mehr hätte. Aber eine Entwicklung wie Adamos hätte sein Unternehmen trotzdem Jahre gekostet.

Allein die Software AG habe in die Entwicklung der für die Plattform notwendigen Software über mehrere Jahre etwa eine Milliarde Euro investiert. Das Unternehmen aus Darmstadt betreut die Adamos-Plattform. Auf dieser Plattform, die Werkzeuge zur Erfassung, Speicherung und Auswertung der gewonnenen Daten zur Verfügung stellt, kann jeder Partner seine eigene Applikation aufsetzen, die mit Hilfe dieser Werkzeuge speziell auf die Bedürfnisse seiner Kunden ausgerichtet werden. Derzeit gibt es auf der Plattform die Marktplätze der Gründungspartner, also Celos (DMG Mori), Tapio (Homag/Dürr), Loxeo (Dürr) oder Zeiss Apps (Zeiss).

Weitere Unternehmen sind an Zusammenarbeit interessiert

Die Resonanz sei schon vor dem Start so groß, dass auch der Geschäftsführer der neuen Gesellschaft Marco Link schnell weitere Partner erwartet. Ralf Dieter, Vorstandsvorsitzender von Dürr, geht davon aus, dass schon bald zehn Beteiligungspartner mit Gesellschaftsanteilen bei Adamos engagiert sein werden – und zudem zahlreiche Partner, die ausschließlich als Kunden eine eigene Applikation auf der Plattform betreiben. Die App kostet eine Grundgebühr von 300.000 Euro und dann eine Nutzungsgebühr zwischen 10 und 100 Euro, je nach angeschlossener Anlage und Datenmenge. Über diese App werden Hersteller künftig die eigenen Anlagen bei ihren Kunden digital überwachen, steuern und warten können. „Das ist ein günstiger Einstieg in die Digitalisierung“, sagte Thönes. „Andere geben stattdessen Millionen für Berater aus.“

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Nach den Worten von Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender der Software AG, stellt die Plattform 80 Prozent aller Funktionen zur Verfügung, die eine anwenderspezifische App braucht. Der App-Anbieter gestaltet die restlichen 20 Prozent, vor allem seine individuelle Nutzeroberfläche und spezifische Anwendungen für seine Kunden zur vorausschauenden Wartung, zur Steuerung, zur Organisation der Fertigung oder zur Auswertung der Daten. Das Angebot richte sich vor allem an Unternehmen, die selbst zu klein sind, um eine Plattform zu entwickeln. Der Ausgangspunkt sei zwar deutsch, das Angebot richte sich aber an Hersteller aller Länder. Über DMG Mori hat bereits deren japanische Muttergesellschaft Zugang zu Adamos, und über die ASM Assembly Systems in München ist deren Muttergesellschaft ASM Pacific Technologies in Hongkong beteiligt. Die Internationalität ist also schon in der Gründung angelegt. Der Schwerpunkt der Kundenakquise liege aber zunächst im deutschen Maschinenbau. Es sei das Alleinstellungsmerkmal der neuen Allianz gegenüber anderen Anbietern.

Beratung für Industrie 4.0

Für die Unternehmen biete Adamos nicht nur die technische Plattform, sondern auch Beratungsleistungen, um sich fit zu machen für die Digitalisierung und für die digitale Vernetzung (Stichwort: Industrie 4.0). Die Plattform sei offen für möglichst viele Nutzer. Je größer die Zahl der Nutzer, umso mehr Möglichkeiten der Nutzung, zum Beispiel der Datenanalyse und der Prognose, eröffnen sich. Obwohl der Datenschutz jedes einzelnen Partners hohe Priorität genieße, werde man den freiwilligen Datenaustausch ermöglichen. Damit kann jeder von den Erfahrungen anderer Partner profitieren. Berater sollen gerade kleineren Unternehmen beim Aufbau ihrer Industrie-4.0-Fähigkeit behilflich sein. „Wir helfen kleinen Maschinenbauern bei ihrem Gang in die digitale Welt“, beschreibt Dürr-Chef Ralf Dieter das Angebot von Adamos. Und das in einer Branche, die sich mit Kooperationen mitunter schwertue.

Die Plattform ermögliche Mittelständlern den Zugang zur digitalen Welt, ohne dass sie selbst Digitalexperten werden müssten. „Wir konzentrieren uns weiterhin auf unsere Messtechnik und sind dennoch digital auf dem neuesten Stand der Technik“, beschreibt Thomas Spitzenpfeil aus dem Konzernvorstand von Zeiss den Vorteil einer unabhängigen Plattform.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Giersberg, Georg (geg.)Autorenporträt / Marx, Uwe (umx)
Georg Giersberg
Uwe Marx
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.Redakteur in der Wirtschaft.
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